Ärzte Zeitung, 13.01.2011

Interview

Bahr: Einstieg in das Prämiensystem ist geschafft

Für ihre GKV-Finanzreform und ihre Arzneimittelreform musste die Koalition viel Prügel einstecken. Gesundheits-Staatssekretär Daniel Bahr (FDP) weist die Kritik zurück. Die Koalition sei "stolz" auf das, was sie in der Gesundheitspolitik bislang erreicht habe, sagt der passionierte Marathonläufer im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Schon dieses Jahr sollen weitere Reformen folgen.

"Die Wirkung dieser Reform ist nicht zu unterschätzen"

"Ärzte und Krankenhäuser haben trotz des höchsten Defizits Honorarsteigerungen erhalten." (FDP-Mann Daniel Bahr, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium)

© Elke Hinkelbein

Ärzte Zeitung: Herr Bahr, treffen wir Sie demnächst seltener in Berlin an?

Daniel Bahr: Nein, warum?

Ärzte Zeitung: Weil Sie seit kurzem FDP-Landesvorsitzender in NRW sind und deshalb stärker in der Landespolitik mitmischen werden.

Daniel Bahr: Meine politische Heimat ist und bleibt NRW und ich bin viel vor Ort. Die Pendelei bleibt erhalten. Philipp Rösler und ich können als Vorsitzende von zwei großen Landesverbänden nun der Gesundheitspolitik noch mehr Gewicht in der Koalition verleihen. Das ist eine große Chance.

Ärzte Zeitung: Haben Sie darüber hinaus gehende Ambitionen?

Daniel Bahr: Ich bin sehr zufrieden und ausgefüllt mit meiner Tätigkeit. Wir haben das Bundesgesundheitsministerium vor gut einem Jahr übernommen - das ist sicherlich der schwierigste Bereich im Kabinett, aber es macht mir immer noch Freude. Und deshalb denke ich nicht an andere Aufgaben. Wir haben noch viele Ziele, die wir in der Gesundheitspolitik erreichen wollen.

Ärzte Zeitung: Die erste Zeit der Koalition war von Streit und Selbstlähmung geprägt. Zum Schluss gab es immerhin zwei Reformen. Hätten Sie sich mehr Tempo gewünscht?

Daniel Bahr
Aktuelle Position: Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium; Mitglied der FDP-Fraktion.
Werdegang/Ausbildung: Ausbildung zum Bankkaufmann; danach Studium der Volkswirtschaftslehre und Business Management an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Karriere: von 1999 bis 2004 Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen. Seit 2001 Mitglied im Bundesvorstand der FDP, seit 2009 Parlamentarischer Gesundheits-Staatssekretär; seit 2010 FDP-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen.
Hobbies: Marathon, Klettern, Skifahren, Kochen.

Daniel Bahr: Klar! Ich hätte mir gewünscht, dass wir in der Koalition noch rascher die Probleme anpacken und zu gemeinsamen Lösungen gekommen wären. Leider haben wir zähe Diskussionen gebraucht. Aber am Ende zählen die Ergebnisse. Und die können sich sehen lassen.

Ärzte Zeitung: Eine Beitragssatzerhöhung und ein Sparpaket - diese Mixtur ist nicht gerade originell.

Daniel Bahr: Dabei ist es ja nicht geblieben. Die Ausgangssituation war die schwierigste, die eine neue Führung im Bundesgesundheitsministerium je vorgefunden hat. Vor einem so hohen Milliarden-Defizit stand die gesetzliche Krankenversicherung bisher noch nie.

Die von der Vorgängerregierung beschlossene Deckelung der Zusatzbeiträge hätte dazu geführt, dass einige Kassen in die Insolvenz getrieben worden wären.

Wenn Sie eine solche Situation vorfinden, müssen Sie schnell das Problem lösen, um die Versorgung weiter zu gewährleisten und das Vertrauen der Versicherten in ihre Krankenversicherung aufrechtzuerhalten. Die Entscheidungen sind fair.

