Ärzte Zeitung online, 26.12.2011
 

Giftnotruf fordert Rezeptpflicht für Paracetamol

Schmerzmittel nur noch auf Rezept: Der Vorschlag macht seit langem die Runde. Nun wird die Forderung nach dem Rezept wieder laut. Die Giftnotrufe beklagen Vergiftungen mit Paracetamol.

Giftnotruf fordert Rezeptpflicht für Paracetamol

NSAR im Freien: Noch kommt die Rezeptpflicht nicht.

© Mara Zemgaliete / fotolia.com

NEU-ISENBURG/ERFURT (nös). Die Diskussion um die Verschreibungspflicht für bislang freie Analgetika gewinnt erneut an Fahrt.

Am 10. Januar wollen sich die Sachverständigen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukt (BfArM) in Bonn mit der Frage befassen, ob Paracetamol komplett der Verschreibungspflicht unterstellt werden soll.

Seit April 2009 gilt eine teilweise Rezeptpflicht: Frei erhältlich ist das Analgetikum nur noch bis 10 Gramm Gesamtwirkstoffmenge je Packung. Damals gaben gehäufte Meldungen über Suizide den Anlass für die teilweise Rezeptpflicht.

Rezeptpflicht "überfällig"

Im Vorfeld der BfArM-Beratung Anfang Januar fordert nun das ostdeutsche Giftnotrufzentrum in Erfurt die vollständige Rezeptpflicht für Paracetamol.

"Dieser Schritt ist längst überfällig, da eine Überdosierung schwere Nebenwirkungen verursacht", sagte der Leiter des Giftnotrufs, Dr. Helmut Hentschel, der Nachrichtenagentur dpa.

Die Vergiftungszahlen hatten sich trotz der Teil-Rezeptpflicht seit April 2009 kaum verändert. "Wir haben fast jeden Tag einen Paracetamol-Fall", klagt der Arzt.

Rund fünf Prozent aller Giftnotrufe gingen auf Paracetamol zurück. Allein im vergangenen Jahr seien 360 Vergiftungen mit dem Analgetikum registriert worden.

Hentschel: "Das Risiko ist einfach zu hoch, deshalb sollte ernsthaft über eine Rezeptpflicht nachgedacht werden."

Beim BfArM äußert man sich da schon differenzierter: Viel sei erreicht mit der Packungsgrößenbeschränkung für Paracetamol erreicht worden, sagte ein Sachverständiger bei einer außerordentlichen Sitzung Ende September.

Vorschlag abgelehnt

Die Anzahl der jungen Mädchen, die mit Paracetamol Suizid begangen haben, sei in Deutschland seit der Änderung im April 2009 deutlich zurück gegangen.

Thema der Ausschusssitzung war die Begrenzung der Packungsgröße für diverse weitere NSAR, darunter ASS, Ibuprofen und Diclofenac auf eine Therapiedauer von vier Tagen.

Der Vorschlag entstand unter anderem dadurch, dass seit der Teil-Rezeptpflicht für Paracetamol der Eindruck entstehen könnte, andere Analgetika seien sicherer.

Auch europäische die Harmonisierung spielt eine Rolle. So sind NSAR in vielen Länder nur in der Gesamtmenge für eine Therapiedauer von rund vier Tagen rezeptfrei.

Nach etlichen Voten hatte der Ausschuss den Vorschlag dennoch mehrheitlich abgelehnt. Allerdings: Das Thema wird erneut auf die Agenden finden - spätestens Anfang Januar mit Paracetamol.

[27.12.2011, 16:04:19]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Unwohl mit Paracetamol?
Professor Karl-Uwe Petersen, Pharmakologe an der RWTH Aachen, äußerte am 13.12.2011 in der Ärzte Zeitung wohl begründete Bedenken g e g e n die generelle Verschreibungspflicht von Paracetamol:

http://www.aerztezeitung.de/medizin/article/683256/paracetamol-verschreibungspflicht.html

Denn die Tatsache, dass ein Giftnotruf mit Recht besorgt über alarmierend viele Vergiftungsfälle bei Paracetamol ist, liegt an der generellen Verfügbarkeit, an frei zugänglichen Informationen über die suizidale Potenz und Effektivität des Wirkstoffs in allen Medien, aber n i c h t an der mangelnden Verschreibungspflicht. Die generelle ärztliche Rezeptpflicht würde nur zum Besuch m e h r e r e r Ärzte (per Versichertenkarte stets möglich) animieren bzw. ein Umschwenken zu Gunsten anderer, weiterhin rezeptfreier Substanzen mit suizidaler Potenz induzieren. Die Warnungen des ostdeutschen Giftnotrufzentrums in Erfurt vor schweren Nebenwirkungen bei Überdosierungen gilt in der Pharmakologie universell und begründet a l l e i n keine Forderung nach Rezeptpflicht. Diese müsste sonst für destilliertes Wasser, Alkohol, Spülmittel, Haushalts- bzw. Abflussreiniger ebenso gelten.

Bei der Diskussion um die Rezeptpflicht käme ein weiterer Aspekt zum Tragen: 20 Tab Paracetamol 500 mg (N1) kosten von 1 A Pharma GmbH 1,34 € AVP, von Hexal und ratiopharm 1,70 € AVP. Bei ärztlicher Verschreibungspflicht käme das "Apothekenhonorar", im Volksmund auch "Schubladengebühr" genannt, hinzu: 8,10 Euro pro Packung! Und Patienten müssen 5 € zuzahlen. Das gilt für j e d e Einzelpackung, egal ob N1 N2 oder N3 eines rezeptpflichtigen Arzneimittels, g l e i c h g ü l t i g wie teuer oder billig (z.B. NSAR) die Inhaltssubstanz ist. Paracetamol würde damit um 577 bis 705 Prozent t e u r e r als bisher. Fünf Euro Rezeptgebühr der Patienten kämen noch hinzu. Was für ein Bombengeschäft? Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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