Ärzte Zeitung, 19.12.2016
 

Medikamentenversorger Teva

Kopieren und Forschen

Teva steht für mehr als für das Kopieren von Originalpräparaten nach Patentablauf. Seit Jahren setzt man dort parallel auf die Entwicklung neuer Wirkstoffe. Dabei richte sich der Fokus auf die Indikation und nicht auf die klassischen Kategorien generisch oder original, so Deutschland-Chef Dr. Markus Leyck Dieken.

Das Interview führte Wolfgang van den Bergh

Kopieren und Forschen

Das Pharmazieunternehmen Teva setzt nicht nur auf die Entwicklung generischer Produkte.

© magnetcreative / iStock

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Leyck Dieken, kopieren und forschen: Ganz grob könnte man so die Strategie von Teva beschreiben. Wie kriegt man das unter einen Hut?

Dr. Markus Leyck Dieken: Wir sind bewusst so breit aufgestellt. Wenn ich mir als Arzt anschaue, dass jeder Kollege das täglich auch unter einen Hut bringen muss, dann müssen wir es als Unternehmen auch können.

Das betrifft die freiverkäuflichen, die generischen und die Original-Präparate. Sicherlich – uns unterscheidet von anderen Unternehmen, dass unser Ansatz zur Entwicklung generischer Produkte breiter angelegt ist.

Wie wird Teva von Ärzten wahrgenommen – als großer Generika-Hersteller oder als Unternehmen mit hoher Kompetenz bei Spezial-Arzneien?

Ich habe acht Jahre als Internist gearbeitet, bin Notfall-Mediziner – ich würde sagen, in der Wahrnehmung der Ärzte steht die generische Sparte weit vorne. Die ist in Deutschland eng mit dem Namen ratiopharm verbunden.

Bei den Spezialisten ist das anders. Hier hat die Marke Teva etwa bei Neurologen aufgrund unserer Expertise in der MS und im Parkinson einen sehr hohen Stellenwert. Und bei den Kassen ist es so, dass Teva als Gesamtunternehmen als wichtiger Versorgungspartner gesehen wird.

Ist es noch zeitgemäß, in Kategorien Generika und Spezialarzneien zu denken, sollte man den Fokus nicht stärker auf die Indikation richten?

Mit dieser Frage beschäftigen wir uns sehr intensiv. Der Patient unterteilt nicht in Kategorien freiverkäuflich, generisch oder original. Für ihn ist ein Medikament ein Medikament – möglicherweise nimmt er sogar ein Generikum als Original wahr. Wir haben Anker-Produkte, um die wir herum ein generisches Portfolio anbieten.

Wie sehr hat die deutsche Strategie die globale Strategie von Teva beeinflusst – oder umgekehrt?

Wir sind weltweit der größte Arzneimittelhersteller, produzieren jedes Jahr 120 Milliarden Tabletten und Kapseln und erreichen damit täglich 200 Millionen Menschen. Das lässt sich ohne eine globale Strategie nicht realisieren. Wir wollen mit neuen Technologien dafür sorgen, dass Patienten verstehen, was sie da täglich einnehmen. Dabei ist nicht entscheidend, ob es sich um ein Originalpräparat oder um eine generische Substanz handelt. Wir richten den Fokus auf die Indikation.

Was sind das für Technologien?

Ich denke an die Digitalisierung, wo wir bislang erst kleine Schritte gegangen sind. Was wir im HealthcareBereich brauchen, sind relevante und substanzielle Angebote. Dabei geht's nicht um die hübsche Pollenflug-App, die nach zwei Wochen ihren Reiz verloren hat. Wir wollen Patienten eine Orientierungshilfe für jeden Tag anbieten.

Hier denke ich an Augmented Reality, wo sie etwa mit der Kamera über fünf Arzneimittelpackungen fahren und Hinweise dazu erhalten, wie ein Präparat einzunehmen ist oder ob es möglicherweise zu Wechselwirkungen kommt.

Dieser Trend wird irgendwann auch im e-Health–Gesetz Anwendung finden. Dann werden Patienten fragen: Passt das Präparat zu meinem Metabolismus? Hab ich die richtigen Leber-Enzyme? Nehme ich dazu die richtige Dosierung?

Lassen Sie mich auf die politischen Rahmenbedingungen zurückkommen. Nicht umsonst hat Ihr Unternehmen in den vergangenen Jahren in Deutschland kräftig investiert. . .

Das ist richtig. Der deutsche Markt wird auch in den nächsten zehn Jahren einer der attraktivsten Märkte für die Industrie sein. Innerhalb unserer Gruppe haben wir in Deutschland die zweitgrößte Organisation. Ja, die Rahmenbedingungen in Deutschland sind gut, sind aber so nicht pharmapolitisch hergestellt worden.

Das heißt?

