Ärzte Zeitung online, 12.01.2019

Im Wandel der Zeit

Warum Trägheit der Gesundheit schadet

Trägheit ist mal schwermütig, mal mutlos und feige, mal gleichgültig und gelangweilt: Im Laufe der Geschichte wurde die Todsünde sehr unterschiedlich bewertet – und ist angesichts vieler politischer Probleme wieder topaktuell.

Von Susanne Werner

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„Trägheit“ – Kupferstich, 1558, von Pieter van der Heyden nach einer Zeichnung von Pieter Bruegel dem Älteren.

© akg-images / picture alliance

Jetzt schon aufstehen? Nicht daran zu denken. Endlich die Steuererklärung fertig machen? Ach, das hat noch Zeit. Heute aufs Rad umsteigen, um seinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten? Warum gerade ich. Mal wieder das Lauftraining besuchen, vertraute Freunde einladen oder die tolle Kunstausstellung besuchen? Oh, viel zu viel!

Jeder und jede von uns kennt sie: die Trägheit. Sie zeigt sich als Faulheit, als lustloses Gefühl, als aufschiebende Kraft, als Gleichgültigkeit, als Übersättigung. Von den sieben Todsünden ist die Trägheit jene, die am schillerndsten daherkommt. Sie hat im Laufe der Geschichte eine erstaunliche Karriere an Bewertungen erfahren und ist in ihren unterschiedlichen Ausprägungen auch heute noch aktuell.

Unsere Ahnen konnten sich ein faules Leben gar nicht leisten. Die Jäger und Sammler der Steinzeit wanderten täglich rund 15 Kilometer, um ihre Existenz zu sichern, und ihre Frauen, Früchte und Wurzeln sammelnd, legten immerhin rund acht Kilometer pro Tag zurück. In der Antike war körperliche Arbeit hingegen verpönt. Sie war das Zeichen der Unfreiheit und war allenfalls etwas für Sklaven oder Banausen. Müßiggang hingegen war der favorisierte Lebensstil.

„Ora et labora“

Erst mit dem aufkommenden Christentum änderte sich das. Benedikt von Nursia, Mönch und Ordensgründer an der Schwelle zwischen Spätantike und Frühmittelalter, wird die Lebenseinstellung „ora et labora – bete und arbeite“ zugeschrieben. Obwohl er als Mönch der gesellschaftlichen Elite angehörte, sah er in der körperlichen Arbeit eine willkommene Strukturierung des Tages.

Etwa 1000 Jahre später forderte Reformator Martin Luther ein „tätiges Leben“ ein und geißelte die Faulheit als Gefahr für die Seele. Damit war die Grundlage für das puritanische Arbeitsethos gelegt, das mit dem Aufkommen des Kapitalismus gepredigt wurde und das beständige Tätigsein vollends verklärte.

Die Zahl der Feiertage wurde drastisch reduziert, ein träges Leben ausschließlich als Faulheit gebrandmarkt. Der puritanische Pfarrer Richard Baxter soll im 17. Jahrhundert die Zeitvergeudung als die schwerste Sünde des Menschen gegeißelt haben.

Der Theologe, Psychologe und Autor Anton Bucher aus Salzburg sieht in der Prokrastination, der Aufschieberei, eine der problematischsten Trägheits-Varianten der Neuzeit. Etwa 20 Prozent der Menschen seien davon betroffen und würden sich täglich davor drücken, anstehende Arbeiten zu erledigen. Der Übergang von der bloßen Eigenart hin zu einer Erkrankung sei fließend.

Berufskrankheit der Mönche?

Die Trägheit als klassische Todsünde, so Bucher weiter, umfasse jedoch sehr vielmehr als untätig herumzuliegen oder anstehende Arbeiten aufzuschieben. Trägheit werde auch als Form der Niedergeschlagenheit verstanden – wenn selbst das, was einen gemeinhin stärkt und Freude bereitet, als Last erscheint. Wer in diesem Sinne träge ist, ist apathisch, zeigt kaum Interessen und verhält sich gleichgültig gegenüber seinen Mitmenschen.

„Die Todsünde Trägheit ist weit mehr als schlichte Faulheit, sondern bedeutete einst vor allem die Abwendung von Gott“, sagt auch der Psychologe und Autor Heiko Ernst: „Die Acedia war so etwas wie die Berufskrankheit der Mönche, eine Art spiritueller Verzagtheit.“ Denn die in der Regel gut versorgten Klosterbrüder zeigten mitunter keine Lust, sich dem zentralen Sinn ihrer Gemeinschaft zu widmen – dem inbrünstigen Beten als innerliche Hinwendung zu Gott.

Für Heiko Ernst, der lange Jahre Chefredakteur der Zeitschrift Psychologie Heute war, sind die Todsünden auch heute noch topaktuell. Schließlich werden darin menschliche Verhaltensweisen beschrieben, die es nach wie vor gibt. Manche Todsünde allerdings kommt in anderen Begriffen daher – wie etwa der „Wutbürger“ als Variante der Todsünde Zorn. Andere erfahren eine Aufwertung wie etwa die Todsünde Gier: „Politiker, die sich geldgierig und egoistisch verhalten, imponieren heute ihrer Anhängerschaft“, sagt Ernst.

