Ärzte Zeitung, 04.06.2013
 

Niedersachsen

Bedarfsplanung mit kuriosen Folgen

Bedarfsplanung mit kuriosen Folgen

Auch in Niedersachsen sorgt die neue Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung für Ärger. Der neue Zuschnitt führt in einigen Bereichen zugleich zu Über- und zu Unterversorgung.

Von Christian Beneker

HANNOVER. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) hat eine neue, kleinräumigere Bedarfsplanung für die hausärztliche Versorgung vorgelegt.

Für eine Reihe von Gemeinden verbessern sich die Versorgungsbedingungen.

Für andere nicht, im Gegenteil. Die betroffenen Bürgermeister protestieren. Der Hausärzteverband findet die neue Planung besser als die alte Regelung.

Aus 44 werden 97 Bezirke

An Stelle der 44 bisherigen hausärztlichen Planungsbezirke, die sich an Kreisen und kreisfreien Städten orientierten, werden ab 1. Juli 2013 genau 97 sogenannter Mittelbereiche im Land eingerichtet.

Damit entstehen für Hausärzte 404 Niederlassungsmöglichkeiten im Land. Die Kassenärztliche Vereinigung spricht von einem "echten Novum".

Tatsächlich sind die Mittelbereiche im ländlichen Nordwesten neu, anders als etwa im urbanen Nordrhein-Westfalen. Es handelt sich dabei um eine Berechnungsgröße der Raumordnungsplanung, die Kommunen nach bestimmten Kriterien zusammenfasst.

Diese Neuordnung sei nur ein Baustein von mehreren, "um eine bedarfsgerechte räumliche Verteilung ambulanter Versorgungsressourcen zu erreichen", erklärt die Körperschaft.

Zu den Profiteuren der Neuregelung gehören die großen und ländlichen Landkreise, zum Beispiel Cuxhaven an der Nordseeküste oder das Emsland. Durch die kleinräumigere Aufteilung verkürzen sich im Zweifel die Wege zum nächsten Hausarzt.

Bei der Vorstellung des Konzepts auf insgesamt fünf Bürgermeisterversammlungen in Niedersachsen habe die KV Niedersachsen aber auch "zum Teil heftige Kritik einstecken müssen", berichtet Oliver Kammlage, Sozialreferent beim Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund, der "Ärzte Zeitung".

"Wir haben viele kritische Stellungnahmen zu den neuen Zuschnitten erhalten."

"Ich dachte, mich tritt ein Pferd"

In der Tat sind offenbar viele Bürgermeister noch unzufrieden. So sagt etwa Dr. Wolfgang Krug, parteiloser Bürgermeister des 6500-Seelen-Ortes Holdorf in Südoldenburg, der "Ärzte Zeitung": "Uns ist die Planung noch nicht kleinräumig genug. Wir wollen, dass sie gemeindescharf gestellt wird."

Die Gemeinde Holdorf liegt mit den beiden größeren Orten Damme und Lohne in einem der neuen Planungsbezirke. Derzeit hat der Ort zwei Hausärzte. Sie sind älter als 50 beziehungsweise 60 Jahre, so Krug.

"Wenn wir von 1700 Patienten pro Arzt ausgehen, haben wir mit der neuen Planung zwar Raum für vier Hausärzte in Holdorf, sie werden aber eher nach Damme oder Lohne gehen. Und unsere alten Leute müssen dann immer fahren", befürchtet der Bürgermeister.

In der Gemeinde Baddeckenstedt in der Nähe von Salzgitter liegt das Problem etwas anders. Die 10 500-Einwohner-Gemeinde hat "in 18 Ortsteilen und auf 114 Quadratkilometern nur vier praktizierende Hausärzte, von denen möglicherweise eine Ärztin bald geht", sagt Bürgermeister Jens Range (SPD).

"Das bedeutet einen Versorgungsgrad von 63 Prozent, wenn die Ärztin aufgibt, von 47 Prozent - wir sind also unterversorgt."

Niedersächsische Hausärzteverband lobt neuen Zuschnitt

Durch den neuen Zuschnitt der Bereiche rutscht Ranges Gemeinde aber in einen Bezirk mit Salzgitter und Lengede - mit einem Versorgungsgrad von 111,5 Prozent.

"Ich dachte, mich tritt ein Pferd" so Range unverblümt, "es ist der Bevölkerung nicht klar zu machen, dass sie zwar den Ärztemangel vor der Haustür haben, aber durch einen bürokratischen Federstrich plötzlich bestens versorgt sein sollen." Auch Range fordert, die Gemeindegrenzen als Planungsgrundlage zu nehmen.

Dr. Heinz Jarmatz, Chef des Niedersächsischen Hausärzteverbandes, lobt dagegen den neuen Zuschnitt als Verbesserung. "Die Gemeindegrenzen als Berechnungsgröße zu nehmen, ist nicht nachvollziehbar."

Schon heute hätten die Dörfer kaum Infrastruktur, um Patienten zum Arzt zu bringen, der Weg zu den Mittelzentren dagegen sei mit öffentlichen Verkehrsmitteln vielerorts gebahnt.

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen will in der zweiten Jahreshälfte 2013 gegebenenfalls nachbessern.

KV-Chef Mark Barjenbruch: "Der grundsätzlich für drei bis fünf Jahre aufzustellende Bedarfsplan wird also eine Überarbeitung erfahren. Ob das allein ausreicht, bleibt abzuwarten - hier wird es weiterhin Allianzen mit dem Land, den Kommunen und auch mit den Krankenkassen geben müssen."

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