Ärzte Zeitung online, 01.11.2011

KV Hessen lehnt ABDA/KBV-Konzept ab

FRANKFURT/MAIN (cw). Der Widerstand gegen die Wirkstoffverordnung wächst.

Nach vehementer Kritik des Hausärzteverbandes sowie einem ablehnenden Beschluss der mitgliederstarken KV Nordrhein - "ohne Gegenstimmen" - verweigert sich nun auch die KV Hessen dem so genannten ABDA/KBV-Konzept.

Die Bundesregierung will die Wirkstoffverordnung mit Produktauswahl durch den Apotheker zunächst maximal drei Jahre als Modellversuch testen. Ein entsprechender Änderungsantrag zum Versorgungsstrukturgesetz liegt vor.

Ob er beschlossen wird, scheint allerdings weiterhin fraglich. Denn das Konzept verliert offenkundig mehr und mehr den nötigen Rückhalt in der Ärzteschaft.

Apotheker soll kein "Mitbehandler" werden

Vorigen Samstag votierte nun auch die Vertreterversammlung der KV Hessen mit, wie es in einer Mitteilung heißt, "überwältigender Mehrheit" gegen Bestrebungen, den Apothekern mehr Mitsprache bei der Medikamentenauswahl einzuräumen.

An Eindeutigkeit lässt es die hessische Ärzteschaft dabei nicht vermissen. Man sehe "keinen Anlass, den Apothekern die Rolle eines Mitbehandlers des Patienten zukommen zu lassen", heißt es.

Und weiter: "Der Apotheker hat in der Regel keine ausreichende Kenntnis der Anamnese, der Diagnosen und des Therapiekonzepts des Patienten. Dem Apotheker fehlen also alle Grundlagen, eine medizinisch sinnvolle und begründete Therapieentscheidung zu treffen."

[02.11.2011, 12:00:34]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Rezept für Arzt und Patient!
Recht haben KV Hessen und Hausärzteverband: Was ABDA und KBV weltfremd als Sandkastenstrategie rausgeben, ist irrreal und virtuell. Verordnungspläne sind in Klinik und Praxis fach- und hausärztliches Rüstzeug. Interaktionen und Nebenwirkungen, in der klinischen Pharmakologie-Ausbildung gelehrt, werden Berufs begleitend in zertifizierten Fortbildungen vertieft.

In der realen Welt lösen GKV-Patienten ärztliche Rezepte (KV-Muster 16) beliebig vieler Haus- und Fachärzte in verschiedenen Apotheken ein. Und dann geht's los: Die papiergestützte Verordnung, dort digital eingelesen, wird ihnen im Online-Zeitalter einfach weggenommen. Kopie? - Fehlanzeige! Da standen Präparatenamen drauf, Dosierungen und Einnahmeregeln. Der Patient hat keine Kontrolle, ob die Auslieferung korrekt war, die Anwendung mitgeteilt wurde. Er/sie stehen u. U. mit einer ihm fremden Verpackung und einem ungewohnten Arzneinamen da; griechisch-spanisch-italienisch-portugiesische Texte bei (Re-)Importware womöglich notdürftig überklebt.

Und dann kommen, ohne Scherz, im April 2011 ABDA und KBV mit ihrem "Zukunftskonzept Arzneimittelversorgung". Nannten es mal "Modellprojekt Wirkstoffkatalog", "Medikationskatalog" oder "Weiterentwicklung des Konzeptes der Leitsubstanzen". Der pharmakotherapeutisch ahnungslose Daniel Bahr (FDP) bezeichnete das Modellvorhaben gar als "Alternative zu Rabattverträgen".

Dem GKV-Patienten, der z. B. Ramipril/HCT, Metoprolol, Simvastatin, Amlodipin und ASS 100 vom Arzt 'blanko' verordnet bekäme, könnte die Apotheke je nach Marktlage bis zu z w a n z i g verschiedene Verpackungen, Logos, Tablettenformen und –farben, Herstellernamen oder Reimporte aus EU-Ländern in einem e i n z i g e n Jahr austeilen. Unsere rezept- und realitätsfernen ABDA- und KBV Vorstände dachten allen Ernstes, "bei dem Modell soll vor allem die mangelnde Compliance von Patienten, die mehr als fünf Wirkstoffe einnehmen müssen, verbessert werden".

Wir Ärztinnen und Ärzte haben genügend Arbeit, Mühe und professionelles Engagement, bestehende Erkrankungen unserer Patienten zu untersuchen, zu diagnostizieren und zu therapieren. Wir brauchen kein Modellprojekt als zusätzliche Krankheit. Das vom Apotheker belieferte ärztliche "Kassenrezept" dem Patienten als Papierbeleg zurückzugeben, wäre schon ein Riesenschritt nach vorne!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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