Ärzte Zeitung online, 04.01.2011

Clinch zwischen Kassen und Apotheker wegen Rabattarzneien

Nach der Neuregelung für die Abgabe von Rabattarzneimitteln wissen viele Patienten offenbar nicht, welches Medikament sie ab sofort in der Apotheke verlangen dürfen. Unter den Apotheken und Krankenkassen ist ein Streit über das Verfahren und die Konsequenzen ausgebrochen.

Clinch zwischen Kassen und Apotheker wegen Rabattarzneien

Schauplatz Apotheke: Kassen und Pharmazeuten liegen wegen der Neuregelung bei der Abgabe von Rabattarzneien im Clinch.

© dpa

BERLIN (dpa). Der Vorsitzende des Ersatzkassenverbandes vdek, Thomas Ballast, warnte die Versicherten am Dienstag in Berlin davor, sich in der Apotheke zu einem teureren Medikament als von der Kasse vorgesehen überreden zu lassen. Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Fritz Becker, warf Ballast daraufhin vor, bei den Apotheken zu zündeln.

Der Hintergrund dafür ist des Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes, kurz AMNOG. Seit dem 1. Januar können Patienten statt eines Medikaments, für das ihre Krankenkasse einen Rabatt ausgehandelt hat, auch ein teureres Mittel mit gleichem Wirkstoff wählen.

In diesem Fall müssen sie das Medikament allerdings zunächst selbst bezahlen. Die Rechnung können sie dann bei ihrer Kasse einreichen. Die Versicherung überweist anschließend den Betrag zurück, der für das rabattierte Medikament angefallen wäre. Die Mehrkosten müssen die Patienten tragen.

Ballast riet Versicherten, die das teurere Mittel haben wollen, vorher die Mehrbelastung bei der Kasse zu erfragen. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände warf Ballast deshalb "Falsch- und Desinformation" vor.

Denn in einem Interview vom Vortag habe der Verband noch mitgeteilt, es sei gar nicht möglich, den Patienten eine Auskunft darüber zu geben, wie teuer für sie die Wahl eines anderen Arzneimittels werde.

Tatsächlich hätten die meisten Kassen noch nicht einmal die für die Kostenrechnung wichtigen Verwaltungspauschalen berechnet, monierte Becker.

Der Leidtragende sei der Patient, sagte er. Der werde schlecht informiert und von seiner Kasse im Unklaren gelassen, welche Belastungen auf ihn zukämen. Wegen des erhöhten Beratungsbedarfs müssen viele Patienten laut Apothekerverband längere Wartezeiten für Medikamente in Kauf nehmen.

Bereits zuvor hatte der Apothekerverband den Kassen vorgeworfen, die Versicherten nicht ausreichend über die Neuregelung informiert zu haben. Ballast wies dies zurück. "Der eigentliche Profiteur des Mehrkostenverfahrens ist die abgebende Apotheke, da die Wunschmedikation wie ein Privatrezept behandelt wird", sagte er. Gesetzlich vorgesehene Apotheken- und Herstellerrabatte entfielen somit.

Die Deutsche BKK riet Versicherten unterdessen davon ab, eine Alternative zu den günstigeren Arzneimitteln zu verlangen. Diese Medikamente seien nur teurer, böten aber keinen medizinischen Zusatznutzen, betonte der Kassenchef Achim Kolanoski.

"Auf den Mehrkosten bleibt der Versicherte sitzen. Bei einigen Arzneimitteln können das schnell mehrere hundert Euro sein", sagte er weiter.

Die AOK entschied unterdessen, welche Hersteller bestimmter Arzneimittel den Zuschlag für künftige Rabattverträge bekommen. Für 28 von 87 ausgeschriebenen Wirkstoffen seien Zuschläge erteilt worden. Es geht um ein Umsatzvolumen in Milliardenhöhe.

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