Ärzte Zeitung, 08.12.2016
 

Chirurgen

Medizin am Limit durch immer mehr Leistung

Im Vorfeld ihres Kongresses setzt die DGCH deutliche Akzente: Sie will weder eine "Barfußchirurgie" noch den geplanten Masterplan Medizinstudium 2020. Auch die Vorgaben des GBA zur Versorgung von Frühchen lehnt sie ab.

Von Martina Merten

Medizin am Limit durch immer mehr Leistung

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BERLIN. "Wir haben eine vernünftige Spezialisierung in der chirurgischen Weiterbildung – das lassen wir uns auch von der Politik nicht kleinreden." Mit diesen klaren Worten sprach sich der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), Professor Hans-Joachim Meyer, am Mittwoch gegen Bestrebungen aus, "Barfußchirurgen" in der Medizin einzuführen, chirurgische Generalisten mit verkürzter Weiterbildungszeit.

Der derzeitige Qualitätsstandard in der Chirurgie sei nur über eine qualifizierte sechsjährige Spezialisierung in der chirurgischen Weiterbildung zu halten, betonte auch DGCH-Präsident Tim Pohlemann im Vorfeld des 134. Chirurgenkongresses in Berlin.

Einzelne Landesärztekammern und der Marburger Bund hatten sich für eine Verkürzung der Weiterbildungszeit ausgesprochen.

Harsche Kritik am Masterplan

Gleichzeitig übte der DGCH-Vorstand harsche Kritik am Entwurf des geplanten Masterplans Medizinstudium 2020. Die darin diskutierte Umstrukturierung des praktischen Jahres widerspreche eindeutig den Vorstellungen der Medizinstudierenden, so Pohlemann. Statt der bisherigen Ableistung von zwei Pflichttertialen in der Inneren Medizin und in der Chirurgie sowie einem Wahltertial soll unter anderem eine Quartalisierung eingeführt werden. Diese sieht – wie berichtet – einen Pflichtabschnitt in der ambulanten Medizin sowie einen dreimonatigen Abschnitt in einem Wahlfach vor.

Grundsätzlich sprach sich die Fachgesellschaft gegen die wachsende Leistungsverdichtung auch in der Chirurgie aus. Eine bedarfsgerechte Pflege der Patienten direkt nach einer Operation sei aufgrund von Personalknappheit kaum noch zu leisten. Darunter litten alle, so Pohlemann.

Im internationalen Bereich hinke Deutschland massiv hinterher. "Während sich in Skandinavien auf einer Normalstation eine Pflegekraft um drei Patienten kümmert, beträgt dieses Verhältnis in Deutschland eins zu zehn", berichtete Pohlemann. Die Pflege müsse dringend gestärkt werden. Rigide Controllingvorgaben und aufwendige Dokumentationen verschärften den Mangel weiter. Im Zweifel hält es die DGCH für sinnvoller, einige Kliniken zu schließen und die verbleibenden gut auszustatten.

Kinderkliniken besonders betroffen

Kinderkliniken leiden nach Ansicht der Chirurgen besonders an der beschriebenen Ökonomisierung. 40 Prozent mussten sogar einer Umfrage zufolge in 2015 ihre Betreuungskapazitäten wegen Personalmangels reduzieren. Erschwerend komme nun die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) auf den Weg gebrachte Qualitätssicherungs-Richtlinie zur Frühgeborenen-Versorgung hinzu.

Die Richtlinie schreibt eine hohe Fachkraftquote für die neonatologische Intensivpflege und einen bestimmten Personalschlüssel für die Frühgeborenen-Versorgung vor. Laut einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts können derzeit nur gut ein Viertel der Perinatalzentren die Vorgaben der Richtlinie erfüllen.

Die Folge nach Ansicht von Professor Bernd Tillig, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH): "Kinder müssten in andere Häuser verlegt werden." Tillig zufolge erfordert die Umsetzung der Vorgaben bis zu 1750 zusätzliche Vollkräfte und zusätzliche Mittel in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro. "Da dies nicht zu schaffen ist, werden in der Folge Perinatalzentren untergehen", glaubt Tillig. Dies gleiche einer Marktbereinigung, die politisch offenbar in Kauf genommen werde. Sinnvoller sei es, den Rückbau von Kapazitäten dem Staat zu überlassen und sich dabei von der DGKCH beraten zu lassen.

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