Ärzte Zeitung, 30.09.2008

Hintergrund

In der Hausarztwelt fallen die letzten Tabus

Der Mangel an Allgemeinmedizinern in ländlichen Regionen spitzt sich zu - Erfolg versprechende Lösungsansätze werden immer dringender.

Von Angela Mißlbeck

Ob Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern: Dünn besiedelte Regionen verlieren nicht nur junge Einwohner, sondern immer häufiger auch Hausärzte. Dabei sind die nötiger denn je - denn die Bewohner, die bleiben, sind im Schnitt meist älter und kränker als vor dem Wegzug der Jungen.

Verschiedene Wege, das Problem in den Griff zu kriegen, diskutierten Experten beim 3. Demografiekongress. Welche Ausmaße das Problem annimmt, zeigt sich auch daran, dass es immer weniger Tabus bei Lösungsvorschlägen gibt. Zwangsverpflichtung zur Erstniederlassung und fliegende Praxen erscheinen nicht mehr ausgeschlossen.

"Wir müssen versuchen, den Beruf des Hausarztes attraktiver zu machen", sagte die Abteilungsleiterin Wilma Jessen aus dem sächsischen Gesundheitsministerium Aus ihrer Sicht ist es "verständlich, dass Ärzte nicht nachts um zwei Uhr herausgeklingelt und alle zwei Wochenenden zum Bereitschaftsdienst eingeteilt werden wollen". Dafür gelte es Lösungen zu suchen, so Jessen.

Mit einem Stipendienprogramm bemüht sich der Freistaat, Medizinstudenten wieder stärker für den Hausarztberuf zu interessieren. Das Programm soll angehende Hausärzte in unterversorgte Regionen lotsen. Ab dem Physikum erhalten Medizinstudenten in Leipzig einen wachsenden Zuschuss pro Monat. Dafür verpflichten sie sich, nach dem Studium in eine unterversorgte Region zu gehen. Eine Patenschaft mit einem niedergelassenen Hausarzt soll den Medizinstudenten frühzeitig Einblicke in den Hausarztberuf gewähren.

Nach dem Studium erst einmal in den Osten?

Dr. Thomas Kopetsch, der Chef-Statistiker von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Bundesärztekammer, würde im Zweifelsfall noch weiter gehen. Er lehnt es nicht prinzipiell ab, dass Ärzte nach dem Studium vorgeschrieben bekommen, wo sie tätig werden dürfen. "Das hat durchaus seine Berechtigung, denn sie bekommen ein Studium von 250 000 Euro vom Staat finanziert", so Kopetsch. Er räumt jedoch ein, dass dieses Modell "etwas anrüchig, weil sozialistisch" ist. Seine statistischen Auswertungen haben den Zahlenexperten auf eine andere Idee gebracht: "Hausärzte lassen sich meist dort nieder, wo sie geboren wurden", sagte er. Folglich hätten die Bürgermeister der kleinen, arztsuchenden Orte die größten Chancen auf einen jungen Hausarzt, wenn sie gezielt ihre ehemaligen Einwohner anwerben.

Als "Export an Steuermitteln" bezeichnet Kopetsch die Entwicklung, dass 2500 Medizinabsolventen jährlich Deutschland verlassen. Den "Import" von 1800 Ärzten andererseits hält er für "unethisch", weil der Ärztemangel ein internationales Phänomen sei und dann in anderen Ländern Lücken gerissen würden. Aus Kopetschs Sicht ist es nur "natürlich", dass der Ärztemangel dazu führen wird, dass verstärkt ärztliche Leistungen an andere Berufsgruppen delegiert werden. Ein Baustein dazu ist, dass ab 2009 eine EBM-Ziffer zur Abrechnung von Hausbesuchen durch Arzthelferinnen oder Schwestern bestehen soll. Krankenschwestern oder Helferinnen, die dafür eingesetzt werden sollen, müssten jedoch unbedingt bestimmte Qualifikationen mitbringen, fordert der Greifswalder Epidemiologe Professor Wolfgang Hoffmann. "Ich hoffe sehr, dass der Bewertungsausschuss auch Qualitätsanforderungen für die Abrechnung der Ziffer definiert."

Für den Versorgungsforscher sind aber auch fliegende Arztpraxen kein rotes Tuch. Er plädiert für die Öffnung von Krankenhäusern in unterversorgten Regionen. Das Problem, dass Krankenhäuser bestenfalls in den Mittelzentren, aber kaum auf dem Land zu finden sind, will Hoffmann dadurch lösen, dass die Klinikärzte in die Dörfer fahren. "Die Krankenhausärzte müssen reisen, nicht die Patienten, vor allem dorthin, wo nicht die ganze Woche eine Arztpraxis gebraucht wird", so Hoffmann.

Neue EBM-Ziffer soll Ärzte entlasten

Ab 2009 sollen Hausbesuche durch Pflegekräfte oder Arzthelferinnen im Auftrag eines Arztes abgerechnet werden können. Kassen und KBV haben den Auftrag erhalten, im EBM eine entsprechende Ziffer zu schaffen. Der Gesetzgeber hat keine Qualitätsanforderungen an diese Gesundheitsberufe festgelegt. Die Höhe der Bewertung und die Abrechnungsvoraussetzungen müssen bis Ende Oktober festgelegt werden.

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