Ärzte Zeitung online, 15.05.2017
 

Bayern

Nachbesetzung klappt nicht? Da muss der Bürgermeister ran

Bayern hat nicht nur Boom-Regionen. Im Norden des Landes misslingt vielerorts die Nachbesetzung von Arztpraxen. Bei der Versorgungskonferenz der KVB wurde der Wert kommunalen Engagements betont.

Von Christina Bauer

Nachbesetzung klappt nicht? Da muss der Bürgermeister ran

Niederlassung in einer ländlichen Region? Anreize der Kommune können helfen.

© Ulrich Baumgarten / dpa

NÜRNBERG. Im bayerischen Norden addieren sich die Versorgungsprobleme. Daher stand diese Region im Mittelpunkt der jüngsten Versorgungskonferenz der KV Bayerns. KVB-Chef Dr. Wolfgang Krombholz verwies darauf, dass sich 15 der 20 Planungsbereiche, in denen der festgelegte Versorgungsgrad derzeit nicht erreicht wird, in Unter-, Mittel- und Oberfranken sowie der Oberpfalz befinden.

12,5% der Facharztanerkennungen

in Bayern entfielen im Vorjahr auf die Allgemeinmedizin. Das ist deutlich über dem Bundesschnitt von zehn Prozent.

Immer wieder können Arztsitze nicht oder nur mit hohem Zusatzaufwand nachbesetzt werden. Seit 2014 seien 5,5 Millionen Euro Niederlassungsförderung aus dem Strukturfonds von KVB und Krankenkassen geflossen, davon 3,8 Millionen in den nördlichen Teil Bayerns. Das habe einige Nachbesetzungen ermöglicht. Dennoch fehlten Hausärzte, aber auch Hautärzte, HNO-Ärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater.

Es gebe positive Entwicklungen bei den Weiterbildungen, stellte Bayerns Ärztekammer-Präsident Dr. Max Kaplan fest. Im vergangenen Jahr hätten in Bayern 254 Allgemeinärzte ihre Facharztanerkennung erhalten, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Ihr Anteil an allen Facharztanerkennungen sei zudem mit 12,5 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt (zehn Prozent). Das reiche aber noch nicht. "Um die Sicherstellung langfristig gewährleisten zu können, bräuchten wir 20 Prozent", konstatierte Kaplan. KV und Krankenkassen fördern in Bayern seit 2015 die Weiterbildung in Allgemeinmedizin, seit 2016 auch die für ausgewählte Fachärzte.

Lösungsansätze funktionieren regional, wurde bei einer Podiumsdiskussion deutlich. Landrat Gerhard Wägemann hat in Weißenburg-Gunzenhausen eine Medizinische Ferienakademie etabliert, um Studierenden die Region näher zu bringen. "Die zehn Plätze, die wir angeboten haben, waren im Nu weg", sagte er. Die vier Akademie-Tage umfassten Praxis- und Klinik-Workshops. Zugleich seien gemeinsame Sport- und Freizeitangebote integriert. Eine Teilnehmerin absolviere nun vor Ort ihr Praktisches Jahr. Auch die diesjährige, zweite Runde sei sofort ausgebucht gewesen.

Von einer erfolgreichen Hausarztsuche berichtete Friedrich Wörrlein, Bürgermeister des Marktes Dentlein am Forst (Kreis Ansbach). Die dortige Praxis habe kurzfristig schließen müssen, da der Sohn und designierte Nachfolger des Arztes lieber an der Klinik bleiben wollte. Als eine Ärztin gefunden war, habe sie aus Gesundheitsgründen nach nur drei Monaten aufhören müssen. Schließlich habe ein Arzt übernommen, der soeben erst die Weiterbildung absolviert habe. Wollten Gemeinden zeitnah Praxisnachfolger haben, sollten sie das nicht der KV überlassen, sondern selbst Initiative ergreifen. Er habe gute Erfahrungen damit gemacht, gelungene Praxisräume anzubieten, berichtete Wörrlein. Auf den an die Interessenten mitgeschickten Grundriss der Praxis am Ort hätten viele positiv reagiert. Zudem gebe es bei der Refinanzierung keinen Druck, sie dürfe zehn oder 20 Jahren dauern. "Der Arzt muss spüren, dass die ganze Gemeinde hinter ihm steht", so Wörrlein.

