Ärzte Zeitung online, 20.05.2010

Demo gegen Ausschluss kurz wirksamer Insulinanaloga aus GKV-Katalog

BERLIN (hom). Kinder und Jugendliche, die an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt sind, müssen nach Ansicht von Selbsthilfegruppen und Fachgesellschaften auch in Zukunft kurz wirksame Insulinanaloga von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet bekommen.

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Klare Aussage von zwei zuckerkranken Kindern auf der Demo in Berlin. © Frank Bauchspieß

Nur durch einen verkürzten Spritz-Ess-Abstand könnten die betroffenen Kinder Aktivitäten wie Sport und Spiel "spontan wahrnehmen", hieß es auf einer Demonstration am Mittwoch in Berlin.

Rund 100 Eltern und Ärzte zogen - ausgestattet mit dicken Trillerpfeifen, grünen Luftballons und bunten Protestplakaten - vor das Bundesgesundheitsministerium in der Berliner Friedrichstraße. Dort überreichten die Demonstranten eine Unterschriftenliste, in der sich 5000 Mitzeichner für den Erhalt der Insulinanaloga im Erstattungskatalog der Krankenkassen aussprechen.

In Deutschland leben rund 25 000 Kinder und Jugendliche mit Diabetes. Mehr als die Hälfte nutzt nach Angaben des Fachverbands "diabetes.DE" kurz wirksame Insulinanaloga. Dank dieser Insuline könnten Kinder und Jugendliche ihren Tagesablauf flexibler gestalten und erlägen somit weniger der Gefahr, in der Gesellschaft "stigmatisiert oder isoliert" zu werden.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) prüft derzeit, ob kurz wirksame Insulinanaloga für Kinder mit Diabetes Typ 1 von den Krankenkassen weiterhin erstattet werden sollen oder nicht. Grundsätzlich geht es um die Frage, ob kurz wirksame Insulinanaloga im Vergleich zu Humaninsulinen einen belegbaren Zusatznutzen haben, der den höheren Preis der Analoga rechtfertigt.

Darüber, ob dem so ist, wird seit Jahren heftig gestritten. Bereits im Juli 2006 hatte der GBA auf der Grundlage einer Nutzenbewertung des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Beschluss gefasst, dass schnell wirkende Insulinanaloga zur Behandlung von Patienten mit Diabetes Typ 2 grundsätzlich nur dann zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verordnungsfähig sind, wenn diese nicht teurer sind als Humaninsulin.

In der Folge führten Rabattverträge, die Hersteller mit gesetzlichen Kassen geschlossen hatten, zu einer Senkung der Preise für Insulinanaloga auf das Niveau von Humaninsulin.

Diabetesgesellschaften und Patientenverbände befürchten nun, der GBA könne die kurz wirksamen Insulinanaloga für Kinder mit Typ-1-Diabetes aus dem Leistungskatalog streichen. Diese Entscheidung hätte für die betroffenen Familien erhebliche Folgen, sagte der Präsident der Deutschen-Diabetes-Gesellschaft Professor Thomas Danne. "Fallen die Insuline aus der Erstattung, müssen Eltern diese privat bezahlen oder die Kinder müssen von ihrem Diabetes-Team neu eingestellt werden", sagte Danne. Die erste Alternative sei für die meisten der betroffenen Familien nicht zu bezahlen. Kinder auf eine neue Diabetes-Therapie einzustellen, sei wiederum mit Komplikationen verbunden. Auch das Bundesgesundheitsministerium hatte im Mai 2008 entschieden, die Umstellung auf andere Insuline sei den erkrankten Kinder und deren Familien nicht zuzumuten.

Aus Kreisen des GBA hieß es, eine abschließende Entscheidung zur Insulintherapie für Kinder mit Diabetes Typ 1 sei noch nicht gefallen. Derzeit würden im zuständigen Unterausschuss alle Argumente für oder gegen den Verbleib der Insulinanaloga im Leistungskatalog der GKV sorgfältig gegeneinander abgewogen. Eine Entscheidung werde voraussichtlich im Herbst fallen, sagte GBA-Sprecherin Kristine Reis-Steinert auf Anfrage der "Ärzte Zeitung".

Unterdessen widersprach der Leiter des IQWiG, Professor Peter Sawicki, der Behauptung, Insulinanaloga seien den Humaninsulinen überlegen, weil sie mehr Flexibilität im Alltag ermöglichten. "Oft wird behauptet, dass Humaninsulin eine halbe Stunde oder länger vor einer Mahlzeit injiziert werden sollte und bei Analoga sei dies nicht notwendig. Tatsächlich gibt es aber für diese Auflage keine solide wissenschaftliche Begründung". Ein fester Spritz-Ess-Abstand sei auch bei Humaninsulin "unnötig" betonte Sawicki.

Lesen Sie dazu auch: Kindern und Jugendlichen mit Diabetes Typ 1 droht schlechtere Behandlung

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