Ärzte Zeitung, 17.10.2010

Geriater kritisieren Arzneimittelliste

"Priscus-Liste in der Praxis wenig hilfreich"

WIESBADEN (ner). Listen mit für alte Menschen ungeeigneten Arzneimitteln seien für die Praxis wenig hilfreich, kritisiert der Geriater Professor Heiner Berthold. Statt ungeeignete Medikamente zu definieren, solle man für bestimmte Mittel ungeeignete Patienten identifizieren.

Geriater kritisieren Arzneimittelliste

Arzneien für ältere Patienten: Geriater halten Ausschlusslisten für wenig praxisgeeignet.

© INSADCO / imago

"Wir Geriater stehen der Priscus-Liste sehr kritisch gegenüber", sagte der Experte von der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité Berlin. Die Priscus-Liste zählt 83 Substanzen auf, die für alte Patienten eher ungünstig sind. Diese und ähnliche Aufzählungen seien "Schwarz-Weiß-Listen", so Berthold beim Herbstsymposium der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Wiesbaden.

Ob solche Listen etwas bringen oder nicht, sollte in prospektiven Studien geprüft werden. Positivlisten mit für alte Patienten geeigneten Medikamenten seien besser geeignet. Das Problem der Multimorbidität und Multimedikation müsse von der Patientenseite her angegangen werden.

Der Geriater verwies auf die Berliner Altersstudie wonach das biologische Alter sehr heterogen ausfällt. Es gibt den vergleichsweise jungen, aber vorgealterten Patienten ebenso wie die fitten Alten.

"Wir Geriater empfehlen, sich verstärkt mit dem geriatrischen Assessment der Patienten zu befassen", sagte Berthold. Dazu gehörten außer medizinischen Aspekten auch die Mobilität, der Ernährungsstatus, die soziale Situation oder die kognitive Leistungsfähigkeit.

"Wenn wir uns zu sehr mit dem Arzneimittel befassen, denken wir immer nur an die chemische Funktion. Ein Arzneimittel muss erstmal an den Wirkort gelangen. Dazu sollte der Patient das Medikament zunächst aus der Blisterpackung heraus bekommen."

Kognitive Beeinträchtigungen schränken nach Bertholds Aussagen sehr häufig die Compliance stark ein. Bei mindestens jedem vierten über 90-Jährigen müsse mit Demenzerkrankungen gerechnet werden.

Des Weiteren fehle es an Leitlinien für die Arzneimitteltherapie im Alter. Hier bedürfe es verstärkter Forschungsanstrengungen, die der Komplexität der Thematik gerecht würden. Es sei Zeit, dass sich die Fachgesellschaften zusammensetzten und solche Leitlinien erstellten, so Berthold.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Demenz in D-Moll

Mit Demenzpatienten im Konzert? Viele Angehörige scheuen das. Das WDR-Orchesters bietet beiden eine ganz besondere Konzertreihe - mit drei verschiedenen Formaten. mehr »

Wird die Apple Watch zum Herzrhythmus-Monitor?

Die neue Smartwatch von Apple verfügt über einen EKG-Sensor. Über eine weitere App erkennt sie Vorhofflimmern. Wie sehen mögliche Einsatzszenarien aus? mehr »

Abtreibungsgegner darf Ärzte nicht Mörder nennen

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat einem katholischen Abtreibungsgegner Grenzen für Kritik an Ärzten aufgezeigt, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. mehr »