Ärzte Zeitung, 23.01.2017
 

Diabetes

Innovationsbremse AMNOG

Die Praxis der frühen Nutzenbewertung birgt die Gefahr, dass sie wie eine Innovationsbremse in Forschung und Wissenschaft, speziell in der Diabetologie wirkt.

Kritisch setzen sich die Diabetologen bei ihrer Analyse der frühen Nutzenbewertung auch damit auseinander, wie das AMNOG-Verfahren längerfristig auch die wissenschaftliche Entwicklung in der Diabetologie beeinflussen könnte. Die Sorge: Der Wissenschaftsstandort Deutschland könnte von der internationalen Entwicklung abgekoppelt werden. Folgende Problemkreise werden genannt:

Bei der Strategie der Arzneimittelentwicklung sei es wenig lukrativ, für chronische Krankheiten Medikamente zu erforschen, in denen viele Therapien generisch sind und die als zweckmäßige Vergleichstherapie für die Nutzenbewertung gewählt werden. Das gelte für die Sulfonylharnstoffe bei Diabetes, aber auch für ACE-Hemmer bei Hypertonie. Auch eine lange Dauer bis zum Erreichen signifikanter Unterschiede in harten Endpunkten seien nachteilig.

Ferner werden durch das AMNOG Ressourcen gebunden, die als Innovationsbremse wirken könnten: Etwa, wenn aufgrund der gewählten Vergleichstherapie für bestimmte Fragestellungen der Nutzenbewertung zusätzliche Studien aufgelegt werden, die jedoch wenig wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bringen und aus denen sich auch keine neuen wissenschaftlichen Hypothesen generieren ließen.

Die Rücknahme von Medikamenten aus dem deutschen Markt führe zu einer Verschlechterung der Forschungsbedingungen. Studien mit neuen Fragestellungen zu zusätzlichen Wirkungen oder Einsatzmöglichkeiten, die an Universitäten und Forschungsinstituten unabhängig geplant und durchgeführt werden, seien bei Marktrücknahme oft erschwert. Langfristig sei damit auch eine Reduktion von Arbeits- und Ausbildungsplätzen für klinische Forscher und Grundlagenwissenschaftler an Universitäten, Forschungseinrichtungen und in der Industrie zu befürchten. Die Expertise und klinische klinische Erfahrung im Umgang mit bestimmten Medikamentenklassen gehe verloren, am Ende sei auch die Lehre im Medizinstudium und in benachbarten Fächern wie Biochemie Biologie und Pharmazie betroffen. Das schade dem Wissenschaftsstandort Deutschland.

Ebenso führe eine Einschränkung des Medikamentenportfolios auch zu einer Einschränkung der klinischen Expertise und der breiteren klinischen Erfahrung. Individuelle, auf den einzelnen Patienten abgestimmte Therapie werde sei weniger leicht umsetzbar, die Therapiefreiheit werde beeinträchtigt.

Das Fazit: "Nach wie vor besteht daher aus Sicht der DDG dringender Handlungsbedarf, um den AMNOG-Prozess zu verbessern.

Die Fachgespräche und Diskussionen 2016 waren ein wichtiger Schritt, zur Weiterentwicklung beizutragen. Es ist darüber hinaus jedoch eine breitere öffentliche Diskussion notwendig, um an dieser Stelle weiterzukommen." (HL)

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