Ärzte Zeitung, 02.09.2008
 

Mehr Dialog, bessere Koordination -  und der Patient steht im Mittelpunkt

Kinzigtal im Schwarzwald ist ein Vorreiter: Dort behandeln Ärzte die Versicherten der AOK und der Landwirtschaftlichen Krankenkasse Baden-Württemberg in einer integrierten Vollversorgung über sämtliche Sektoren und Indikationen. Träger des Projekts ist die Managementgesellschaft Gesundes Kinzigtal, eine Gemeinschaftsgründung des Medizinischen Qualitätsnetzes Ärzteinitiative Kinzigtal (MQNK) und der OptiMedis AG Hamburg.

Von Thomas Hommel

Mehr Dialog, bessere Koordination -  und der Patient steht im Mittelpunkt

Sind die Blutdruck-Werte anders als sonst, wird beim Projekt "Starkes Herz" sofort der Arzt eingeschaltet.

Foto: klaro

Die Gesundes Kinzigtal GmbH übernimmt seit gut zwei Jahren die komplette Versorgung von etwa 32 000 Versicherten der AOK und LKK in der Region. Beteiligt am Projekt sind Haus- und Fachärzte, Krankenhäuser, Heime, Pflegedienste, Apotheken und weitere Gesundheitsdienstleister wie Krankengymnasten, Masseure und Psychotherapeuten.

Für die Ärzte fungiert die Managementgesellschaft als eine Art Serviceunternehmen: Über eine gemeinsame elektronische Fallakte organisiert die GmbH die virtuelle Vernetzung der Mediziner untereinander und erledigt für sie administrative Aufgaben. Finanziert wird die Gesellschaft ausschließlich aus den durch sie organisierten Einsparungen für die Versicherten im Kinzigtal.

Mehr Dialog, bessere Koordination -  und der Patient steht im Mittelpunkt

,, Die Versicherten erhalten eine Rundum-Versorgung auf der Basis eines Bündnisses zwischen Therapeuten und Patienten. Helmut Hildebrandt Geschäftsführer der Kinzigtal GmbH

Dazu wurde mit den Kassen ein auf neun Jahre angelegtes "Einsparcontracting" vereinbart. "Wirtschaftlich besteht dadurch großes Interesse an der richtigen Versorgung zur richtigen Zeit am richtigen Ort - das heißt an maximaler Versorgungseffizienz über die gesamte Vertragslaufzeit", sagt Helmut Hildebrandt, Geschäftsführer der Kinzigtal-GmbH.

Die freie Arztwahl bleibt erhalten

Versicherte von AOK und LKK könnten sich dem Versorgungsmodell durch Auswahl eines "Arztes oder Psychotherapeuten des Vertrauens" anschließen und - so sie möchten - zum Ende eines Quartals kündigen, erläutert Hildebrandt. "Die Versicherten erhalten von uns keine finanziellen Anreize, wie etwa eine reduzierte Praxisgebühr. Und sie sind auch nicht auf die Konsultation der am Projekt beteiligten Leistungspartner beschränkt." Die freie Arztwahl bleibe erhalten.

Für die unter dem Dach von Gesundes Kinzigtal tätigen Leistungserbringer liege darin ein gewisser Ansporn, glaubt Hildebrandt. "Sie müssen durch höherwertige Leistung und bessere Partnerschaft überzeugen."

Überzeugt vom Kinzigtaler Modell zeigen sich die beteiligten Krankenkassen. "Die Gründung der GmbH zeigt, dass eine sinnvolle Arbeitsteiligkeit im medizinischen Versorgungsprozess der Schlüssel für effizientes Behandeln ist", sagt Dr. Christopher Hermann, Vorstandsvize der der AOK Baden-Württemberg. "Alles in allem rechnen wir mit 10 bis 20 Prozent an Einsparungen durch Prozessoptimierung und Bürokratieabbau. Das können jährlich mehrere Millionen Euro werden." Die freiwerdenden Mittel sollen in die langfristige Sicherung der Versorgungsstruktur im Kinzigtals fließen.

Für die 35 Mediziner, die im Versorgungsnetz bislang mitmachen, liegt der Reiz des Modells vor allem in einer verbesserten Behandlungsqualität. "Die Versicherten erhalten eine Rundum-Versorgung auf der Basis eines therapeutischen Bündnisses zwischen Therapeuten und Patienten", betont Dr. Werner Witzenrath, Hausarzt und Sprecher des Ärztlichen Beirats der Gesundes Kinzigtal GmbH. Dem Haus- oder Facharzt komme dabei die Rolle eines Koordinators zu, der vor Ort entscheidet, was nötig ist - und was nicht.

Für Witzenrath steht vor allem die Versorgungssicherheit im Vordergrund. Die funktioniere immer dann am besten, wenn alle Beteiligten in einen Dialog miteinander kommen. "Diesem Anspruch werden wir im Kinzigtal ein gutes Stück gerecht", ist sich der Mediziner sicher.

‚Ärzte können sich auf die Behandlung konzentrieren"

"Mit Patienten, lokalen Gesundheitspartnern und Krankenkassen ist eine besser organisierte und stärker auf Vorsorge ausgerichtete Gesundheitsversorgung für die Menschen im Kinzigtal entwickelt worden", sagt auch GmbH-Geschäftsführer Hildebrandt. Das große Interesse der Ärzteschaft ist für ihn Konsequenz der Service- und Behandlungsverbesserungen, die das Projekt bietet. "Wir sparen Kosten, indem wir Vertrauens-Produktivität freisetzen. Zugleich helfen wir dem Arzt, sich wieder auf optimalem Niveau ausschließlich der Behandlung seiner Patienten zu widmen." Dies sind Effekte, die auch außerhalb Baden-Württembergs erkannt werden. Derzeit laufen Vorbereitungen, das Modell im Großraum Hannover und im südhessischen Erbach/Michelstadt umzusetzen.

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