Wir sind von der Öffentlichkeit heftig kritisiert worden, haben aber daran festgehalten: Ärzte und Krankenhäuser haben trotz des höchsten Defizits Honorarsteigerungen erhalten. Das sollten die Betroffenen anerkennen.

Die Vergangenheit und die Debatte im letzten Jahr zeigen: Eine andere Regierung hätte in dieser Situation der ambulanten Versorgung mindestens Nullrunden, wenn nicht gar Kürzungen verordnet.

Wir haben bewusst die Priorität gesetzt: An der Versorgung wird nicht gespart, Patienten erleben keine Leistungskürzungen oder Zuzahlungserhöhungen wie bei vergangenen Reformen.

Ärzte Zeitung: Sie hatten bei Regierungsübernahme 2009 eine Reform, kein Reförmchen angekündigt.

Daniel Bahr: Die Wirkung dieser Reform ist nicht zu unterschätzen. Mit der Weiterentwicklung der Zusatzbeiträge haben wir jetzt den Weg für ein stabiles, nachhaltiges und transparentes Finanzierungssystem in der GKV geebnet. Es bedeutet auch für Ärzte, Kliniken, Apotheken, Krankenkassen und die Pharmabranche Verlässlichkeit und Planbarkeit

Wir überwinden damit den klassischen gesundheitspolitischen Reflex bisheriger Regierungen - jedes Jahr wurde aufs Neue entschieden, wie viel Geld dem Gesundheitswesen zur Verfügung stehe und sich immer nach Wahlterminen und jeweiliger Konjunkturlage gerichtet.

Die Gesundheitspolitik nach Kassenlage und Arbeitsmarktsituation beenden wir. Weitere Ansätze sind bereits angegangen: Die Wahl der Kostenerstattung wird attraktiver, Regresssorgen reduziert und die Private Krankenversicherung stabilisiert.

Ärzte Zeitung: 2011 mögen Sie Ruhe an der GKV-Finanzfront haben. Danach drohen weitere Defizite.

Daniel Bahr: Was verstehen Sie unter "Ruhe"?

Ärzte Zeitung: Dass die Kassen nicht flächendeckend Zusatzbeiträge von ihren Versicherten erheben müssen.

Daniel Bahr: Gesundheitspolitik wird immer davon geprägt sein, dass sich Beitragszahler beschweren, dass ihre Krankenversicherung zu teuer ist und Patienten verlangen, dass möglichst alle Leistungen erstattet werden. Diesen Konflikt muss Politik aber aushalten.

Es ist politisch ausdrücklich gewollt, dass sich die Zusatzbeiträge in den nächsten Jahren entwickeln und zu einem Wettbewerbselement werden.

So erhalten Versicherte erstmals ein echtes Preissignal, weil sie erkennen können, was ihre Krankenversicherung in Euro und Cent kostet und worin sich die Krankenversicherungen unterscheiden - insbesondere beim Umfang der Leistungen sowie bei der Höhe der Verwaltungskosten.

Ärzte Zeitung: Was aber ist vom ursprünglichen Ziel der Liberalen geblieben, die gesetzliche Krankenversicherung konsequent auf ein Prämienmodell umzustellen?

Daniel Bahr: Wenn ich die scharfe Kritik der Opposition sehe, muss uns das ja gelungen sein. Ich bin davon überzeugt, dass wir einen intelligenten schrittweisen Übergang gefunden haben. Wir entkoppeln Gesundheits- und Arbeitskosten, was Arbeit schafft.

Wir geben den Kassen Autonomie zurück, indem sie die Höhe des Zusatzbeitrags selbst bestimmen können. Und wir schaffen einen Sozialausgleich für Geringverdiener, der von allen aus Steuermitteln finanziert wird.

Das ist meines Erachtens viel gerechter, weil Solidarität nicht nur innerhalb des GKV-Systems stattfindet, sondern alle Bürger über das Steuersystem beteiligt werden. Das ist der Einstieg in ein Prämiensystem.