Die Rahmenbedingungen sind deshalb gut, weil wir in unserem Gesundheitswesen eine gute Infrastruktur haben. Hinzu kommt ein guter Ausbildungsgrad in Schulen, Fachhochschulen und Universitäten. So finden wir entsprechende Mitarbeiter an unseren Standorten.

Nicht zu vernachlässigen ist auch, dass wir in Deutschland politische Stabilität haben. Alles zusammen macht den deutschen Standort attraktiv.

Gilt das auch für die Preisschlacht im Generika-Markt?

Was die generischen Preise angeht, sind wir am Becherboden angekommen. Man wirft uns immer wieder vor, dass wir als Industrie die Rabattklippe selber genommen haben. Ich denke, wir müssen als Unternehmer entscheiden, zu welchem Preis wir unsere Medikamente anbieten.

Was wir kritisch sehen, ist der Doppelschlag zwischen Rabattvertrag und Festbetrag. Hier entsteht eine Endlosspirale, über die wir mit dem GKV-Spitzenverband in Gesprächen sind. Wir diskutieren erstmals über ein Präparat, bei dem der Festbetrag unter dem Herstellungspreis liegt – und das in einem Gebiet, wo wir einziger Anbieter sind.

Was wäre hier zu tun?

Wir brauchen wirtschaftlich durchdachte Lösungen und keine Subventionierung. Dazu gab's im Pharmadialog Lösungsvorschläge – auch beim Thema Lieferengpässe. Es ist gut, dass viele Kassen verstanden haben, dass man bei Ausschreibungen besser auf drei Anbieter setzt, um so für jede Situation gewappnet zu sein.

Ich bin der Meinung, dass neben dem Preis zusätzliche Kriterien, wie etwa die Produktion mit Naturstrom oder auch soziale Aspekte, wie die Erhaltung von Arbeitsplätzen am deutschen Standort herangezogen werden sollten. In Ulm werden wir zum Beispiel eine neue Biotechnologie-Anlage bauen und damit 300 neue Arbeitsplätze schaffen.

An dieser hohen Investition wird deutlich, dass der Standort Deutschland im Teva-Konzern eine sehr wichtige Rolle spielt.

Stichwort Nutzenbewertung: Wie bewerten Sie das AMNOG?

Ich stehe zum Grundgedanken des AMNOG, der ja im Wesentlichen darauf beruht, ein Präparat mit einem anderen Präparat zu vergleichen. Ich glaube auch, dass eine Gesellschaft diesen Anspruch haben kann.

Die Frage ist nur: Sind Komparator und Verfahren fair gewählt? Hier sehe ich mit Blick auf die Statements der Fachgesellschaften bisweilen eine gewisse Diskrepanz. Glücklicherweise greift der GBA hier und da ein und korrigiert anderslautende Empfehlungen des IQWiG.

Das Wichtigste ist, dass Arzneimittel mit positivem Zusatznutzen den Patienten auch erreichen.

Hier könnte ein gutes Arzt-Informationssystem, wie es im Rahmen der AMNOG-Reform überlegt wird, durchaus helfen. . .

Das ist richtig – deshalb plädiere ich dafür, eine klare Beschreibung des Zusatznutzens in jeder Arzt-Informationssoftware vorzunehmen. Mir ist schon bewusst, dass die GBA-Beteiligten das vielleicht in einer anderen Motivation tun als ich mir das vorstelle, aber es kann nicht sein, dass es ein Präparat mit Zusatznutzen gibt, wovon ein Patient schlimmstenfalls viele Jahre nichts erfährt.

Und dennoch trägt am Ende der Arzt das wirtschaftliche Risiko, oder?

Das ist die Doppelzüngigkeit. Ich fürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis Patienten bemerken, dass ihre Ärzte hier in einem Konflikt stehen. Ich glaube, dass man gut beraten ist, therapeutische Kosten nicht zu dramatisieren.

Wir müssen aber auch glaubwürdig sein, wenn es Präparate gibt, die trotz eines Zusatznutzens auf dem deutschen Markt nicht mehr verfügbar sind. Dann wird der Druck der Patienten zunehmen.

Wird das alles mit der AMNOGReform (AM-VSG) besser, wenn sie an einzelne Details denken?

Es geht weniger um einzelne Details als um die Gradlinigkeit des AMNOG-Prozesses. Ein Medikament mit einem Zusatznutzen muss in Relation zu den therapeutisch gesellschaftlichen Belastungen gestellt werden. Die Schweden machen das.

Für uns heißt das: den Horizont weiter zu stecken. Denken Sie an die HIV- oder Hepatitis-Therapie mit ihren Erfolgen. Hier darf man doch keine Dreifaltigkeitsdebatten darüber führen, ob die Virusfreiheit nun tatsächlich die Heilung bringt oder möglicherweise in 20 Jahren noch etwas nachkommt.

Noch einmal: Geht die Reform in die richtige Richtung?

