Ärzte Zeitung online, 18.06.2018

Eine scheinbar natürliche Ordnung

Als die Menschen sich in Rassen unterteilten

Seit rund einem halben Jahrtausend werden Menschen in Rassen eingeteilt. Eine Sonderausstellung nimmt sich dem Thema an: Wie hat sich der Rassenbegriff gewandelt und gibt es überhaupt verschiedene menschliche Rassen?

Von Sven Eichstädt

Als die Menschen sich in Rassen unterteilten

Im Werk „Let‘s talk about Race“ von Chris Buck sind die üblichen klischeehaften Rollen vertauscht: Weiße Europäerinnen pflegen asiatischen Frauen die Füße.

© Hygienemuseum Dresden

Die Zahl ist beeindruckend klein. In nur 0,1 Prozent der genetischen Informationen unterscheiden sich Menschen voneinander. Und davon wiederum bezieht sich nur ein kleiner Teil auf Unterschiede zwischen verschiedenen Gemeinschaften von Menschen.

Die meisten Differenzen bestehen vielmehr zwischen zwei Individuen derselben Population, worauf die Freiburger Biologin und Historikerin Veronika Lipphardt hinweist.

Sie hält den Begriff der Rasse für ein besonders untaugliches System der Ordnung von Menschen: "Denn es ist viel zu simpel, zu grob und zu willkürlich, um genetische Vielfalt zu ordnen." Dennoch werden seit rund einem halben Jahrtausend Menschen in Rassen eingeteilt – auch heute noch.

Mit dem Thema "Rassismus" beschäftigt sich denn auch eine Sonderausstellung des Deutschen Hygienemuseums in Dresden, die bis zum 6. Januar 2019 zu sehen ist. Die Schau in Dresden trägt den Untertitel "Die Erfindung von Menschenrassen", womit schon deutlich wird, dass sie sich kritisch mit dem Phänomen auseinandersetzt, dass Menschen in Rassen unterteilt werden.

Rasse ist "ideologischer Grundbegriff unserer modernen Selbstverständigung"

Der Begriff der Rasse gehörte für fast drei Jahrhunderte, woran der Historiker Christian Geulen erinnert, "mit all seinen gewalttätigen Folgen zu den zentralen ideologischen Grundbegriffen unserer modernen Selbstverständigung".

Doch worüber wird eigentlich gesprochen, wenn von Rassismus die Rede ist? Eine Definition, was unter Rassismus verstanden werden kann, hat der tunesisch-französische Soziologe Albert Memmi 1982 versucht. Danach ist Rassismus "die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen".

Laut Historiker Geulen, der an der Universität Koblenz-Landau lehrt, lässt sich der Beginn des Rassismus auf das Jahr 1492 und die Reconquista datieren, womit die "Rückeroberung" von arabisch besetzten Gebieten in der Region des heutigen Spaniens durch die Kirche und katholische Königtümer gemeint ist, die vom Norden Spaniens ausging.

Damals wurde die Bevölkerung nicht mehr nur danach eingeteilt, welcher Religion sie angehört, sondern erstmals auch danach, seit wie vielen Jahren sich eine Familie bereits zum christlichen Glauben bekannte und ihn auch praktizierte.

Neben das alte christliche Konzept einer "Reinheit des Glaubens" sei nun, wie Geulen anmerkt, die Idee einer "Reinheit des Blutes" getreten. Die Gruppen, die sich daraus ergaben, wurden seinerzeit Rassen genannt.

Eine scheinbar natürliche Ordnung

Schon hier zeigt sich laut Geulen, was auch der Untertitel der Dresdner Ausstellung sagt: Dass eine scheinbar "natürliche" Ordnung erfunden wurde, "wo sozial, politisch, religiös oder kulturell Unordnung herrschte". Vor allem dieser Effekt einer "natürlichen Ordnung" sei es gewesen, der den Rassenbegriff rasch über ganz Europa verbreitet habe.

Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter von Aufklärung, Humanismus und Naturrecht, wurde der Begriff der Rasse dann erstmals rational-wissenschaftlich begründet: Es entstand eine Einteilung der Menschheit, die nach Hautfarben sortierte und dies vor allem klimatisch begründete. Nun gab es weiße, gelbe, rote, braune und schwarze Rassen.

Als Beispiel veranschaulichen dies in der Ausstellung fünf Büsten von Eduard Schmidt von der Launitz (1797-1868), der damit die Theorie des Anatomen und Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) illustrierte.

Die in den Büsten dargestellten "Nationengesichter" nannte er kaukasisch, mongolisch, äthiopisch, amerikanisch und malayisch. Den Ursprung der Menschen sah er in der kaukasischen Variation, womit der weiße Europäer gemeint ist. Das Einteilen und Hierarchisieren in fünf Großgruppen prägt bis heute die populäre Bildsprache.

"Dabei befanden sich die weißen Europäer grundsätzlich an der Spitze und die bereits seit Jahrhunderten deportierten und versklavten Afrikaner grundsätzlich am unteren Ende dieser Hierarchien", wie Historiker Geulen feststellt. Trotz aller Verfeinerung durch Biologie, Völkerkunde und Anthropologie habe sich an der Funktion der Einteilung in Rassen nichts geändert, dass sie nämlich die globale Ungleichheit legitimierte.