Ärzte Zeitung: Für ihr Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, kurz AMNOG, ist die Koalition von der Industrie scharf kritisiert worden. Moniert wird insbesondere, der Zeitrahmen für die frühe Nutzenbewertung sei mit drei Monaten zu kurz gesetzt. Halten Sie die Kritik für berechtigt?

Daniel Bahr: Nein. Mit dem AMNOG haben wir erstmals in Deutschland einen Paradigmenwechsel eingeleitet - und darauf sind wir stolz. Wir erreichen, dass die Arzneiausgaben wieder hinter den Ausgaben für die ambulante Versorgung liegen!

Jede neue Arznei muss frühzeitig belegen, ob sie einen Fortschritt darstellt im Vergleich zu dem, was es bisher gibt. Das ist der faire Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen der Beitragszahler und der Patienten. Wir erhalten den Zugang zu Innovationen.

Ein neues Medikament steht den Patienten in der Versorgung auch künftig sofort zur Verfügung. Aber es muss der Nachweis erbracht werden, dass es eine echte Verbesserung für die Patienten bringt.

Danach wird in direkten Verhandlungen der Arzneimittelhersteller mit den Kassen der Preis für das Präparat bestimmt. Damit bauen wir auch die Regressängste vieler Ärzte ab, da für den Preis eines Arzneimittels künftig Kassen und Hersteller verantwortlich sind.

Ärzte Zeitung: 2011 will das Ministerium unter anderem ein "Versorgungsgesetz" auf den Weg bringen. Klingt fast wie die Initiative von Ex-Bundesministerin Ulla Schmidt.

Daniel Bahr: : "Versorgungsgesetz" ist nur der Arbeitstitel für ein Gesetz, mit dem wir die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen verbessern wollen, um Qualität und Effizienz in der Versorgung zu verbessern. Wir wollen die Freiberuflichkeit erhalten, dafür müssen wir die Strukturen verbessern.

Es handelt sich um all die Aspekte, die wir zunächst ausgespart haben, weil wir uns erst einmal um die Finanzierung des drohenden Defizits in der GKV kümmern mussten.

Das würde jeder so machen, der ein Haus übernimmt, wo das Dach undicht ist und es hinein regnet. Man macht zunächst das Dach dicht und kümmert sich dann um Wohnzimmer, Bad und Küche. Genau das werden wir 2011 tun.

Ärzte Zeitung: Wird es auch um das Thema Ärztemangel gehen?

Daniel Bahr: Ja. Wir sind die erste politische Leitung im Bundesgesundheitsministerium, die den Ärztemangel überhaupt zum Thema macht. Unsere Vorgänger haben während ihrer Amtszeit den Ärztemangel bestritten und behauptet, dass es in Deutschland genügend Ärzte gebe, die nur besser aufs Land verteilt werden müssten.

Ärzte Zeitung: Krankenkassenmanager wie der Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, Dr. Herbert Reichelt, argumentieren auch heute noch so.

Daniel Bahr: Statistisch gesehen mag die Zahl der Ärzte gestiegen sein. Solche Zahlen und Daten liefern aber nicht die Antwort auf die Probleme, die die Menschen vor Ort - vor allem in ländlichen Gebieten - haben, weil Ärzte altersbedingt ausscheiden und sich kein Arzt findet, der ihre Praxis übernimmt.

Viele junge Mediziner scheuen nach dem langen und teurem Studium die Niederlassung als Arzt auf dem Land. Sie befürchten wegen hoher Patientenzahlen in die Reglementierung und die Regressandrohung zu geraten. Hier müssen wir gegensteuern.

Ärzte Zeitung: Wie?

Daniel Bahr: Es muss sich für Ärzte wieder lohnen, sich in der Fläche niederzulassen. Viele haben Angst vor Mehrbelastungen. Wir überlegen deshalb auch, wie wir auf Mengenstaffelungen oder andere Reglementierungen verzichten, damit sich junge Mediziner gerade in ländlichen Regionen verstärkt niederlassen. Notwendig ist darüber hinaus, den Arztberuf spürbar von bürokratischen Aufgaben zu entlasten und für eine leistungsgerechtere Honorierung zu sorgen.

