Ärzte Zeitung online, 16.01.2018

Pilotprojekt

Frankfurt wird Vorreiter bei Leichenschau

Mit einem bundesweit einmaligen Pilotprojekt will die Stadt Frankfurt die Leichenschau auf professionellere Füße stellen. Ein Rechtsmediziner übernimmt die Begutachtung bei polizeilich relevanten Fällen – allerdings nur in bestimmten Fällen.

Von Rebekka Höhl

Frankfurt wird Vorreiter bei Leichenschau

Obduktionsbesteck: In Frankfurt steht für die Leichenschau künftig ein eigener Rechtsmediziner zur Verfügung.

© Kurt Flügel / stock.adobe.com

FRANKFURT/MAIN. Es ist noch nicht das Bremer-Modell, aber dennoch ein bundesweites Novum, wie der Frankfurter Stadtrat und Gesundheitsderzernent Stefan Majer erklärte. "Wir sind mit dem Projekt die erste Kommune Deutschlands, die unabhängig von gesetzlichen Vorgaben des Landes eine Regelung zu einer qualifizierten Leichenschau getroffen hat", sagte er am Freitag bei der Vorstellung des Pilotprojekts, das bereits seit dem 2. Januar läuft.

Während in Bremen – ausgelöst durch den Fall des Krankenpflegers Niels H. – mittlerweile jeder Gestorbene von einem speziell ausgebildeten Leichenschauarzt begutachtet wird, hat sich Frankfurt für einen anderen Weg entschieden. In polizeilich relevanten Todesfällen oder wenn sich kein Arzt für die Leichenschau findet, übernimmt ein Rechtsmediziner diese.

Dazu kooperiert die Stadt mit dem Universitätsklinikum und dem Polizeipräsidium Frankfurt. Am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik wurde extra eine neue Stelle geschaffen: "Von Montag bis Freitag steht in der Rechtsmedizin ein Kollege zur Verfügung, der ausschließlich mit der Leichenschau betraut ist", berichtete Professor Marcel Verhoff, der das Institut für Rechtsmedizin leitet.

Bei weiterem Unterstützungsbedarf könne aber auch auf die Gesamtorganisation der Rechtsmedizin zurückgegriffen werden.

Lange Wartezeiten auf einen Arzt

Damit soll nicht nur die Qualität der Leichenschauen verbessert werden. Die Mainmetropole hatte ein noch ganz anderes Problem: In vielen Fällen fand sich in der Vergangenheit einfach kein Arzt, der bereit war, die Leichenschau zu übernehmen. Das galt zumindest für die Zeiten, die der ärztliche Bereitschaftsdienst nicht abdeckt.

"Ich habe großes Verständnis dafür, dass ein niedergelassener Arzt nicht seine Sprechstunde verlässt und seine Patienten sitzen lässt", so Majer. Aber es bestehe nun einmal die Pflicht zur zeitnahen Leichenschau.

Laut dem Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill gab es im vergangenen Jahr 935 Todesfälle, in denen die Polizei hinzugezogen wurde. Hier habe die durchschnittliche Wartezeit der Polizisten und Angehörigen vor Ort auf einen begutachtenden Arzt bei zwei Stunden gelegen. "In einzelnen Fällen waren es vier bis sechs Stunden", so Bereswill.

Es habe sogar einen Extremfall mit neun Stunden Wartezeit gegeben. "Das sind auf ein Jahr hochgerechnet rund 1700 Stunden Wartezeit." In Personalkapazitäten umgerechnet, würde damit ein Polizeibeamter im Jahr nichts anderes tun, als seine Zeit mit Warten zu verbringen.

Trotzdem spielt die Qualität natürlich eine Rolle: Wenn irgendein Arzt "mit wenig oder viel Erfahrung, wenig oder viel Zeit, weil er eine volle Praxis hat", die Leichenschau durchführe, sei auch die Qualität dementsprechend – "ich kann auch sagen schlecht" –, so der Polizeipräsident.

Die Tatsache, dass bislang in Fällen, in denen kein niedergelassener Arzt aufzutreiben war, das Gesundheitsamt einspringen musste, verbesserte die Situation kaum.

Mangel an Fachkräften

2,5 Leichenschauen hat die Rechtsmedizin der Uniklinik Frankfurt im Schnitt in den ersten zwei Wochen des neuen Pilotprojekts durchgeführt.

"Wir haben weder die personelle Ausstattung, noch die Expertise für die Leichenschau", räumte Professor René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt ein. Deshalb hatte das Amt auf Honorarkräfte zurückgegriffen, deren Finanzierung übrigens die KV übernommen hatte.

Auch Gottschalk ist von dem Pilotprojekt überzeugt: "Es ist im Prinzip zum Erfolg verdammt", spitzt er zu, weil die Leichenschau vom Experten und eben nicht mehr zwischen allen anderen Arbeiten durchgeführt werde.

Nachts bzw. außerhalb der Sprechzeiten der niedergelassenen Ärzte, wenn der ärztliche Bereitschaftsdienst die Leichenschau übernimmt, gab es diese Probleme nicht, wie Bereswill und Majer berichteten. Denn hier seien dann durchaus mit der Leichenschau erfahrene Ärzte unterwegs.

Majer hofft, dass das Projekt, das die Stadt mit 100.000 Euro aus ihrem Haushalt finanziert, Gehör in der Landeshauptstadt Wiesbaden findet. Nach dem Jahr soll es dann eine Evaluation geben und geschaut werden, ob und wie sich das Projekt weiterführen lässt.

"Wenn wir es dauerhaft durchführen wollen, müssen wir mit jährlichen Ausgaben von 200.000 Euro rechnen", sagte Majer. Dies sei gut angelegtes Geld, da auf der anderen Seite Ressourcen – etwa bei der Polizei – wieder frei würden.

Nichts fürs platte Land

Es ist aber auch klar, dass sich so etwas nicht aufs ganze Land Hessen ausrollen lässt. Verhoff: "Wir werden damit nie das weite Land erreichen können, der Aufwand wäre ungleich höher." So etwas ginge nur in größeren Städten, in denen eben auch Rechtsmedizinische Abteilungen vorgehalten werden.

Die Rechtsmedizin der Uniklinik Frankfurt bemüht sich aber auch um eine bessere Ausbildung der niedergelassenen Ärzte. Zusammen mit der Landesärztekammer biete man Fortbildungen an, so Verhoff.

Wichtig sei dabei, den Ärzten die Alarmsignale für ein mögliches Tötungsdelikt nahezubringen und sie zu sensibilisieren. "Was man an einem Tatort falsch macht, kann man später nicht mehr ausgleichen", mahnte auch Polizeipräsident Bereswill.

An der Uni Frankfurt macht laut Verhoff zudem jeder Medizinstudent 20 Leichenschauen. An vielen Universitäten käme dieser Teil der Ausbildung zu kurz. Oft finde dort nur an einem Nachmittag eine echte Leichenschau statt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Die Meinung: Leichenschau besser in Expertenhand

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