Ärzte Zeitung online, 10.10.2008
 

Kassen warnen vor 700 Millionen Mehrkosten durch Hausarztverträge

SIEGBURG/BERLIN (dpa). Die Ersatzkassenverbände VdAK/AEV haben vor einer Mehrbelastung von bis zu 700 Millionen Euro im Jahr durch die geplante Ausweitung von Hausarztverträgen gewarnt. Nach dem Willen der Koalition sollen die gesetzlich Versicherten künftig bundesweit Hausarzttarife wählen können. Die Pläne schwächten den Wettbewerb im Gesundheitswesen, kritisierte der Verbandschef Thomas Ballast am Freitag in Siegburg.

Nach der für kommende Woche im Bundestag geplanten Gesetzesänderung sollten die Kassen bis 30. Juni 2009 zum Abschluss von Hausarztverträgen gezwungen werden.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung begrüßte die Möglichkeit von Hausarztverträgen. "Es ist aber schlecht, dass jetzt ein Zwang zum Vertragsabschluss eingeführt werden soll", sagte Sprecher Florian Lanz der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Dieser Zwang verhindert den Wettbewerb um die beste Versorgung und die günstigsten Preise."

Nimmt die Hälfte der Ersatzkassenversicherten teil und erhalten die Ärzte wegen erhöhten Aufwands im Quartal 25 Euro mehr pro Versichertem, müssten die Ersatzkassen mit über 700 Millionen Euro Mehrkosten im Jahr rechnen, warnten VdAK/AEV. Hochgerechnet auf alle gesetzlichen Kassen wären es rund zwei Milliarden Euro Zusatzausgaben.

Nach den bisherigen Erfahrungen der Kassen mit Hausarztverträgen seien auch später keine Einsparungen zu erwarten, hieß es beim VdAK. So hätten betroffene Versicherte ebenso wie die nicht teilnehmenden Versicherten im Schnitt rund zwei Fachärzte pro Quartal aufgesucht.

Da die Entwicklung der Hausarztverträge hinter den Vorstellungen der Koalition zurückbleibt, sehen CDU/CSU und SPD die verpflichtende Einführung vor. Gehen die Versicherten dann immer zuerst zum Hausarzt und nicht auf eigene Faust zu Fachärzten, winken vielfach Prämienzahlungen oder Zuzahlungsermäßigungen. Das einstige Monopol der Kassenärztlichen Vereinigungen für Verträge der niedergelassenen Ärzte wäre endgültig gebrochen. Die Kassen warnen, ein Monopol würde wegen einer Stärkung der Hausarztverbände nur durch ein anderes ersetzt.

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