Ärzte Zeitung: Leistungsgerechtere Vergütung für die Ärzte - das klingt spannend. Aber was genau bedeutet das in konkrete Politik gegossen?

Daniel Bahr: Die schwarz-rote Honorarreform kommt nochmal auf den Prüfstand. Wir haben im Gesundheitswesen nach wie vor ein Vergütungssystem das sich zu sehr am Mittelmaß orientiert und nicht denjenigen belohnt, der sich mehr anstrengt und besser ist als andere.

Dabei wissen wir aus dem Sport und dem Wirtschaftsleben, dass uns das Leistungsprinzip anspornt. Auch in der Medizin brauchen wir mehr Leistungsgerechtigkeit.

Das Gespräch führten Sunna Gieseke und Thomas Hommel.

[14.01.2011, 15:56:41]
Dr. Günther Paulsen 
Die FDP- Anwalt der Ärzte?
Auch Bahr und Rösler haben keine Ahnung, was uns niedergelassene Ärzte unter den Nägeln brennt. Honorarsteigerung für Ärzte? Wo denn? Auf Helgoland? Durch RLV und die Abstaffelungregelung, die alle Ärzte über einen Kamm schert, ist unser GKV-Einkommen seit 2008 um über 30 Prozent gesunken! Wir hätten schon lange unsere Praxis dicht gemacht, wenn wir diese Verluste nicht durch IGELn aufgefangen hätten. Weil wir die Obergrenze der Patientenzahl bereits 4 Wochen vor Quartalsende erreicht haben, werden Patienten abgewiesen oder müssen eine noch nie da gewesene Wartezeit in Kauf nehmen. Patienten beschweren sich, drohen mit Staatsanwalt und Ärztekammer- so sieht das aus in Deutschlands Arztpraxen!Und da hat sich auch mit Rösler nichts geändert.
Mehr Verlässlichkeit und Planbarkeit durch die Reform der FDP? Ich lach mich tot! zum Beitrag »
[14.01.2011, 08:47:42]
Helmut Karsch 
Konfabulation und Lebenswirklichkeit
FDP-Politiker sind derzeit für eine Menge Überraschungen gut: Wirtschaftsminister Brüderle fordert unisono mit der Bundeskanzlerin Merkel höhere Löhne, die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Gruß, fordert die Streichung des Elterngelds für Personen, die alleinstehend mehr als 250.000 € und als Ehepaar mehr als 500.000 € Jahreseinkommen beziehen und Gesundheitsminister Rösler leitet den Einstieg in die Verstaatlichung der GKV-Finanzierung ein.

Letzteres ist das Fazit der gerade veröffentlichten Studie "Anmerkungen zum geplanten Sozial-ausgleich in der gesetzlichen Krankenversicherung" des "Instituts für Gesundheitsökonomie und klinische Epidemiologie der Universität zu Köln (IGKE)". Die Autoren Lüngen und Büscher beschäftigen sich hier mit den erwünschten, bekannten und weniger bekannten und evtl. unerwünschten Effekten der mit dem jüngsten GKV-Finanzierungsgesetz erfolgten grundsätzlichen Umstellung auf einkommensunabhängige Zusatzbeiträge mit einem Sozialausgleich aus Steuermitteln als einzig verbleibender Stellschraube, künftige Ausgabenzuwächse in der GKV finanzieren zu können.

