Ärzte Zeitung, 22.02.2017
 

Antibiotika

Wie kommt Schwung in die Forschung?

Mit vier Vorschlägen will die Boston Consulting Group die globale Antibiotikaforschung ankurbeln. Dazu sollen Pharmahersteller gegen hohes finanzielles Risiko abgesichert und Forschungsleitlinien bereitgestellt werden.

Alexander Joppich

In den Zeiten der deutschen G7-Präsidentschaft hatte sich die Bundesregierung 2015 den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen auf die Fahne geschrieben. Im Jahr der G20-Präsidentschaft hat die Beratung The Boston Consulting Group (BCG) nun konkrete Vorschläge ausgearbeitet, wie die weltweite Antibiotikaforschung gefördert werden kann – im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. In dem Gutachten "Breaking through the Wall" präsentieren die Berater vier Lösungsansätze – Hebel genannt – gegen die schleppende Antibiotikaentwicklung. Das jetzige Gutachten schließt an eine Studie aus dem Jahr 2015 an: In dieser hatte BCG die vier Lösungsansätze vorgestellt, ohne sie konkret auszuarbeiten.

Die Grundproblematik

Die Antibiotikaresistenzen nehmen rapide zu, das ist bekannt. BCG hat die Thematik analysiert und folgende Probleme identifiziert:

Die Berater fassen zusammen, dass in Folge seit über dreißig Jahren "keine neuen Wirkmechanismen gegen gramnegative Bakterien entwickelt worden" seien. Weltweit gebe es deshalb insgesamt auch nur etwa 500 Antibiotikaforscher – zum Vergleich: allein das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) habe dagegen 800 nur im Bereich Krebs.

Zur Lösung schlägt BCG Lösungen in den vier Phasen der Wertschöpfungskette eines Antiinfektivums vor.

1. Target Product Profiles

Generell schwebt der Beratung die Gründung einer internationalen Initiative vor, die ihre eigenen Lösungsansätze regelmäßig überwacht und koordiniert. Diese nennen die Consultants GUARD (Global Union for Antibiotics Research and Development).

Eine Maßnahme der GUARD wäre die Erstellung sogenannter Target Product Profiles. Diese definieren, welche Schwerpunkte Antibiotikaforscher setzen müssen, um die am dringendsten benötigten Mittel zu forcieren. BCG ist der Meinung, dies würde das Problem des weltweit unkoordinierten Forschens lösen. Die Beratung differenziert dabei zwischen Leitlinien für Arzneien gegen multiresistente Keime (resistenzbrechende Profile), Medikamente für die Behandlung bestimmter Indikationen (krankheitsbekämpfende) und solche gegen besondere Erreger (pathogenbekämpfende).

2. Global Research Fund

Als zweite Aktion soll die GUARD ein Budget von jährlich 200 Millionen US-Dollar verwalten, mit dem die globale Antibiotika-Grundlagenforschung angekurbelt werden soll. Die Beratungsgruppe schlägt vor, rund 25 Millionen US-Dollar einzusetzen, um 250 neue Forschungsstellen in der Grundlagenforschung zu schaffen. Die restlichen etwa 175 Millionen US-Dollar könnte man nutzen, um je zur Hälfte Projekte in der Grundlagenforschung und solche in der vorklinischen Phase zu fördern.

3. Global Development Fund

Mit dem Global Development Fund (Umfang: ebenfalls 200 Millionen Dollar) soll GUARD vielversprechende, aber finanziell risikoreiche Projekte in der Phase der klinischen Entwicklung finanzieren. Dabei müssen Unternehmen nach der Markteinführung pro Jahr 50 Prozent ihres Produktgewinns zurückzahlen, bis die Fördersumme beglichen ist – aber nur, falls das Antibiotikum Gewinn abwirft. Besonders kleinere Pharmaunternehmen profitierten davon.

4. Global Launch Reward

Der vierte Hebel garantiert den Pharmaunternehmen eine Markteintrittsprämie von einer Milliarde US-Dollar für dringend benötigte Antibiotika laut einem Target Product Profile. Die Prämie müssen die Hersteller von ihrem Gewinn nach Markteinführung schrittweise zurückzahlen – jedoch für Antibiotika mit niedrigen bis mittleren Gewinnerwartungen nur teilweise. Mit diesem Modell sollen Produkteinführungen gefördert werden, da Anbieter eine garantierte Prämie erhalten, die nur im Erfolgsfall komplett zurückgezahlt werden muss. Wie beim Global Development Fund ist die Idee, Pharmahersteller gegen einen finanziellen Verlust bei einer Neuentwicklung abzusichern.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Wenn der Markt versagt...

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