Speziell bei der Trägheit sieht er den „Rückzug aus der Verantwortung für den Nächsten“ als problematische, moderne Ausprägung: „Trägheit ist heute vor allem eine Art Denkfaulheit oder Gleichgültigkeit. Sie zeigt sich im willentlichen Ignorieren fremder Schicksale, sie ist die bequeme Neutralität, die uns nahelegt, sich rauszuhalten.“

Ilja Oblomow – der träge Romanheld

Der träge Mensch, der lieber wegschaut, als sich einmischt, hat es sogar als Romanfigur in die Weltliteratur geschafft. Der russische Schriftsteller Iwan Gontscharow veröffentlichte Mitte des 19. Jahrhunderts eine Trilogie um einen russischen Adligen. Ilja Iljitsch Oblomow verbringt zwölf Jahre im Bett, lässt sich wie ein Kind versorgen. „Oblomow nutzt geschickt das soziale System um sich herum, das ihm alles abnimmt, für ihn lebt und ihn versorgt“, sagt Dr. Claudia Frank, Privat-Dozentin und niedergelassene Psychoanalytikerin in Stuttgart.

Die Trägheit ist aus ihrer Sicht eine „Manifestation des Todestriebes“. Denn der Romanheld Oblomow lebt auf Kosten der eigenen Entwicklung und auf Kosten der Menschen in seinem Umfeld. Letztlich weicht er einer als unerträglich befürchteten Schuld aus und will ein Leben in Verantwortung auf jeden Fall vermeiden. Mit diesem Verhalten verleugnet er einen wesentlichen Teil der psychischen Realität.

Schließlich ist das menschliche Leben grundsätzlich konflikthaft, so Frank, Gefühle von Schmerz, Scham und Schuld gehören mit dazu. „Trägheit ist dann lebensfeindlich und destruktiv, wenn sich der Betroffene die Chance einer Weiterentwicklung nimmt“, sagt die Psychoanalytikerin.

Die Moderne bietet viele Möglichkeiten, körperlich untätig zu bleiben – das dauerhafte Sitzen am Arbeitsplatz und in der Freizeit gilt vielen Experten als derart gesundheitsschädlich wie einst das Rauchen. Auch Zeit zum Nachdenken gehört für viele Menschen nicht mehr zum Alltag.

Die Moderne ist geprägt von einer „Überbetriebsamkeit“, schreibt der Psychologe Stephan Grünewald in seinem Buch „Die erschöpfte Gesellschaft“. Der Alltag sei oft davon bestimmt, sich abzuhetzen und einer Flut von Terminen hinterherzulaufen. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt dies das „kaum entrinnbare Hamsterrad der Beschleunigung“. Die Trägheit in der Moderne als ein Lebensgefühl zwischen faulem Vermeiden und hektischem Aktionismus?

Zu viel Aktionismus

„Es gibt zu viel Aktionismus, aber zu wenig Engagement“, fasst es Heiko Ernst zusammen. Denn um aus dem Fatalen der Trägheit auszubrechen, sei es nötig, sich einer anderen Variante von Trägheit zu zuwenden: „Mit dem bewussten Rückzug können wir uns den Zumutungen der Leistungsgesellschaft entziehen und wieder Kräfte sammeln.“ Es gehe darum, die eigene Balance wieder zu finden, wann Aktivität gefordert ist oder eher Besinnen und Nachdenken: „Der Philosoph Aristoteles bezeichnete das reflektierte Leben als das gute Leben.“ Auf heute übertragen heißt das, sich immer wieder Zeit zu nehmen, um den eigenen Lebensstil und seine Werte auf den Prüfstand zu stellen.

Auch die Psychoanalytikerin Claudia Frank empfiehlt, sich bisherige pathogene Beziehungs- und Verhaltensmuster bewusst zu machen und die Schleife der Trägheit zu durchbrechen. Denn, so sagt sie: „Wer die eigenen fatalen Beziehungsmuster nicht erkennt, wiederholt diese immer wieder“.

„Die krankmachende Trägheit ist nicht Stillstand, sondern eher ein rasender Stillstand“, sagt der Philosoph Dr. Andreas Weber (siehe Interview). In seinem Denken ist die Welt auf „schöpferische Gegenseitigkeit“ angelegt. Das bedeutet auch, dass Menschen nicht nur an der Welt teilhaben, sondern auch etwas beitragen wollen.

Es sei entscheidend, das eigene Tun immer wieder zu reflektieren: Stecken rein egozentrische Motive hinter meinem Verhalten oder wird dadurch Leben und Lebendigkeit möglich? Weber: „Im Modus des Machens wollen wir unsere Umwelt beherrschen, besser sein als andere oder uns ablenken. Wir sind fortlaufend mit etwas beschäftigt, aber treten im Grunde nur auf der Stelle und sind nicht wirklich da.“

Die sieben Todsünden

Mit Todsünde werden in der katholischen Kirche besonders schwerwiegende Arten der Sünde bezeichnet, durch welche der Mensch die Gemeinschaft mit Gott bewusst und willentlich verlässt. In der klassischen Theologie sind die sieben Todsünden:

  • Hochmut
  • Geiz
  • Wollust
  • Zorn
  • Völlerei
  • Neid
  • Trägheit

Lesen Sie dazu auch:
Interview: "Trägheit ist eine Form von Realitätsverweigerung"

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