In Zirndorf (Landkreis Fürth) stand laut Bürgermeister Thomas Zwingel, zweiter Vizepräsidenten des Bayerischen Gemeindetages, eine Augenarztpraxis lange Zeit leer. Zwar hätten sich Ärzte interessiert, aber Sorge um ihre Einnahmen gehabt. Ein nahegelegenes Ärztehaus habe zur Unsicherheit über die potenzielle Patientenzahl beigetragen. "Durch Beratung oder infrastrukturelle Maßnahmen können wir gern unterstützen", sagte Zwingel. Von finanziellen Zuweisungen riet er ab. Letzten Endes habe sich eine Augenärztin am Ort niedergelassen. Ein Hinweis auf geeignete Räume in einer früheren Anwaltskanzlei und ein Gründerdarlehen der Bank hätten als Unterstützung gereicht. Kürzlich habe die Praxis eröffnet.

Die ärztliche Versorgung sei mit Blick auf die Daseinsvorsorge zentral, betonte Bürgermeister Wörrlein. Falle eine Praxis weg, zerfielen schnell weitere Strukturen, Menschen zögen weg, Zuzug bleibe aus. In geeigneter Form dürfe eine Gemeinde die Nachbesetzung einer Praxis daher auch finanzielle unterstützen, sagte er.

[12.08.2017, 07:51:18]
Dr. wolfgang baertl 
"Honorarpolitik ist Strukturpolitik"
Kein Wort über das "Neubauer-Gutachten", das von der KVB selbst in Auftrag gegeben wurde und eine ganz klare Aussage hatte: "in keiner der untersuchten Arztgruppen ( Hausarzt und grundversorgenden Fachärzte) ist es in den ländlichen Regionen Bayerns möglich ein sog. "angemessenes Arzteinkommen zu erzielen." Deshalb werden die Defizite gerade auch in der fachärztlichen Grundversorgung in den Regionen noch überproportional zunehmen, da die Einnahmen für diese Gruppierungen mangels Kompensationsmöglichkeiten aus anderen als Kollektivvertragserträgen der KV dort definitiv nicht ausreichen. Wenn mangelnde strukturelle Attraktivität in den Regionen auf unterdurchschnittliche und damit unattraktive Vergütung trifft, werden keine kurzfristig angelegten Förderprogramme den Nachwuchs langfristig aufs Land "locken".
Die Verantwortung liegt bei den KV-en und der KBV , die trotz Kenntnis dieser Unterfinanzierung in der haus - und fachärztlichen Grundversorgung keine geeigneten, langfristigen honorarpolitischen Maßnahmen ergreifen. Denn " Honorarpolitik ist Strukturpolitik" lautet ein Kernsatz, der bekanntlich aus der Selbstverwaltung selbst stammt.
Auch die Zahlen beschönigen das tatsächliche, zu erwartende Defizit. Wenn Herr Kaplan bei 12,5 tatsächlichen Abschlüssen von 20 % Bedarf an Facharztanerkennungen bei den Hausärzten spricht, entspräche dies in kommenden 5 Jahren in Bayern einem Defizit von 760 Hausärzten. Wir wissen aber auch, dass dabei in der Regel sog. " Einzelkämpfer" , die in der Regel weit Überdurchschnittliches geleistet haben, durch eine Nachwuchsgeneration ersetzt wird, die andere Vorstellungen in ihrer Lebens - und Arbeitsgestaltung hat, zunehmend in den Angestelltenstatus tendiert und vor allem weiblich ist mit den bekannten, biologisch bedingten Konsequenzen. Wir werden also nicht 1:1 ersetzt bekommen, sondern nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 1:1,5 bis zu 1: 2,8. Damit erhöht sich das zu erwartende Defizit in der Grundversorgung dramatisch auf 1140 bzw. bis zu 2100 Hausärzte im Jahr 2021 in Bayern wobei die Fachärzte in der Grundversorgung mit 2-3 Jahren bekanntlich dieser Tendenz folgen! Momentan liegen die " Fehlzahlen" noch deutlich unter 100! Welche Antworten haben wir auf diese katastrophale Entwicklung wirklich? Ohne eine grundsätzliche Korrektur der Honorarpolitik wird es nicht gelingen. Dazu fehlen mir bislang die Vorschläge der KV!
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bariatrische Chirurgie rückt Bluthochdruck zu Leibe

Adipöse Hypertoniker konnten in einer Studie nach bariatrischer Chirurgie ihre antihypertensive Medikation reduzieren. Die Hälfte erreichte sogar eine Remission des Bluthochdrucks. mehr »

Droht uns jetzt eine Staatskrise?

Jamaika gescheitert, politisches Vakuum in Berlin. Am Beispiel der Gesundheitspolitik lässt sich zeigen, warum das noch keine Krise ist. mehr »

Das müssen Ärzte beim Impfen beachten

Allergische Reaktionen sind eine Kontraindikation für eine erneute Anwendung des Impfstoffs. Ist eine weitere Impfung dennoch nötig, sollten Ärzte diese Tipps beherzigen. mehr »