Ärzte Zeitung online, 20.12.2013
 

Rheinland-Pfalz

Lust am Hausarztberuf - verordnet von Politik und Kammer

Gesundheitsministerium und Ärztekammer machen in Rheinland-Pfalz gemeinsame Sache: Sie werben für den Beruf als Allgemeinmediziner, damit den Hausärzten im Land nicht der Nachwuchs ausgeht. Doch den Nachwuchs interessiert das wenig.

Von Marco Hübner

Lust am Hausarztberuf - verordnet von Politik und Kammer

Kurz vor Beginn der Veranstaltung: Nur wenige Medizinstudenten haben sich in den Hörsaal eingefunden. Wenn, dann sitzen sie in den hinteren Reihen.

© Marco Hübner

MAINZ. Der große Hörsaal ist halb leer. Junge Gesichter sind nur vereinzelt zu sehen. Wenn überhaupt, gucken sie auf ihre Smartphones. Die Medizinstudenten sitzen in den hinteren Stuhlreihen, weit entfernt vom Geschehen. Vorne auf der "Bühne" werben Gesundheitsministerium und Ärztekammer gemeinsam für den Beruf des Allgemeinmediziners. Kürzlich luden sie dafür in den großen Hörsaal des Instituts für Pathologie der Universitätsmedizin Mainz.

"Wir möchten mit dieser Veranstaltung zeigen, wie vielfältig die hausärztliche Tätigkeit heute aussehen kann", eröffnet Gesundheitsminister Alexander Schweitzer (SPD) die Veranstaltung.

Das Thema sei der Politik besonders wichtig: Das Hausarztförderprogramm in Rheinland Pfalz sei mit einem "weit mehr als symbolischen" Gesamtbetrag von 400.000 Euro im kommenden Haushalt angesetzt worden.

Auf den Minister folgt Professor Frieder Hessenauer, Chef der Landesärztekammer in Rheinland-Pfalz, am Rednerpult. Auf Powerpoint-Folien zeigt er den Studenten, welche Chancen die hausärztliche Tätigkeit bietet. Welche Projekte es gibt, die bei der Niederlassung helfen. Ergänzt wird sein Vortrag durch Zahlen zur Versorgung.

An Dramatik fehlt es nicht: 39 Prozent der Ärzte für Allgemeinmedizin in Rheinland-Pfalz seien 60 Jahre und älter weitere 36 Prozent sind zwischen 50 und 59 Jahre alt. "2020 wird es laut Erhebung der KBV 7000 weniger Hausärzte in der Bundesrepublik geben als 2010", berichtet Hessenauer.

Ein darauf folgender Vortrag liefert erneut viele Informationen. Diesmal zur Work-Life-Balance-Problematik, zur Demografie, zur Zufriedenheit im Beruf. Die Gruppe der Niedergelassenen zeigt sich dabei am zufriedensten, die der Krankenhausärzte am unzufriedensten.

Sind also alle Medizinstudenten bald auf dem Weg in die eigene Hausarztpraxis? Trotz all der Zahlen, Statistiken, Projekte, Besorgnis- und Unterstützungsbekundungen, mag der Funke einfach nicht so recht auf die Nachwuchsärzte überspringen.

Mit Herzblut für den Hausarztberuf

Still und leise verlassen einzelne Studenten immer wieder den Saal. Plötzlich - anderthalb Stunden nach Beginn der Veranstaltung - tönt es aus den Lautsprechern, dass den verbliebenen jungen Zuhörern der Finger vom Touchscreen ihres Smartphones flutscht: "Geht's ihnen denn gut dahinten? Sie sitzen so furchtbar weit weg", schallt es.

Eine zierliche Frau tritt ganz nah an die erste Reihe im Hörsaal heran. Sie gestikuliert, läuft auf und ab, sucht die Blicke der Studenten im weiten Raum und spricht mit Elan. "Ich möchte mit ihnen einkaufen gehen!", sagt sie. Dr. Barbara Römer ist Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis.

"Ich war letztens mit meiner Tochter bei IKEA. Eine Kommode kaufen. Und wie die aussieht. Tolle Griffe und Knöpfe sind dran. Moment mal, dachte ich, die Kommode ist wie unser Gesundheitssystem", erzählt Römer. Es gebe viele tolle, hoch spezialisierte "Schubladen".

Am liebsten würden Studenten die Schubladen mit den glitzernden Griffen, etwa zum Neuroradiologen, aufziehen. "Ich wollte das auch erst. Kardiologin werden. Jetzt bin ich der Holzrahmen, der die Schubladen umgibt. Ein Stück Ansehen und Achtung im Beruf geht damit aber verloren", erklärt die Hausärztin.

Das sei eines der wesentlichen Probleme, die dazu führen, dass es nicht genug Nachwuchs gibt. Das müsse sich zunächst ändern. Darin stimmt ihr Frank Schütz zu. Er vertritt die Studenten auf dem Diskussionspodium. "Es sind häufig die Kollegen aus anderen Fachrichtungen, die die Allgemeinmediziner immer noch belächeln. Dabei sind sie die Koordinatoren, auf die es eigentlich ankommt."

Unter den Studenten herrsche auch noch die Denke: "Wenn halt Garnix anderes klappt, mach ich halt das - sind ja genug Plätze frei." Was sind also die Qualitäten eines Hausarztes? Was macht den Rahmen der Kommode aus? Römer nennt im zackigen Ton drei Punkte, um mit dem Bild vom schluffigen Scheineaussteller zu brechen: Lotsenfunktion, Vertrauen und Ganzheitlichkeit.

Blick über mehrere Patientengenerationen

"Die Arbeit geht weit über ‚Gib mal ne Überweisung‘ hinaus", stellt Römer klar. Der Hausarzt sei wichtiger Taktgeber. Er prüfe genau, wo es für Patienten am sinnvollsten sei hinzugehen. Das spare dem gesamten System Ressourcen.

Außerdem würden sie das große Ganze sehen. Über Generationen ihrer Patienten hinweg, wodurch sie so manch irrationale Entscheidung der Erkrankten besser nachvollziehen könnten. "Von ihnen wird erwartet, dass sie den Menschen im Kontext seiner Erkrankungen und Familiensituation beraten", fasst die Ärztin zusammen. Viele bekämen erst so das Vertrauen, sich in weitere Behandlung beim Facharzt oder in die Klinik zu begeben.

Zum Schluss nennt sie einen weiteren Grund, warum der Beruf motivierend sei: "Ich habe so dankbare Patienten. Wir werden aktuell geradezu zugeschüttet mit Plätzchen und Socken zu Weihnachten" und schiebt nach "Wir freuen uns über jeden Einzelnen von ihnen, der diesen Weg einschlägt."

Doch im Saal sitzen nur noch einige wenige Studenten. Die klatschen, begeistert von ihrem Vortrag. Bis zum Schluss der Veranstaltung hat es allerdings kaum einer der jungen Zuhörer geschafft sitzen zu bleiben. Obwohl es letztlich speziell um sie ging.

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