Der Reformvorschlag geht bei Biosimilars in die richtige Richtung. Hier hat die Politik die Wünsche aus dem Pharmadialog aufgenommen. Wir haben heute in Indikationen Biosimilars, die es bislang noch nicht gegeben hat – etwa beim Rheuma.

Über die therapeutischen Möglichkeiten müssen Ärzte, aber auch Patienten viel intensiver aufgeklärt werden. In Westfalen-Lippe ist dazu ein guter Pilot gestartet worden. Dort ist eine regionale Zielvereinbarung verhandelt worden, die auch dafür sorgt, dass der ökonomische Schatz gehoben wird.

Der Kritik, die hier und da an der Verordnung von Biosimilars geübt wird, möchte ich mit einem Beispiel erwidern: Wir haben als Therapeuten nie ein Problem gehabt, dass ein Diabetiker in seinem Leben Insuline wechselt – wohlwissend, dass Insuline auch gentechnisch hergestellt werden.

Aus meiner Sicht akzeptieren wir damit eine der größten biosimilaren Anwendungen, die wir in Deutschland haben.

Die Lebensqualität soll bei der Bewertung neuer Wirkstoffe eine größere Rolle spielen. Teilen Sie die Auffassung von GBA-Chef Hecken?

Das Thema ist wirklich wichtig und hängt sehr stark vom Indikationsgebiet ab. Nehmen Sie das Thema Schmerz: Hier sind Sie schon immer auf die Lebensqualität-Einschätzung des Patienten angewiesen gewesen. Ein anderes Beispiel: Beim schweren Asthma wird ein Teil der Patienten nicht optimal therapiert.

Ziel ist es, die Lebensqualität dieser Patienten zu steigern und Exazerbationen und damit verbundene Klinikaufenthalte zu vermeiden. Mit Reslizumab gibt es eine neue Behandlungsoption für diese Patienten. Sie gibt dem Patienten mehr Sicherheit. Dafür haben wir vor wenigen Monaten die Zulassung erhalten.

Ich gehe davon aus, dass der Antikörper Anfang 2017 zur Verfügung stehen wird. Noch ein Beispiel: Für unser MS-Medikament Copaxone® haben wir im vergangenen Jahr eine neue Dosierung eingeführt. Patienten müssen sich jetzt nur noch dreimal pro Woche spritzen – für sie ein großer Gewinn an Lebensqualität.

In diesem Kontext wird gefordert, Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung in die Bewertungen einfließen zu lassen. Wie wichtig ist das?

Unbestritten sind RCTs wichtig, aber sie werden auch hier bald an Grenzen stoßen. Die Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz schreitet unaufhaltsam voran. Kognitive Systeme wie Watson werden Datenpools sammeln und auswerten, die jedes RCT in seiner Tragweite verblassen lassen.

Beispiel Morbus Huntington: Wenn Sie in den USA alle über Electronic-MedicaI-Record erhobenen Daten der 50 000 Patienten zusammentragen und auswerten, erfahren Sie mehr über Therapie, Dosierung und Motorik der Patienten als durch eine RCT.

Aus diesem Grund haben wir mit IBM Watson ein Abkommen geschlossen, um diese Daten aufarbeiten zu können. Ich bin gespannt auf die Diskussion in der Öffentlichkeit.

Teva GmbH

Branche: Größter Medikamentenversorger weltweit; eines der führenden Generika-Unternehmen, Hersteller von Original-Arzneimitteln in den Indikationen Neurologie, Atemwege, Schmerz und Onkologie; Produktion von OTC-Arzneimitteln; Ulm gilt im Konzern als strategisch wichtiger Produktionsstandort; Vertrieb der Spezialmedikamente erfolgt in Deutschland vom Standort Berlin; zu Teva Deutschland gehört u. a. ratiopharm.

Mitarbeiter: 58.000 weltweit, 3000 in Deutschland

Umsatz: 19,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015

Dr. Markus Leyck Dieken

aktuelle Position: Seit 2013 Senior Vice President & General Manager Teva Germany & Austria, darüber hinaus seit August 2016 Global Lead Project Teva 2021

Ausbildung: Internist und Notfallmediziner

Werdegang: 2003 - 2007 VP & GM Novo Nordisk D-A-CH (Mainz) 2007 - 2010 SVP Head Region Europe für Novartis Vaccines (Boston) und Managing Director Novartis Behring (Marburg) 2010 - 2012 SVP & Country Manager Deutschland für InterMune (Biotech) 2012 - 2013 Managing Director Teva Specialty Medicines

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »

Mehr Transparenz soll die Wogen der SPRINT-Studie glätten

Der Streit um die SPRINT-Studie hält an. Im Fokus steht die genutzte Methode der Praxisblutdruckmessung, um die sich Gerüchte rankten. Jetzt hat die SPRINT-Gruppe für mehr Transparenz gesorgt. mehr »