Ärzte Zeitung, 18.12.2011
 

Begründete Sorge um gute Medizin und bei Off Label Use

Zwei Beispiele aus der Online-Aktion von vfa und "Ärzte Zeitung" zeigen konkret, mit welchen Schwierigkeiten Ärzte bei innovativer Therapie zu kämpfen haben.

BERLIN (HL). Dr. Fritz Lax, der als niedergelassener Dermatologe arbeitet, anerkennt, dass Innovationen wie Biologicals aus dem Richtgrößen-Budget herausgerechnet werden - aber andere Innovationen wie etwa die Intervalltherapie mit Pimecrolimus und Tacrolimus, die deutlich teurer als die Akuttherapie mit Steroiden ist, die Richtgrößen belasten.

Ein wirtschaftliches Risiko für den Arzt seien auch moderne Verbandsmaterialien.

Bausch: Hochpreisige Behandlungen ein Risiko für Ärzte

Begründete Sorge um gute Medizin und bei Off Label Use

Bei neuen und teuren Arzneimitteln strikt auf die Indikation achten: Dr. Jürgen Bausch, ehemaliger hessischer KV-Chef.

© cui bono

Der Arzneimittelspezialist Dr. Jürgen Bausch, Ehrenvorsitzender KV Hessen, konzediert, dass neue hochpreisige Behandlungen, die nicht als Praxisbesonderheit akzeptiert werden, in der Tat für Ärzte ein Risiko darstellen können.

Vor allem dann, wenn in der Einzelfallprüfung keine schlüssige Begründung geliefert werden kann. Das gelte nicht nur für Dermatologen.

Die Therapie mit Tacrolimus und Pimecrolimus bei atypischer Dermatitis hat nach Auffassung von Bausch aber keine budgetsprengende Wirkung. Das gelte dann, wenn sich der verordnende Arzt strikt an den stark eingeschränkten Zulassungsstatus dieser Reservemedikamente halte und berücksichtigte, dass wegen des kanzerogenen Potenzials eine teure Langzeittherapie auf jeden Fall vermieden werden müsse.

Die neuen Fertigprodukte zur lokalen Wundbehandlung können, so Bausch, in der Tat ein Regressrisiko in sich bergen. Diese Verbandmittel haben, so Bausch, meist keine arzneimittelrechtliche Zulassung, ihr patientenrelevanter Nutzen sei nicht objektiv untersucht. Es gebe hier vorwiegend eine anekdotische Evidenz.

Meyers wirft Kassen Kurzsichtigkeit vor

Der Sozialpsychiater Dr. Ralph Meyers berichtet, dass für multimorbide Kinder eine ganze Reihe von Arzneimitteln keine arzneimittelrechtliche Zulassung vorhanden ist. Um diesen Kindern zu helfen, sei ein Off Label Use notwendig.

Die Erfahrung von Dr. Meyers: Trotz ausführlicher Informationen an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen werde der Einsatz solcher Arzneimittel abgelehnt, sodass eine optimale Versorgung fast unmöglich sei. Einige seiner Patienten hätten aus diesem Grund inzwischen die Krankenkasse gewechselt.

Der Sozialpsychiater wirft den Kassen Kurzsichtigkeit vor: "Dass eine Behandlung in diesen Fällen der Gesellschaft viele Folgekosten ersparen würde, ist im politischen Verständnis vieler Kassen leider ebenso wenig ein Argument, wie die ethische Verantwortung gegenüber unseren kleinen Patienten."

Häussler: Off Label Use in Onkologie und Neurologie unverzichtbar

Begründete Sorge um gute Medizin und bei Off Label Use

Plädiert für bessere Regelungen zum Off Label Use: Professor Bertram Häussler, Chef des Berliner IGESInstituts.

© IGES Institut GmbH

Professor Dr. Bertram Häussler, Leiter des IGES-Instituts und Autor des Arzneimittel-Atlas, weist auf die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts hin: Off Label Use ist danach möglich, wenn bei schwerwiegender Erkrankung keine zugelassene Therapie verfügbar ist.

Es sei ferner bekannt, dass in der Kinderheilkunde, aber auch in der Onkologie und Neurologie, unverzichtbare Therapieoptionen nur durch Off Label Use realisierbar seien.

Darum habe die EU 2007 mit der Paediatric Use Marketing AUTHORisation (PUMA) Anreize gesetzt, aus patentfreien Arzneien kindgerechte Präparate zu entwickeln.

Festbeträge und Substitutionsverpflichtungen, aber auch die Diskussion, PUMA-Arzneimittel in die frühe Nutzenbewertung einzubeziehen, widersprächen den EU-Intentionen. Notwendig sei eine bessere Abstimmung der Regularien.

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