Ärzte Zeitung, 27.08.2008

"Arme Patienten verzichten auf Leistungen"

Die Gesundheitsreformen der letzten Jahre bringen den Patienten in Berlin nicht nur Vorteile, sondern auch neue Probleme.

Von Angela Mißlbeck

Höhere Arbeitsverdichtung in Kliniken - weniger Zeit für Patienten: ein Kritikpunkt der Patientenbeauftragten.

Foto: dpa

So lässt sich die Bilanz der Berliner Patientenbeauftragten Karin Stötzner zusammenfassen. Der Tätigkeitsbericht zeigt auf der Basis von knapp 2200 Anfragen und Beschwerden der vergangenen zwei Jahre strukturelle Missstände im Berliner Gesundheitswesen. Vor allem finanzschwache und chronisch kranke Patienten haben demzufolge das Nachsehen.

"Die Belastungen bündeln sich in der Summe so, dass diese Patienten auf Leistungen verzichten", sagte Stötzner bei der Vorstellung des Berichts. Sie fordert deshalb, dass bei der Berechnung der Zuzahlungsgrenzen auch verschreibungsfreie Medikamente einbezogen werden.

Auch bei der Versorgung von alten und pflegebedürftigen Menschen häufen sich die Probleme dem Bericht zufolge. Weder die medizinische Versorgung in Pflegeheimen noch die Übergänge zwischen Heimen und Krankenhäusern würden funktionieren. Ursache dafür seien "oft unsinnige Kostenregelungen", so Stötzner. So müsse ein Fahrdienst immer erst beantragt werden. Der Behandlungsbedarf sei aber oft schon erledigt, wenn die Bewilligung vorliegt. Zudem bezeichnete sie es als "Skandal", dass das Berliner Modell mit Ärzten in Pflegeheimen nicht von allen Krankenkassen unterstützt werde.

Ein weiterer Kritikpunkt: "Die zunehmende Wettbewerbsorientierung im Gesundheitswesen ist nicht immer nur zum Vorteil von Patienten", so die Patientenbeauftragte. Sie kritisierte, dass immer mehr Leistungen aus dem GKV-Katalog ausgegrenzt würden. Das führe zum verstärkten Angebot an Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL).

Die Patienten seien dadurch zunehmend verunsichert. Als patientenunfreundlich kritisierte sie auch die wachsende Vertragsvielfalt innerhalb der GKV. Die unterschiedlichen Leistungsangebote seien für Patienten "immer undurchsichtiger", so Stötzner.

Als negative Folge der Reformen wertete sie zudem die zunehmende Arbeitsverdichtung in Krankenhäusern. Das führe dazu, "dass Ärzte und Pflegekräfte Patienten nicht mehr so behandeln können, wie es nötig wäre", so Stötzner. Mit einer Plakataktion in Kliniken und Arztpraxen will die Patientenbeauftragte verstärkt über Patientenrechte aufklären. Ihr Amt ist bundesweit nach wie vor einmalig.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kummer-Adresse für Patienten

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