Ärzte Zeitung online, 29.08.2008

10 Prozent mehr Honorar für Ärzte - KBV und Kassen haben sich geeinigt

BERLIN (ble). Die Vertragsärzte in Deutschland erhalten im kommenden Jahr rund 2,5 Milliarden Euro mehr Honorar: Nach über siebenstündigen Verhandlungen einigten sich KBV und der Schlichter im Erweiterten Bewertungsausschuss, Professor Jürgen Wasem, gestern Abend gegen den Willen der Kassen auf ein Honorarplus von rund 10 Prozent.

"Das ist heute ein wichtiger Schritt gewesen, um die flächendeckende und qualitativ hochwertige ambulante Versorgung für die Patienten auf Dauer zu sichern", kommentierte KBV-Chef Dr. Andreas Köhler das Ergebnis der Verhandlungen. Die Einigung markiere "die höchste Steigerung der Gesamtvergütung seit Bestehen der ärztlichen Selbstverwaltung."

Köhler: Honorarbudgets und Kopfpauschalen abgeschafft

Nach 20 Jahren des Einfrierens ärztlicher Honorare sei nun eine der wichtigsten Hürden hin zu einer leistungsgerechten Vergütung in Euro und Cent genommen. "Kopfpauschalen und Honorarbudgets sind nach zwei Jahrzehnten abgeschafft. Die neue morbiditätsbedingte - also am tatsächlichen Krankheitszustand der Versicherten orientierte - Gesamtvergütung ist gerechter und transparenter", so Köhler.

Ihm zufolge haben die Kassen die Kernforderungen der Vertragsärzteschaft weitgehend erfüllt. "Die Trennung der Honoraranteile für Haus- und Fachärzte kann beibehalten werden. Zugleich werden die Ärzte und Psychotherapeuten in den alten Bundesländern keine Honorarverluste erleiden. Für die neuen Bundesländer ergibt sich eine Angleichung der gezahlten Vergütung je Versicherten auf durchschnittlich 90 Prozent des Westniveaus. Dies ist ein erster richtiger Schritt, kann aber nicht der letzte sein."

Gleichzeitig stellte Köhler fest: "Ausruhen können wir uns nicht. Die Arbeit geht weiter. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Landesverbände der Krankenkassen werden nun ihrerseits in Verhandlungen treten. Außerdem müssen wir die nächsten Schritte für 2010 vorbereiten. Dazu gehört beispielsweise das Klassifikationssystem zur Messung der Morbidität der Versicherten sowie die Vorbereitung der Verhandlungen zum Orientierungswert."

Die Kassenseite ist vom Ergebnis enttäuscht

Die Kassenseite zeigte sich vom Ergebnis enttäuscht: "Diese massive Honorarerhöhung werden leider alle Versicherten deutlich in ihren Portemonnaies spüren. Die Ärzte und der Schlichter haben sich gegen die Stimmen der Kassen geeinigt", so Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorsitzender der Vorstands des GKV-Spitzenverbandes und Verhandlungsführer der Krankenkassen. "Das Ergebnis führt zu einer Gesamtbelastung von mindestens 2,5 Milliarden Euro. Weil in dem entscheidenden Beschlussgremium, dem Erweiterten Bewertungsausschuss, mit einfacher Mehrheit entschieden werden kann, konnten die Kassen diese neuen Belastungen der Beitragszahler nicht verhindern."

Winn: Zugeständnis im allerletzten Augenblick

Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Kuno Winn, sprach von einem "Zugeständnis im allerletzten Augenblick." Nun müsse es darum gehen, in einem konstruktiven Dialog nachzusetzen, um weitere Verbesserungen in der ambulanten und stationären Versorgung zu erringen. "Bisher haben wir lediglich über Minimalforderungen diskutiert. Wir sind noch lange nicht am Ziel", so Winn.

Grauduszus: Seit langem überfällige Nachzahlung

Der Präsident der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus, bezeichnete die erreichte Einigung als "seit langem überfällige Nachzahlung auf offen stehende Rechnungen für bislang nicht bezahlte Leistungen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland." Im übrigen werde es sich schon in naher Zukunft erweisen, ob es sich bei diesem Abschluss nicht lediglich um buchhalterische Spielereien politisch gegängelter Körperschaften handele.

Das weitaus wichtigere Problem der akut drohenden Industrialisierung der Gesundheitsversorgung in Deutschland habe man einmal mehr nicht angepackt: "Einer krank machenden Gesundheitspolitik, die auf Call-Center, Medizinische Versorgungszentren und Gesundheitsfabriken setzt, muss Einhalt geboten werden!"

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