Ärzte Zeitung, 12.01.2016

Neue Onkologika

"Verordnung zuerst in Spezial-Zentren!"

Neue Onkologika sollten zunächst in qualifizierten onkologischen Zentren verordnet werden, hieß es bei einer Tagung des Kompetenz-Centrums Onkologie. Die Evidenz zum Zeitpunkt der Zulassung sei oft gering, beklagten Redner.

DÜSSELDORF. In der Versorgung von Krebspatienten sollten spezialisierte Ärzte in Zukunft eine größere Rolle spielen, forderten Experten bei einer Tagung anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Kompetenz-Centrums Onkologie (KCO).

KCO-Leiter Professor Axel Heyll machte sich dafür stark, dass neu zugelassene Arzneimittel zunächst nur in onkologischen Zentren eingesetzt werden.

"Das müssen nicht nur onkologische Fachabteilungen in Kliniken sein, sondern es können auch onkologische Schwerpunktpraxen sein, denn wir haben eine sehr gute ambulante Versorgung."

Das KCO wird hälftig vom GKV-Spitzenverband und der MDK-Gemeinschaft finanziert. Es berät und unterstützt die Krankenkassen bundesweit zur qualitätsgesicherten und wirtschaftlichen Versorgung von Krebspatienten.

Pfeiffer sieht enormen Forschungsbedarf in Onkologie

Heyll plädierte dafür, möglichst viele Patienten in klinische Studien einzuschließen. Ein Problem in Deutschland sei, dass es nur vergleichsweise wenige nicht-kommerzielle Studien gibt, die versorgungsrelevante Fragestellungen beantworten.

Hier sieht Heyll auch die Krankenkassen in der Pflicht. Sie müssten seiner Ansicht nach Interesse an Studien haben, deren Ziel die Verbesserung von Qualität und Wirtschaftlichkeit ist.

"Es kann nicht sein, dass die Solidargemeinschaft etwas finanziert, bei dem die Hersteller hinterher die Gewinne abschöpfen", entgegnete Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands. Auch Pfeiffer sieht noch erheblichen Forschungsbedarf in der Onkologie. "Wir brauchen mehr Daten, Studien, Transparenz und Wissen", sagte sie.

Das sei für die Beurteilung der Frage wichtig, ob es Belege für den Nutzen eines neuen Arzneimittels oder einer neuen Methode gibt - und ob die Belege ausreichen, um den Einsatz in der gesetzlichen Krankenversicherung zu begründen.

Pfeiffer lobte das Konzept des MDK, Kompetenzzentren für die Bereiche Onkologie, Psychiatrie, Geriatrie und Qualitätssicherung zu gründen. "Ziel war es, die Erfahrungen aus Einzelfallbegutachtungen zusammenzuführen und zu systematisieren." Für die Verhandlungen der Kassen auf Bundesebene und der Arbeit im Gemeinsamen Bundesausschuss sei das sehr hilfreich.

"Licht am Ende des Tunnels"

Gerade im Bereich der Onkologika fehlten nach der Zulassung neuer Arzneimittel noch viele Daten, sagte Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Ein Grund sei, dass viele Wirkstoffe mit beschleunigten Zulassungsverfahren auf den Markt kommen.

"Seit 20 Jahren wird die Evidenz gerade in der Onkologie zum Zeitpunkt der Zulassung immer geringer, und wir haben kein Instrument, das hinterher zu korrigieren", sagte Ludwig.

Der Onkologe sieht aber "Licht am Ende des Tunnels". "Die Onkologen und die Fachgesellschaften haben verstanden, dass wir möglichst vernünftige Instrumente brauchen, um zu bewerten, was wirklich ein Fortschritt ist." Die Ärzte sind nach seiner Einschätzung gut beraten, sich in kritischen Fragen mit dem KOC auszutauschen.

In keinem anderen Bereich kommen neue Arzneimittel mit einem solchen Tempo auf den Markt und verändern sich die Versorgungsstrukturen so schnell wie in der Onkologie, sagte die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne).

"Wir brauchen bei allen Innovationen den Nachweis der Qualität und die Erkenntnis, was für welche Menschen in welcher Lebensphase wirklich wichtig ist."

Hier könne das KOC die notwendige Transparenz schaffen, die dazu beitragen können, die Patientenbeteiligung zu stärken. Steffens hält es für nötig, das Konzept der Fallkonferenzen und des interdisziplinären Austauschs, wie es sie in den Brustzentren gibt, auf weitere Krebsarten auszuweiten.

Das könne aber nicht politisch entschieden werden. "Die Akteure im Gesundheitswesen müssen gemeinsam entscheiden, wo solche Modelle gebraucht werden", so die Ministerin. (iss)

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