Dynamik durch Evolutionstheorie

Mit dem Aufkommen der Evolutionstheorie von Charles Darwin im 19. Jahrhundert veränderte sich auch der Rassenbegriff: Denkfiguren von "Kampf" und "Züchtung" gaben ihm eine völlig neue Dynamik und neue ideologische Funktionen, worauf Geulen hinweist. Nun galt, dass die Zukunft der eigenen Rasse nicht mehr von Natur aus gesichert war, sondern durch die gleichen Mechanismen, wie sie evolutionstheoretisch in der Natur am Werk waren, praktisch garantiert werden müssen.

Extreme Gewalt, mit der europäische Staaten in ihren Kolonien seit dem späten 19. Jahrhundert geringste Formen von Aufbegehren niederschlugen, wurden mit dem neuen evolutionstheoretischen Rassenbegriff legitimiert und begründet. Hinzu kam, dass der soziale Klassenkampf im Kapitalismus selbst zu einem biologischen Überlebenskampf umgedeutet wurde, den nur die "Stärksten" überleben würden.

Geulen erinnert daran, dass unerwünschte körperliche Eigenschaften, Behinderungen oder geringe Intelligenz etwa durch das Verhindern von Schwangerschaften bekämpft und langfristig ausgerottet werden sollten. So kam es in vielen Staaten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Zwangssterilisierungen von behinderten oder als asozial angesehenen Menschen.

In der Ausstellung ist ein Foto von 1935 zu sehen, das in der Berliner Johann-August-Zeune-Schule entstanden ist. Es zeigt blinde und sehschwache Schüler, die an extra angefertigten Gipsköpfen als typisch angesehene "Rassenmerkmale" ertasten und die Köpfe mit speziellen Instrumenten vermessen sollten.

Der Unterricht sollte die sehschwachen und blinden Schüler davon überzeugen, ihrer Sterilisation im Interesse der "Volksgesundheit" zuzustimmen.

Vom Rassenglauben zum Rassenkampf

Rasse, so beschreibt es Geulen, wurde nun als Rassenkampf und Rassenerzeugung angesehen. Im Nationalsozialismus ging es dann soweit, dass die Vernichtung aller Feindrassen – und dabei vor allem der jüdischen – für viele Deutsche überzeugend als letzte und einzig mögliche Form des Herstellens und Realisierens einer eigenen "germanischen Rasse" der Zukunft angesehen wurde.

Das Hygienemuseum selbst organisierte beispielsweise zusammen mit dem Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP die Wanderausstellung "Ewiges Volk", die zwischen 1937 und 1939 durch große deutsche Städte tourte. Darin ging es unter anderem auch um "Erb- und Rassenpflege, Bevölkerungspolitik und deutsche Rassengeschichte".

Als Projektleiter fungierte Theodor Pakheiser, der auch wissenschaftlicher Leiter des Hygienemuseums war.

Derzeit sieht Geulen es als wirksamste Hinterlassenschaft des Rassenbegriffs an, dass sich Menschen durch die bloße Anwesenheit des Fremden in ihrer eigenen Identität existenziell bedroht fühlen. Der Historiker stellt fest, dass der Rassismus heute ohne den Rassenbegriff auskommt, "stattdessen ist von Kulturen, Gesellschaften, Völkern, Identitäten, Lebensformen und Lebensarten die Rede, die es durch Bekämpfung des anderen und Fremden um jeden Preis zu schützen gelte".

Der Züricher Historiker Jakob Tanner formuliert es so, dass das Konzept von Rassen sich inzwischen verbindet mit der Vorstellung einer homogenen Nation als Abstammungsgemeinschaft oder eines Kulturkreises mit festen Werten und Gebräuchen. "Sag mir deine Herkunft, und ich sage dir, wer du bist", laute die Maxime.

Angst vor "kultureller Umweltverschmutzung"

Der britische Soziologe Stuart Hall schätzte schon 1989 ein, dass hinter dem Diskurs des Rassismus immer die Angst vor "kultureller Umweltverschmutzung" lauere: "Die Phantasie des weißen Mannes, dass der schwarze Mann sexuell potenter ist, als er es jemals sein könnte, die Phantasie, dass die primitiven Schwarzen noch eine Beziehung zur Natur, zu den Instinkten, zu den Gefühlen haben, die man verdrängt und unterdrückt hat."

In der Ausstellung ist zum Beispiel das Porträt von Jean-Baptiste Belley (um 1746-1805) zu sehen, der als dunkelhäutiger Delegierter der französischen Kolonie in der Kleidung der Abgeordneten des Pariser Konvents dargestellt wird. Er lehnt an der Büste des Schriftstellers Abbé Raynal (1711-1796), der sich für die Aufhebung der Sklaverei ausgesprochen hatte.

Allerdings wird Belley so dargestellt, dass seine rechte Hand auf die Stelle seiner Hose zeigt, hinter der sich sein Geschlechtsteil befindet: Ein zeitgenössischer Hinweis auf Unzivilisiertheit. Die Hierarchie ihm gegenüber bleibt also bestehen.

Rassismus versuche, die Welt in binären Gegensätzen zu fixieren, aus Furcht, sonst in einem Mischmasch zu versinken, schätzte Hall ein. Wie sehr Stereotypen das Denken und Wahrnehmung auch heute prägen, zeigt in der Ausstellung eine Fotografie des 1964 geborenen Fotografen Chris Buck, die 2017 entstand und den Titel "Let's talk about Race" trägt. Hier sind die üblichen klischeehaften Rollen vertauscht: Weiße Europäerinnen pflegen diesmal asiatischen Frauen die Füße.

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