Ärzte Zeitung, 30.09.2008

Internet-süchtig oder nur ein PC-Freak?

Ob ein Patient einen pathologischen PCGebrauch hat, ist schwer zu diagnostizieren. Experten sehen großen Forschungsbedarf.

Von Marion Lisson

Wenn man von der Maus nicht mehr loskommt: Doch wann ist ein PC-Gebrauch pathologisch?

Foto: adamczyk@fotolia.de

Darauf hat Ralf Schneider, Vorstandsvorsitzender des Fachverbandes Sucht e.V., aufmerksam gemacht. Beim 21. Kongress des Verbandes in Heidelberg machte Schneider deutlich, dass es zu diesem Krankheitsbild einen hohen Forschungs- und Klärungsbedarf gebe, um nicht zuletzt niedergelassenen Ärzten und Reha-Einrichtungen die Chance zu geben, diese zunehmende Zahl von Patienten adäquat behandeln zu können.

Dringend müssten zunächst diagnostische Kriterien speziell für den pathologischen PC-Gebrauch erarbeitet und den Ärzten an die Hand gegeben werden. Bislang würden vorwiegend folgende Kriterien für den pathologischen PC-Gebrauch verwendet:

  • exzessive schul- oder berufsfremde Nutzung von mehr als 30 Stunden wöchentlich,
  • fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen,
  • anhaltende PC-Nutzung trotz nachweislicher körperlicher, psychischer und sozialer Schäden.

Sowohl für den ambulanten als auch stationären Bereich sei es wichtig, speziell für diese Patientengruppe Behandlungskonzepte zu erarbeiten, so Schneider. "In drei von vier Haushalten steht ein Computer. 60 Prozent der Deutschen nutzen das Internet täglich", machte Schneider bei einer Pressekonferenz in Heidelberg deutlich.

Bislang würden sich die Mediziner auf der Suche nach möglichem pathologischen Computer-Gebrauch an den Vorgaben für "pathologisches Spielen" orientieren müssen (ICD-10-GM-2004/2005). Das pathologische Glücksspiel sei nämlich im Gegensatz zum pathologischen PC-Gebrauch als eigenständige behandlungsbedürftige Erkrankung anerkannt.

"Natürlich ist nicht jeder, der täglich vor seinem Computer sitzt, deshalb auch als PC-süchtig einzuschätzen", warnte Schneider. Dennoch nehme die Zahl der Computer-süchtigen Patienten parallel mit der Internetverbreitung zu. Zahlen, wie viele Menschen betroffen seien, könne man jedoch keine nennen. Es sei wichtig zu unterscheiden: Nicht die Technik an sich mache süchtig. Das Internet sei vielmehr nur das Medium, mit dem Patienten ihre Verhaltenssüchte ausleben würden.

Virtuelle Welten - ein Suchtthema der Zukunft

Es bedürfe somit bei der Beurteilung der Sucht einer Differenzierung. Der Fokus der behandelnden Ärzte und Therapeuten müsse dabei beispielsweise auf exzessiven Online-Handel, pathologisches Kaufen, PC-bezogene Arbeitssucht, Cybersex, Pornografie, Computerspielsucht oder Chat-/Beziehungssucht gerichtet sein. "Die virtuellen Welten werden sicherlich eines der großen Suchtthemen für die Zukunft sein", sagte Schneider. Er und seine Verbandskollegen Dr. Volker Weissinger, Peter Missel und Dr. Ludwig Kraus unterstrichen in Heidelberg, wie wichtig es sei, süchtigen Patienten aller Altersstufen eine medizinische Rehabilitation zukommen zu lassen.

So seien beispielsweise nach einer aktuellen Untersuchung des Verbandes ein Jahr nach ihrer planmäßigen Entlassung noch 80 Prozent der alkoholabhängigen Patienten trocken und rund 55 Prozent der Drogenabhängigen abstinent gewesen, sagte Dr. Volker Weissinger, Geschäftsführer des Fachverbands Sucht. Solche Behandlungserfolge nutzten den Patienten und der Gesellschaft. "Besonderen Erfolg haben wir im übrigen bei älteren Patienten", so Weissinger.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »

Stotter-Therapie im virtuellen Raum

Geschätzt über 800.000 Bundesbürger stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Ein Ausweg: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause sprechen übt – online. mehr »