Ärzte Zeitung, 08.05.2008

DAK-Chef kritisiert Hausarztverträge

Professor Herbert Rebscher sieht höhere Zusatzkosten und nur wenige Erfolge / Reichweite der Verträge beschränkt

BAMBERG (sto). Erhebliche Zweifel an der gesetzlichen Pflicht der Krankenkassen, ihren Versicherten eine hausarztzentrierte Versorgung anbieten zu müssen, hat der Vorstandsvorsitzende der DAK, Professor Herbert Rebscher.

Die Evaluation von sechs Hausarztverträgen, die die DAK ihren Versicherten seit 2004 in fünf Regionen offeriert, habe ergeben, dass sich Steuerung und Koordinierung der Patienten über einen längeren Zeitraum durch die Hausarztverträge nicht verbessert, berichtete Rebscher beim Gesundheits-Forum 2008 in Bamberg. Auch bei der Arzneimitteltherapie seien im Hinblick auf Wirkstoffe und Leitlinienkonformität keine Veränderungen erkennbar. Nur bei den Gesundheitsuntersuchungen habe sich - erwartungsgemäß - eine etwas höhere Teilnahmequote ergeben.

Die Untersuchung von Kostenentwicklung und Wirtschaftlichkeit habe nach den vorläufigen Ergebnissen der Evaluation gezeigt, dass die Leistungsausgaben in der hausarztzentrierten Versorgung pro Versicherten im Schnitt um 28,88 Euro im Jahr höher liegen als in einer Vergleichsgruppe.

Nur bei Check-ups ist ein erster Erfolg zu sehen.

Hinzu komme ein um 27 Euro höheres Arzthonorar etwa für die Koordinationsleistung. Berücksichtigt werden müssen außerdem Mindereinnahmen durch die Befreiung von der Praxisgebühr in Höhe von 30 Euro, erklärte Rebscher. Somit ergäben sich Zusatzkosten für die hausarztzentrierte Versorgung in Höhe von 80,88 Euro pro Versicherten im Jahr. Bei einer Million eingeschriebenen Versicherten seien das immerhin rund 81 Millionen Euro, so Rebscher.

"Eine hausarztzentrierte Versorgung, die in unserem Versorgungssystem ökonomisch gefördert werden soll, hat das Problem, dass 75 Prozent der Versicherten übers Jahr zu einem Arzt gehen, oft auch mehrfach, jedoch nicht zu verschiedenen Ärzten, es sei denn, sie werden überwiesen", berichtete Rebscher. Für diese 75 Prozent mache der Zwang, ein Hausarztmodell anzubieten, keinen Sinn.

Von den übrigen 25 Prozent gehen die allermeisten nach Rebschers Angaben zu dem für ihr Problem richtigen Facharzt. "Das heißt, wir machen Hausarztmodelle für diejenigen, die sowieso einen Hausarzt haben und die anderen erreichen wir nicht", erklärte der DAK-Vorsitzende. Im Übrigen habe sich gezeigt, dass sich die Versicherten in der Regel nur dann in einen Hausarztvertrag einschreiben, wenn sie dadurch die Praxisgebühr sparen. Das Versprechen einer besseren Versorgung motiviere die Versicherten fast nicht, so Rebscher.

[10.05.2008, 15:46:53]
Dieter Döring 
Hausarztverträge
Diese Verträge bringen nur noch mehr Verwaltungsarbeit und Bürokratie, aber weder für den Hausarzt noch für den Patienten einen Vorteil. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »

Angst vor Epidemien in Lagern

Nach ihrer dramatischen Flucht aus Myanmar suchen über eine halbe Million Rohingya Schutz in Bangladesch. Die Lage in den eilig aufgeschlagenen Lagern ist desolat. mehr »