Ärzte Zeitung, 05.12.2008

Schon über 125 000 AOK-Versicherte bereit fürs Hausarztmodell

Patientenvertreter warnt davor, Druck auszuüben

STUTTGART (vdb). Etwa 2500 Ärzte haben sich bisher im Hausarztvertrag der AOK Baden-Württemberg eingeschrieben. Die Zahl der Versicherten liegt nach aktuellen Angaben aus der AOK-Landeszentrale in Stuttgart bei über 125 000 - Tendenz steigend.

Schon über 125 000 AOK-Versicherte bereit fürs Hausarztmodell

Sieht Handlungsspielraum nicht eingeengt, Dr. Frank- Dieter Braun.

Foto: privat

"Zurzeit kommen täglich zwischen 5000 und 10 000 Versicherte dazu", sagte Jürgen Graf, Leiter des Versorgungsmanagements der Landes-AOK bei einer Informationsveranstaltung für Selbsthilfegruppen, zu der der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) nach Stuttgart eingeladen hatte. Über die nötige IT-und Software-Anbindung verfügten bereits über 1580 Ärzte.

Unter Hochdruck werde daran gearbeitet, für alle eingeschriebenen Ärzte die Voraussetzung zu schaffen, sagte Graf. Die hohe Zahl der teilnahmenwilligen Versicherten erklärt sich Alexander Zoller, Geschäftsführer der LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg, vor allem mit der Transparenz, mit der AOK, Hausärzteverband und Medi für diesen Vertrag werben. Dennoch: Es werde auch vereinzelt Druck auf die Versicherten ausgeübt, berichtete Zoller. Hier appellierte er an Ärzte, sich für das Gespräch mit dem Patienten Zeit zu nehmen, um Vor- und Nachteile abzuwägen.

Aus seiner Sicht sollten die Versicherten insbesondere über die Arzneimittelregelungen informiert werden. Zwar dürfe die Therapiefreiheit des Arztes nicht eingeschränkt werden, dennoch sieht er eine Gefahr darin, das Verschreibungsverhalten mit einem Bonus zu kombinieren.

Eine Sorge, die auch von Dr. Ulrich Voderwühlbecke, Geschäftsführer Marktordnung/Gesundheitssystem beim VFA, geteilt wird, wenngleich die Industrie weder das neue Selektiv- noch das Kollektivvertragssystem präferiere. Sichergestellt werden müsse, dass Patienten auch künftig Zugang zu innovativen Arzneien haben müssten.

Den Bedenken, die Therapieentscheidung vom Bonus abhängig zu machen, widersprach Dr. Frank-Dieter Braun. Der Vize-Chef des Landes-Hausärzteverbandes sieht hier keinerlei Probleme. Gerade in den Pharmakotherapiezirkeln ebenso wie in den für den Arzt verpflichtenden Fortbildungsveranstaltungen stehe die Verbesserung der Versorgungsqualität im Mittelpunkt. Und dazu gehöre auch der individuelle Einsatz hochwirksamer und innovativer Therapeutika dort, wo es der Arzt für notwendig erachtet.

Darüber hinaus biete der Vertrag Versicherten in puncto Abendsprechstunde und jährliche Checkup 35-Untersuchungen durchaus weitere Vorteile. Selbstverständlich profitierten auch die Ärzte von dem Vertrag. "Unter dem Strich stellen sich die eingeschriebenen Ärzte beim Honorar besser als im Kollektivvertrag", so Braun.

Doch gerade davor warnte KV-Chef Dr. Achim Hoffmann-Goldmayer: "Durch den Gesundheitsfonds wird Geld aus Baden-Württemberg abgezogen, das am Ende auch den Kassen fehlen wird." Um die Pauschalen zu bedienen, müsse an anderer Stelle gespart werden. Er appellierte an Ärzte und Versicherte, sich genau zu überlegen, welche Freiheiten sie aufgeben, wenn sie sich beim Modell einschreiben wollen. Trotz aller Kritik am Selektivvertrag, müsse man zunächst abwarten, wie sich ein völlig neues Versorgungsmodell im Praxisalltag bewähren werde, sagte der KV-Vorsitzende.

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