Ärzte Zeitung, 02.09.2008

"Zufriedene Patienten brauchen zugewandte Ärzte"

Das Vollversorgungskonzept im Kinzigtal erlaubt es, die Krankheitsverhütung in den Mittelpunkt zu stellen, sagt Dr. Werner Witzenrath, Hausarzt und Sprecher des ärztlichen Beirats.

Ärzte Zeitung: Anders als bei sonstigen Projekten ist im Kinzigtal die Integrierte Versorgung nicht auf einzelne Krankheitsbilder begrenzt. Warum?

Dr. Werner Witzenrath: Die ganzheitliche Betrachtung erlaubt uns eine umfassende Intervention zur Krankheitsverhütung. Das geht nur in einem Vollversorgungskonzept. Es ist über einen längeren Zeitraum ausgelegt, so dass die primär-und sekundärpräventionellen Bemühungen einen Erfolg zeigen können. Ein anderer Grund liegt im Interesse an regionaler Gesundheitsentwicklung, die alle Ebenen einbindet. Das wäre bei der Bearbeitung einzelner Krankheitsbilder nicht möglich.

Ärzte Zeitung: Wird der Arzt im Kinzigtal neu erfunden?

Witzenrath: Nein. Die Rollenverteilung von Haus- und Facharzt ist unverändert. Der Hausarzt ist Arzt des Vertrauens, sammelt Befunde des Patienten und führt ihn durch das Gesundheitslabyrinth und zu einer eigenen Entscheidung, indem er den Weg mit ihm diskutiert - auf Grundlage des "Shared decision making". Der Facharzt betreut fachspezifische Projekte, zum Beispiel Osteoporose. Beide Gruppen haben Schnittpunkte - sei es auf der Kommunikationsebene als auch bei der Weiterbildung. Vor allem die verschiedenen Projekte der Gesundes Kinzigtal GmbH, die in der Planung und Ausführung einen großen fachlichen und zeitlichen Einsatz erfordern, fördern die enge und vertraute Kooperation, die vor Gründung der GmbH schon von dem Ärztenetz MQNK gepflegt wurde.

Ärzte Zeitung: Worin liegt der Reiz für Sie, am Projekt Gesundes Kinzigtal mitzumachen?

Witzenrath: Zufriedene Patienten brauchen zugewandte Ärzte. Unzufriedenen Ärzten fällt Zuwendung schwer. Der Wirtschaftlichkeits- und Konkurrenzaktionismus im Gesundheitssystem hat mit der gewollten Verknappung der Ressourcen zur Überlastung und Unzufriedenheit der Mediziner geführt. Deshalb versuchen wir, unseren Leistungspartnern das im Gesundheitswesen schwindende Vertrauen zu erhalten. Sie arbeiten in einem Projekt, das sie mental und zunehmend wirtschaftlich sichert und ihnen fühlbar die für den Erhalt einer zugewandten Medizin notwendige Perspektive gibt.

Ärzte Zeitung: Wie hat man sich das therapeutische Bündnis vorzustellen, von dem im Kinzigtal die Rede ist?

Witzenrath: Ein Beispiel sei Hans Meier, 70 Jahre, multimorbide und seit 15 Jahren Diabetiker, herzinsuffizient (III) in Folge einer hypertensiven Herzerkrankung und Infarkt. Vor Beginn des Projekts ist er in kurzer Zeit dreimal wegen Dekompensation stationär behandelt worden. Jetzt ist er im Projekt "Starkes Herz" eingeschrieben, befolgt die einfachen Regeln eines Selbstkontroll- und Selbstmedikationsschemas. Der Patient wird alle 14 Tage von einer Praxismitarbeiterin nach festgelegtem Schema kontrolliert und hat für kritische Phasen die Handy-Nummer der Mitarbeiterin oder des Hausarztes. Herr Meier hat gelernt, mit Dyspnoe, Gewichtsschwankungen und der Angst umzugehen. Kommt es nicht zu neuerlichen Einweisungen, werden hohe Kosten vermieden.

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