Ärzte Zeitung online, 19.04.2019

Mit „Moin“ das Eis gebrochen

Ein Nigerianer und ein Serbe sichern die Versorgung im Norden

Lunden ist gelungen, woran andere Regionen scheitern: In einer kommunalen Eigeneinrichtung sichern zwei Ärzte ab Mai die Versorgung.

Von Dirk Schnack

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Manager Mike Pahnke (Mitte) von der Ärztegenossenschaft Nord mit Nikola Dacic (links) und Olajide Bisiriyu vor dem Ärztezentrum Büsum, in dem sie hospitierten. Ab Mai arbeiten die beiden bisherigen Klinikärzte in der kommunalen Eigeneinrichtung der Gemeinde Lunden.

© Dirk Schnack

LUNDEN. Es war nur ein Wort, das Olajide Bisiriyu als Eisbrecher im voll besetzten Saal vor den Einheimischen in Lunden benötigte: „Moin.“ Der traditionelle Gruß im Norden gilt bekanntlich auch am Abend. Dass ein Nigerianer das beherzigte, schien den 200 Interessierten, die sich in Lunden über die Pläne für das neue Ärztezentrum informieren wollten, zu gefallen.

„Von da an war die Stimmung gut“, erinnern sich Bisiriyu und sein Kollege Nikola Dacic an ihre Vorstellung als künftige Ärzte in Lunden. Ein Nigerianer und ein Serbe werden die neuen Landärzte in einem kleinen Ort in Dithmarschen. Ab Mai werden sie die Patienten im neu geschaffenen Ärztezentrum, das von der Gemeinde als kommunale Eigeneinrichtung geführt wird, behandeln.

Einen der dafür benötigten Vertragsarztsitze gibt ein bislang in Lunden praktizierender Arzt ab, ein zweiter kommt von einer in Heide aufhörenden Ärztin. Zwei weitere in Lunden niedergelassene Ärzte praktizieren weiterhin in Einzelpraxis.

Unabhängig davon, ob deren Sitze später einmal von der Eigeneinrichtung übernommen werden oder nicht, ist Lunden damit gelungen, woran andere Regionen scheitern: Es hat die ärztliche Versorgung für die kommenden Jahrzehnte auf sicheres Fundament gestellt.

Suche über Agentur

Mit Hilfe von Harald Stender, Koordinator des Kreises Dithmarschen für die ambulante Versorgung, kamen Dacic und Bisiriyu nach Lunden. Noch als Klinikmanager am Heider Westküstenklinikum (WKK) sorgte Stender vor Jahren mit dafür, dass die beiden Ärzte über eine Agentur nach Deutschland fanden.

Dacic und und Bisiriyu haben ihre Weiterbildung zum Facharzt am WKK absolviert. Dass sie nun in Lunden gemeinsam das Ärztezentrum aufbauen können, sehen sie als große Chance.

„Das sind einmalige Bedingungen für uns“, sagt Dacic, der ärztlicher Leiter der Einrichtung wird. Beide Ärzte sind froh, dass sie mit Mitte 30 und als Familienväter kein wirtschaftliches Risiko eingehen müssen, sondern angestellt arbeiten können. Sie freuen sich aber auch, dass diagnostische Geräte nach ihren Vorstellungen angeschafft werden und die Ärztegenossenschaft ihnen die administrativen Aufgaben abnimmt.

Ärztegenossenschaft Nord steht während Gründung zur Seite

„Das erleichtert vieles“, sagt Dacic. Als Manager steht ihnen schon in der Gründungsphase Mike Pahnke von der Ärztegenossenschaft Nord zur Seite. Er begleitete sie auch bei ihrer Hospitation in der kommunalen Eigeneinrichtung in Büsum, wo die beiden Ärzte während ihres Urlaubs im Krankenhaus die Abläufe und Prozesse des Ärztezentrums kennenlernten.

Pahnke ist das nicht nur wichtig, weil sich Klinik und Praxis voneinander unterscheiden. Es geht auch darum zu zeigen, was aus Lunden werden könnte. Denn die Einrichtung in Büsum hat in den vier Jahren seit ihrer Gründung eine Entwicklung gemacht, die viele Menschen im Ort erstaunt.

Aus dem früheren reinen Ärztehaus mit vier getrennt voneinander arbeitenden Einzelpraxen ist ein Gesundheitszentrum geworden, das sieben Ärzte beschäftigt und zahlreiche weitere Gesundheitsberufe unter einem Dach vereint. Weiteres Wachstum und weitere Anbauten sind schon geplant.

So weit ist es in Lunden noch nicht. Dacic, Bisiriyu und mindestens vier MFA ziehen für die nächsten 18 Monate in ein 150 Quadratmeter kleines Interimsdomizil, das bislang als Verwaltungstrakt diente. Parallel lässt die Gemeinde ihr neues Gesundheitszentrum in zentraler Lage errichten. Es wird rund 900 Quadratmeter umfassen und damit Platz bieten für eine große Hausarztpraxis sowie für Apotheke, Sanitätshaus und Pflegedienstleister. „Wir sind offen für weitere Interessenten“, sagt Pahnke unter Verweis auf die Entwicklung in Büsum.

Dritter Kollege mittelfristig gesucht

Auch die Praxis wird großzügig geplant. Sechs Behandlungszimmer sind vorgesehen, damit Dacic und Bisiriyu und mittelfristig ein dritter Kollege über jeweils zwei Räume verfügen. Baubeginn wird noch in diesem Jahr sein, Fördermittel sind bereits beantragt.

Die beiden startenden Ärzte konzentrieren sich voll auf ihre medizinische Tätigkeit und hoffen, dass sie schnell einen großen Patientenstamm aufbauen können. Die Bedingungen dafür sind gut: Im Umkreis von rund zehn Kilometern um Lunden gibt es neben den beiden im Ort praktizierenden Kollegen keine weiteren niedergelassenen Ärzte.

Auch die Haltung in der Bevölkerung ist spätestens seit der Informationsveranstaltung aufgeschlossen. „Wir spüren keine Vorbehalte, sondern positive Energie“, sagen die Ärzte. Die haben sie auch persönlich. Angestellt arbeiten ist für sie in der derzeitigen persönlichen Situation richtig – aber das könnte sich in fünf Jahren geändert haben: „Dann können wir uns vorstellen, selbstständig zu arbeiten.“

Das Ärzte-Team in Lunden

  • Nikola Dacic kam 2013 nach Deutschland. Sein Medizinstudium hat er zuvor in Belgrad absolviert und anschließend praktische Erfahrungen in Praxis und Krankenhaus in Serbien gesammelt. Im Heider Westküstenklinikum absolvierte er seine Weiterbildung und ist inzwischen Facharzt für Innere Medizin.
  • Olajide Bisiriyu kam während des Medizinstudiums wegen der besseren Bedingungen nach Europa. In Rumänien schloss er das Studium ab. Die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin erfolgte im Anschluss am Heider Westküstenklinikum.
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[20.04.2019, 09:58:03]
Dr.med. Henning Fischer 
und warum keine deutschen Ärzte?

anstatt die Niederlassung wieder attraktiver zu machen holt man sich (solange noch Nachschub) Ärzte, die mit sich dem zufrieden geben.

Irgendwann Schamanen und wenn die auch nicht mehr wollen ist die Versorgung schon lange von artzersetzenden Veras Näpras und Telemetrie-Zentren übernommen (alles von Kassenärzten selbst finanziert).

The show must go on, egal wie.
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