Ärzte Zeitung online, 28.05.2010

Im Streit um Zwangsrabatt sind Apotheker das "Sandwich"

AOK Baden-Württemberg beklagt Millionen-Verluste durch falsche Kennzeichnung der Hersteller

STUTTGART (fst). Apotheker müssen in den kommenden Wochen mit Retaxierungen durch Krankenkassen rechnen, obwohl sie gar nicht der Adressat der Forderungen sind. "Die Apotheken stecken in einer Sandwichposition", gibt Dr. Christopher Hermann zu, Vize-Chef der AOK Baden-Württemberg.

Im Streit um Zwangsrabatt sind Apotheker das "Sandwich"

Auf die Apotheken im Lande kommen in den nächsten Wochen zahlreiche Retaxierungen zu.

© spr-photo/Shotshop.com

Der GKV-Spitzenverband hat den Krankenkassen empfohlen, sich entgangenen Zwangsrabatt für Generika bei den Apotheken zurückzuholen. Dabei geht es um die, so der Vorwurf, falsche Kennzeichnung der Arzneimittel mit dem Ziel, dem seit April 2006 geltenden Zwangsrabatt von zehn Prozent zu Gunsten der GKV zu entgehen. Bundesweit sollen auf diese Weise den Kassen 250 Millionen Euro entgangen sein.

"Die Situation kann so nicht bleiben, es muss etwas passieren", sagte Dr. Christopher Hermann, Vize-Vorstand der Südwest-AOK, der "Ärzte Zeitung". Allein im Südwesten fehle der AOK ein "zweistelliger Millionenbetrag". Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sieht die Ursache für Unklarheiten bei der Kennzeichnung der Arzneimittel in den komplexen Vorgaben des Gesetzgebers. Das weist Hermann zurück. Es gebe einen von Kassen und Industrie konsentierten Leitfaden, erinnerte Hermann. "Wir gehen davon aus, dass es einige Pharmafirmen gibt, die sich nicht daran halten. Es geht hier nicht um gesetzliche Unklarheiten", stellte er klar.

Sinnvoll wäre eine gesetzliche Präzisierung an anderer Stelle aus Hermanns Sicht schon, und zwar mit dem Ziel, "dass wir uns direkt mit der Pharmaindustrie auseinandersetzen können". Bislang sei dies aus rechtlichen Gründen nicht möglich.

Hermann kündigte Gespräche mit dem Landesapothekerverband über das weitere Vorgehen an. Am Ziel, sich das entgangene Geld bei den Apotheken zu holen, werde sich nichts ändern. Vorwürfe der Apotheker, durch die Retaxierung drohe in ihren Rechenzentren ein "Chaos ersten Grades", wies Hermann zurück. Es handele sich abrechnungstechnisch um einen "Routinevorgang". "Von Chaos kann keine Rede sein", beschied Hermann die Klagen des Deutschen Apothekerverbands.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

"Die Haltung der Kassen ist irrational"

Die Vertragsärzte kauen schwer am schwachen Ergebnis der Honorarverhandlungen für 2018. Es sei fraglich, ob der aktuelle Mechanismus auf Dauer ein geeignetes Preisfindungsinstrument sei, so KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »