Ärzte Zeitung, 05.08.2009

Jeder dritte Hausarzt überlegt, den Job hinzuschmeißen

Deutschlands Ärzte rechnen in den kommenden Jahren mit einer Zweiklassenmedizin in der GKV. Viele denken an Ausstieg.

Von Bülent Erdogan

BERLIN. Jeder dritte Hausarzt in Deutschland erwägt zurzeit, die eigene Praxis aufzugeben, 18 Prozent haben darüber in den vergangenen Jahren ernsthaft nachgedacht. Das sind zwei Kernergebnisse des am Mittwoch vorgestellten 4. Gesundheitsreports des Finanzdienstleisters MLP in Kooperation mit der Bundesärztekammer (BÄK).

Der Report, für den das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) im Mai und Juni 1832 Bürger und 512 Ärzte befragte, zeichnet ein von Frustration und Wut geprägtes Bild vor allem unter den 140 000 Niedergelassenen. "Die Ärzteschaft ist im Moment ausgesprochen negativ gestimmt", sagte IfD-Leiterin Professor Renate Köcher bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin. Sie sieht in der Umfrage, ebenso wie BÄK-Vize Dr. Frank Ulrich Montgomery, "Alarmzeichen" für die Politik. So würden nur noch 30 Prozent der Niedergelassenen jungen Medizinern heute noch raten, sich niederzulassen, so Köcher. 2008 hatte dieser Wert noch bei 44 Prozent gelegen.

Dabei beurteilt mit 61 Prozent eine große Mehrheit der befragten Ärzte zumindest die eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Doch sind die Erwartungen an das GKV-System offenbar weiter von großer Skepsis und der Befürchtung geprägt, dass es zu einem Abbau und einer Priorisierung von Leistungen kommen wird: So sehen laut Umfrage 83 Prozent der Niedergelassenen ihre Therapiefreiheit schon heute in Frage gestellt; 88 Prozent rechnen in den kommenden zehn Jahren mit einer Entwicklung in Richtung einer Zweiklassen-Medizin. Acht von zehn Ärzten schließlich meinen, dass die GKV nur noch eine Grundversorgung bieten wird.

Für Montgomery sind die Umfrageergebnisse eine Steilvorlage für die Forderung der BÄK nach einer offenen Debatte über die Priorisierung. Entscheidungen über Einschränkungen des Leistungskatalogs müssten "nach vernünftigen Kriterien" von den Politikern gefällt werden und nicht dem einzelnen Arzt aufgedrückt werden. "Wir brauchen eine ehrliche Diskussion über Priorisierung statt einer verdeckten und damit risikobeladenen Rationierung", sagte er.

Trotz ähnlicher Meinungen über einen bereits gespürten oder erwarteten Leistungsabbau hält die Mehrheit der GKV-Versicherten derweil offenbar am System fest und will es sogar noch ausgebaut sehen: 54 Prozent der GKV-Mitglieder plädieren laut Umfrage für das SPD-Konzept einer Bürgerversicherung.

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