Wer angesichts der bisherigen Zusatzbeitragswirklichkeit annahm, es ginge auch künftig um kleine Beträge, der irrt sich nach den Berechnungen des IGKE gewaltig.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie lauten nämlich so:

• Auch wenn Zusatzbeiträge in nächster Zukunft aus Gründen der Wettbewerbs-Optik nur zögerlich erhoben werden sollten, wird es wegen der mit ihnen noch einzig verbliebenen Möglichkeit, zusätzlich notwendige Einnahmen zu erzielen bald verbreitet zu Zusatzbeiträgen kommen müssen: "Daher gilt ein Szenario, in dem sich Krankenkassen (und mit ihnen die Mitglieder) im Gleichschritt an beständig steigende höhere Zusatzbeiträge gewöhnen müssen. Ein Wechsel der Krankenkasse wird kaum noch finanziell vorteilhaft sein, sofern sämtliche Krankenkassen Zusatzbeiträge einheben müssen. Somit könnte gelten, dass sobald Zusatzbeiträge notwendig geworden sind, diese umso schneller ansteigen."
• "Beträgt der durchschnittliche Zusatzbeitrag 20 €, so werden 14,8 Mio. Haushalte von dem Verfahren des Sozialausgleichs betroffen sein. Dies sind insbesondere auch Rentnerhaushalte (31% aller Ausgleichsfälle). Jedoch werden in diesen Haushalten auch 3,1 Mio. Kinder unter 16 Jahren leben. Insgesamt werden rund 35% aller Mitglieder der GKV in einem Haushalt leben, der vom Sozialausgleich betroffen ist.
• Steigt der durchschnittliche Zusatzbeitrag auf 50 €, erhöhen sich die Anteile stark. Dann werden bereits 72% aller Mitglieder der GKV in Haushalten leben, die vom Sozialausgleich betroffen sind, bzw. 27,8 Mio. Haushalte in Deutschland.
• Dies bedeutet nach Ansicht der IGKE-Forscher aber Folgendes: "Die überraschende Folge dieser Überwälzung von Kostensteigerungen allein auf die Mitglieder der GKV ist, dass innerhalb eines überschaubaren Zeitraums alle Ausgabensteigerungen der Krankenkassen voll aus Steuermitteln zu bestreiten sind. Bei mäßigen 2% Ausgabenstei-gerungen gegenüber den Einnahmen wird innerhalb von 15 Jahren bereits jedes Mitglied auf Sozialausgleich haben, da die Belastung an der Beitragsbemessungsgrenze angekommen sein wird."
• Und damit führt die Zusatzbeitragsfinanzierung mit der politisch gewollten alleinigen Belastung der GKV-Mitglieder mit sämtlichen künftigen Ausgabensteigerungen über steigende Zusatzbeiträge "nur noch zu höheren Ansprüchen aus Steuermitteln führen. Der Staat finanziert dann die Dynamik der GKV voll, umgekehrt wissen die Krankenkassen dann, dass eine Anhebung der Zusatzbeiträge nicht mehr zu Abwanderung der Mitglieder führen wird, da der Staat bei allen Mitgliedern einspringt. Werden höhere Steigerungsraten der Ausgaben unterstellt, tritt dieser Effekt bereits früher ein, bei 4% Steigerung beispielsweise bereits in etwa 10 Jahren."
• Die restlichen Eckpfeiler der aktuellen Gesundheitspolitik verschärfen diese Trends auch noch. Dies gilt vor allem für die Absicht, die Abwanderung von GKV-Mitgliedern in die PKV aktiv zu fördern, die erklärte Abstinenz die Beitragsbemessungsgrenze und die Jahresarbeitsentgeltgrenze massiv anzuheben und dem Verzicht auf massive Kostendämpfungen z.B. durch die Bewältigung des Problems der Über- und Fehlversorgung.
• Fazit: Entgegen vielen Ankündigungen und Versprechungen führt der einkommensunabhängige Sozialausgleich "insgesamt zu einer hohen Belastung von Beziehern geringer Einkommen weit über die im Gesetz vorgesehenen 2% hinaus, … führt zu stark steigenden Aufwendungen für Verwaltung, die mehrere Millionen Haushalte betreffen, und führt letztendlich zu einer staatlichen Übernahme der Dynamik der Gesundheitsausgaben."

