Ärzte Zeitung, 12.04.2016
 

Pharmadialog

"Mondpreise" stehen zur Debatte

Die Arzneimittelpolitik der Bundesregierung steht aller Voraussicht nach vor tief greifenden Veränderungen. Das sind die Erwartungen an die Ergebnisse des Pharmadialogs zwischen Regierung, Industrie und Gewerkschaften, die am 12. April in Berlin verkündet werden sollen.

Von Anno Fricke

"Mondpreise" stehen zur Debatte

Arzneimittel: Eine Reform der Gesetzgebung könnte anstehen.

© Robert Neumann / fotolia.com

BERLIN. Der "Sovaldi-Effekt" wird aller Voraussicht nach Konsequenzen für eine Reform der Arzneimittelgesetzgebung haben.

Pharmaunternehmer müssen mit Einschränkungen bei der freien Preisbildung im ersten Jahr nach der Einführung eines neuen Medikamentes auf dem deutschen Markt rechnen.

Das geht aus ersten Äußerungen von Regierungskreisen zu den Ergebnissen des Pharma-Dialogs hervor. Andererseits soll Ärzten die Verordnung von Innovationen erleichtert werden.

Stopp der freien Preisbildung

Das sind zentrale Ergebnisse des in den vergangenen zwei Jahren von den Bundesministerien für Gesundheit, Forschung und Wirtschaft einberufenen Pharma-Dialogs mit den Verbänden der Arzneimittelindustrie, den Gewerkschaften und Institutionen aus der Forschung. Die Ergebnisse werden am Dienstag von den Beteiligten in Berlin vorgestellt.

Um die Ausgabenrisiken neuer hochpreisiger Innovationen - prominentestes Beispiel ist das Hepatitis-C-Präparat Sofosbuvir - zu begrenzen, soll es einen von der Regierung schnell zu benennenden gesetzlich vorgegebenen Umsatzschwellenwert geben, der einen Stopp der freien Preisbildung auslöst.

Dieser soll "deutlich" unter 500 Millionen Euro Jahresumsatz in Deutschland liegen, hieß es am Montag dazu aus Regierungskreisen. Industrievertreter zeigten sich von den Vorschlägen verärgert.

"Das vielzitierte erste Jahr freier Preisbildung zu eliminieren, würde keines der Ausgabenprobleme der Kassen lösen, wohl aber die schnelle Verbreitung bahnbrechender Innovationen in der Versorgung gefährden", sagte Birgit Firscher, Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Pharmaunternehmen (vfa).

Auch die Kassenseite beharrt weiter auf ihrer Maximalforderung und sieht in einer Umsatzschwelle "keinen wirklichen Kompromiss".

"Der Erstattungspreis muss rückwirkend ab dem ersten Monat gelten, und zwar ohne dass dies durch einen Schwellenwert aufgeweicht wird", sagte vdek-Chefin Ulrike Elsner am Montag der "Ärzte Zeitung".

Entwicklung von neuen Antibiotika vorantreiben

Regierungsvertreter kündigten am Montag an, dass am Grundprinzip der frühen Nutzenbewertung nicht gerüttelt werden solle. Moderate Änderungen werde es bei der Auswahl der zweckmäßigen Vergleichstherapie geben.

Um die Therapievielfalt zu stärken, solle nicht mehr zwangsläufig das jeweils günstigste geeignete Generikum zum Vergleich herangezogen werden müssen.

In die Richtung, mehr Antibiotika in die Versorgung zu bekommen, zielt auch die Absicht, die Resistenzdrohung in die Nutzenbewertung von Antibiotika-Innovationen einfließen zu lassen. Die Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika solle angekurbelt werden.

Um generell Lieferengpässe zu vermeiden und gleichzeitig die mittelständische Arzneimittelindustrie zu stärken, sollen bei Rabattverträgen zwischen Zuschlag und Lieferung eine Frist von sechs Monaten gelegt werden, kündigten Regierungsvertreter an. Zudem sollen bei Rabattverträgen Mehrfachvergaben möglich sein.

Politik und Industrie haben ferner einen jour fixe vereinbart, um die Versorgungslage in kürzeren Abständen als bisher erörtern zu können.

AMNOG-Änderungen sollen bald kommen

Ärzte verordnen nach Ansicht der Regierung noch zu selten die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) ausgewiesenen Arzneiinnovationen. Neue Regelungen sollen dies ändern.

Wie dies konkret geschehen soll, blieb am Montag noch weitgehend unklar. Als möglicher Weg wurden die Arzneimittelinformationen für Ärzte im Hausarztvertrag der AOK Baden-Württemberg genannt.

Die geplanten Änderungen am AMNOG sollen noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden.

Ein Referentenentwurf solle bis zum Sommer vorliegen, hieß es dazu aus dem Gesundheitsministerium.

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