Ärzte Zeitung online, 27.11.2014
 

Patientenbeauftragter fordert

Gleicher Lohn für alle Hausärzte

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, will die Tätigkeit des Hausarztes aufwerten. Er drängt darauf, die unterschiedlichen Vergütungen in den KVen zu bereinigen.

Von Susanne Werner

BERLIN. Karl-Josef Laumann, Patientenbeauftragter der Bundesregierung, will über das Versorgungsstärkungsgesetz (VSG) die Tätigkeit des Hausarztes attraktiver zu machen. Zentrales Instrument ist dabei die Änderung des Paragrafen 87a SGB V. Der Referentenentwurf sieht eine Neufassung vor, um unbegründete Unterschiede in den Gesamtvergütungen zwischen KVen abbauen zu können.

Bislang kann ein Hausarzt für seine Tätigkeit in Bremen deutlich mehr abrechnen als ein niedergelassener Kollege in Baden-Württemberg. Laumann verwies dazu auf Zahlen der KBV: Die Länder Bremen (510,25 Euro pro Versicherten) und Berlin (497,51 Euro) nehmen demnach in einer Rangliste von 2012 Spitzenplätzen ein.

Rückgang der Hausärte stoppen

Westfalen-Lippe und Baden-Württemberg hingegen sind mit jeweils 428 Euro die Schlusslichter. Bundesweit lag der Durchschnitt 458,71 Euro pro Versicherten.

Der Gesetzgeber soll jetzt den Rahmen schaffen, um für 2016 überproportionale Abschlüsse bei den Verhandlungen zwischen Kassen und KVen zu ermöglichen und rechtlich abzusichern. So sollen jene KVen, deren Vergütungen bislang unter dem Bundesdurchschnitt liegen, künftig mehr für sich herausholen können.

Eine angeglichene Vergütung sei, so Laumann, nur ein Baustein, um den jahrelangen Rückgang der Hausärzte zu stoppen. Laut Zahlen der Bundesärztekammer gab es Ende 2013 in Deutschland 33.780 niedergelassene Allgemeinmediziner und praktische Ärzte; 1995 waren es mit 46.092 Hausärzten fast 13.000 mehr.

Laumann verwies darauf, dass zeitgleich die Zahl der Medizinstudienplätze bundesweit gesunken ist: Von 18.335 Absolventen im Jahr 1993 auf 16.296 im Jahr 2012. Zudem hätten noch immer sechs Medizin-Fakultäten kein Institut für Allgemeinmedizin.

Nicht nur nach Abiturnote auswählen

Laumann: "Man hat den Verdacht, dass die hausärztliche Fachausbildung an den Hochschulen ein Schattendasein führt." Die Hochschulen sollten, so appellierte Laumann, künftig nicht nur über die Abitur-Note auswählen, sondern geeignete Bewerber auch mit Blick auf die hausärztliche Versorgung zulassen.

[28.11.2014, 08:26:42]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Statt hausärztliche Honorarkonvergenz "Geteiltes Deutschland"?
Viele ahnen nicht nur, sondern wissen, dass ich kein Freund der CDU/CSU-"Gesundheits"- und Krankheitspolitik bin: Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn (CDU), hatte seine Medizin-Bildungsferne schon des Öfteren belegen können. Die SPD bleibt in weiten Teilen auch nicht besser, wenn nicht gerade professorale Weisheiten verbreitet werden. GRÜNE/Bündnis 90-Wendehälse und DIE LINKE sind in den meisten Fragen zum medizinischen und ärztlichen Versorgungssystem in Deutschland noch immer zu unbedarft. Die FDP bleibt bedeutungslos bzw. hat sich konsequent selbst privatisiert ("Privat vor Staat").

Doch was der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU) in die Diskussion einbringt, nötigt mir hohen Respekt ab. Die Tatsache, dass hier endlich mal kein Ärztefunktionär, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut feststellt, dass es absurd aufgespreizte, schikanös-unterschiedliche Bezahlungen der H a u s ä r z t e durch die GKV-Krankenkassen in Deutschland gibt. In Bremen zahlten die Kassen für einen Versicherten im Schnitt 510,25 Euro, im Rheinland nur 458,71 Euro und in Westfalen 428,71 Euro. NRW rangiert damit bei der Haus-Ärztehonorierung am unteren Ende der Tabelle - ganz so, als gäbe es noch ein weiterhin "Geteiltes Deutschland", nur nicht mehr in Ost und West.

Auf die notwendige Konvergenz bei der hausärztlichen GKV-Vergütung hatten vorher schon die Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens, bzw. mein KVWL-Vorsitzender Dr. med. Wolfgang-Axel Dryden, Facharzt für Allgemeinmedizin, hingewiesen. Sogar eine Petition wurde beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages zu diesem Thema eingereicht.

Wenn sich daran nichts ändert, wird es wegen des demografischen Faktors mit Steigerung der Multimorbidität bzw. Überalterung von Patienten u n d GKV-Vertragsärzten bzw. der fehlenden Motivation zur Hausarzt-Niederlassung bei den jungen Kolleginnen und Kollegen in NRW zu Versorgungsnotständen kommen.

Allein im Dortmunder Zentrum in meiner unmittelbaren Praxis-Nachbarschaft musste ein erkrankter Kollege wegen schwindender Kräfte seine familienorientierte, hausärztliche Praxis aufgeben. Seine Lebensgefährtin gab ihre Allgemeinpraxis auch auf. Ein weiterer, befreundeter Kollege ist letzten Monat verstorben. Zwei bereits vor Jahren aufgegebene hausärztlich-internistische Praxen wurden trotz steigender Patientenzahlen schon damals nicht mehr neu besetzt.

Die drei erstgenannten Praxen haben bis heute keine Nachfolge, so dass sich diese zusätzlichen Hausarzt-Patienten auf die umliegenden Vertragsarzt-Sitze verteilen. Von den jüngeren Kolleginnen und Kollegen aus den Kliniken will niemand mehr die hausärztliche Kärrnerarbeit machen. Zu groß sind die Erwartungs-, Forderungs- und Anspruchshaltungen der Patienten, die realitätsfernen leeren Versprechungen von GKV-Kassen und KVen/KBV bzw. zu klein sind Vertragsarzt-Pauschalen für eine umfassende 3-Monate-Rundum-Versorgung bei zunehmender Multimorbidität und ungebremst krankheitsfördernden Lebensstilen. Versorgungsansprüche bei Krankheit, Fortbildung und Renten/Pensionen bzw. die gesamte Personalverwaltung und -Steuerung, die in Klinikbetrieben selbstverständlich zum Gehalt dazu gehören, entfallen ersatzlos in der freiberuflichen Praxistätigkeit.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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