Damit ist aber der Reigen ökonomisch und sozial unerwünschter Effekte keineswegs vollständig: Hinzu kommt etwa der unter den gegebenen Rahmenbedingungen naheliegende Anreiz, als Kasse möglichst viel zusatzbeitragspflichtige Mitglieder und möglichst wenige beitragsfreie Mitversicherte zu versichern. Und schließlich kostet die Sozialausgleichsbürokratie nicht nur viel Geld, sondern auch einen Teil des bisherigen sozialen Vertrauensklimas und fördert wahrscheinlich eher den befürchteten "Missbrauch" bei Angaben zu den Einkünften.
Stellt man die gerade geschilderte Situation für die rund 90% in der GKV versicherten BürgerInnen dem Elterngeldopfer für die maximal 1 % der deutschen Bevölkerung gegenüber, welche die eingangs genannten Einkommensgrenzen überschreiten, muss man sich keine Sorgen mehr machen, dass sich die FDP bei sozialen Grundfragen untreu geworden ist.
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[13.01.2011, 18:06:06]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Hochmut kommt vor dem Fall
Als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium haben Sie Ihren Parteikollegen und Freund, Minister Dr. med. Philipp Rösler, zu einigen nassforschen und unbedachten Äußerungen verleitet ("Vorkasse als Kostenerstattung", "intelligente Kostenerstattung", "Hausarztbashing" beim Pädiaterkongress, "Kopfpauschale" mit GKV-Radikalumbau, Behandlungsunterlassung aus "fiskalischen Gründen", "Unumkehrbarkeit" der Gesundheitsreform, usw.). Krönung waren die Rösler'sche Selbstdarstellung vor den Mitarbeitern/-innen des Bundesgesundheitsministeriums: "Mein Chef sagte, Rösler, Sie sind bei keiner Operation der Beste, aber Sie lächeln immer - da wusste ich, ich muss in die Politik gehen!" Und "Wenn die Kopfpauschale nicht kommt, trete ich zurück!"

Ihr: Die Koalition sei "stolz" auf das, was sie in der Gesundheitspolitik bislang erreicht habe, ist wohl eher illusionäre Verkennung bei auf 4 % geschwundener Wählerzustimmung für die FDP. Und mit GKV- Beitragssatzerhöhungen konterkarieren Sie das grosspurige "mehr Netto vom Brutto" Ihres Parteichefs. Mit nach oben offenen Zusatzbeiträgen und dem Abschied von der paritätischen Finanzierung läuten Sie Ihren Abschied aus der Regierungsverantwortung ein. Denn wenn die ersten Niedriglöhner, Rentnerinnen und Rentner mtl. GKV-Zusatzbeiträge alleine extra bezahlen müssen, werden Sie und Ihre FDP froh sein, dass es keine Wählerzustimmung im Minusbereich gibt.

Ihr "Wir entkoppeln Gesundheits- und Arbeitskosten, was Arbeit schafft" erinnert fatal an den Song:'Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt'. Ihre Koalition hat doch gerade die Gesundheitskosten um 0,6 % e r h ö h t, die Beitragsbemessungsgrenze g e s e n k t, um noch w e n i g e r Einkünfte in die paritätische GKV-Finanzierung und den Gesundheitsfonds einzubinden.

Denn das ist Ihr eigentlicher Masterplan: Ein funktionsfähiges gesetzliches Krankenversicherungssystem an Beitragsauszehrung ausbluten zu lassen, eine wohnortnahe vertragsärztliche Versorgung insbesondere im ländlichen Raum und in sozialen Brennpunkten vor die Wand zu fahren, um dann mit einer Gesundheits-Einheits-Kopfpauschale Gutverdiener zu begünstigen und die 'kleinen Leute' zu benachteiligen. Und Ihr vielbeschworener 'Mittelstand' kommt dabei auch noch unter die Räder.

Positiv bleibt nur anzumerken, dass Sie in diesem Interview, das von Ihrem Minister-Chef blumig aber substanzlos beschworene GKV-Defizit von erst 11, dann 9 Milliarden Euro in 2011 nicht mehr erwähnen mochten. Es ist beim allgemeinen Konjunkturaufschwung im Schein der Silvesterraketen einfach verpufft.

Mit kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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