Ärzte Zeitung online, 01.12.2011

Arzneien: Viele Regeln, große Unsicherheit

Etwa 30 Instrumente steuern die Arzneimittelversorgung in Deutschland. Doch einige Regelungen widersprechen sich. Neue Modelle könnten Ärzten mehr Klarheit bringen.

Von Wolfgang van den Bergh und Johanna Dielmann-von Berg

Arzneimittel: Viele Regeln, große Unsicherheit

Dr. Peter Schwoerer, Gemeinsamer Beschwerdeausschuss in Baden-Württemberg.

© KV Baden-Württemberg

STUTTGART. Was sind geeignete Instrumente, um die Arzneimittelversorgung zu steuern? Darüber sind sich Vertreter von Industrie, Kassen, Ärzte und Apotheker uneinig, wie bei den "10. Haigerlocher Gesprächen" des Pharmapolitischen Arbeitskreises Süd in Stuttgart deutlich wurde.

Ärzte sollten darüber entscheiden, wirtschaftliche Therapien und innovative Arzneien einzusetzen, sagte Dr. Engelbert Günster von Boehringer Ingelheim. Sie seien dafür ausgebildet und könnten sich an Leitlinien orientieren.

Die seit Jahren existierende Überbürokratisierung sei aber wenig zielführend, sagte er. Die Vielzahl teils widersprüchlicher Regelungen verunsicherten die Ärzte und hätten dazu geführt, dass Deutschland beim Einsatz von Innovationen das Schlusslicht in Europa sei.

Ärzte verordnen nicht unwirtschaftlich

Wenig hilfreich für manche innovative Arzneien seien auch Verordnungsquoten, sagte Hans-Holger Bleß vom Berliner IGES-Institut. "Eine Quote macht nur Sinn, wenn man vorab den Bedarf ermittelt", so Bleß.

In einer Studie für Novartis zum leitlinienmäßigen Bedarf an Medikamenten bei Typ-2-Diabetes konnte er nicht beobachten, dass Ärzte unwirtschaftlich verordnen.

Daher bedeute eine niedrigere Quote für patentgeschützte Arzneien, dass sich die Therapie verschlechtern müsse. Hält sich der Arzt aber an die Leitlinien, muss er zwangsweise in anderen Indikationen sparen, so das Fazit von Bleß.

Für den Markt patentfreier Arzneimittel wurde das Medikationskonzept von KBV und ABDA kontrovers diskutiert.

Es soll nach dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz modellhaft erprobt werden und sieht vor, dass Ärzte den Wirkstoff festlegen und der Apotheker das Fertigarzneimittel auswählt. Arzt und Apotheker sollen so Wechselwirkungen von Arzneien miteinander besprechen können.

Arzneimittel: Viele Regeln, große Unsicherheit

Andreas Vogt, Leiter der Techniker Krankenkasse Baden-Württemberg.

© Kleinbach / Techniker Krankenkasse

Dafür "könnten Zielgrößenvereinbarungen entfallen", sagte Ina Hofferberth vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg. Um das Modell flächendeckend einzuführen, verlangen KBV und Apotheker 700 Millionen Euro zusätzlich zur Gesamtvergütung.

Therapietreue soll erhöht werden

"Zusätzliche Leistungen können nicht mehr unentgeltlich erbracht werden", begründete Hofferberth die Forderung. Sie rechnete vor, dass damit immer noch 2,1 Milliarden Euro eingespart werden könnten - etwa durch eine bessere Steuerung der Medikation bei multimorbiden Patienten.

Sie zeigte sich zuversichtlich, dass auch die Therapietreue erhöht werde. Dem widersprach Dr. Peter Schwoerer, Vorsitzender des Gemeinsamen Beschwerdeausschusses von KV und Kassen in Baden-Württemberg.

Sowohl eine höhere Compliance als auch die Überprüfung von Wechselwirkungen setzten voraus, dass sich der Patient fest an eine Apotheke binde. Das hielt Schwoerer aber für unwahrscheinlich.

Das Arzneimittelkonto "TK ViA", das Andreas Vogt, Leiter der Techniker Krankenkasse Baden-Württemberg, vorstellte, könnte das Problem lösen.

Im Rahmen des kürzlich geschlossenen Hausarztvertrages können TK-Versicherte eine Übersicht der ihnen verordneten Arznei- und Hilfsmittel der letzten beiden Jahre anfordern. Wechselwirkungen können sie so zielgerichtet mit dem Arzt besprechen, sagte Vogt.

Intelligente Richtgrößen haben nicht Regress im Fokus

Als weiteres Steuerungselement hätten sich intelligente Richtgrößen bewährt, sagte Walter Scheller, Leiter des Ersatzkassenverbandes Baden-Württemberg.

Dabei stehe die Beratung der Ärzte im Fokus, nicht der Regress, ergänzte Schwoerer, der das System in Baden-Württemberg maßgeblich entwickelt hat.

Schwoerer: "Dieses System ist auch eng an medizinische Leitlinien gekoppelt." Die Zahlen sprechen für sich: Dieses Jahr werden sich 220 von 19.000 Ärzten in Baden-Württemberg vor dem Gremium zu verantworten haben.

Die Verantwortung für eine vernünftige Arzneimittelsteuerung sei auch von Kliniken mit zu tragen, so Schwoerer. Oft sei der Arzt in der Zwickmühle, wenn er etwa mit dem Therapieplan des Patienten nach der Klinikentlassung konfrontiert werde

 Das Problem werde sich mit der Einführung einer ambulanten spezialärztlichen Versorgung verschärfen, prognostizierte er.

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