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Ärzte Zeitung, 23.09.2009

Bundestagswahl 2009

"Ich kann niemals Lobbyist der Ärzte sein"

Er ist gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, bei vielen Ärzten populär und verkauft im Wahlkampf ehrgeizige gesundheitspolitische Konzepte. Ob Daniel Bahr sie allerdings umsetzen kann, ist eher unwahrscheinlich.

Von Christoph Fuhr

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Unermüdlich bei der Arbeit: Daniel Bahr in seinem Bundestagsbüro.

Foto: imago

"Nein", sagt Daniel Bahr, "es belastet mich nicht, dass mir so viele Ärzte in den vergangenen Monaten ihr Vertrauen ausgesprochen haben." Sorgen, dass er bei Ärzten zu hohe Erwartungen mit Blick auf Veränderungen im Gesundheitswesen weckt, hat er nicht: "Den Menschen ist klar, dass ein Daniel Bahr nicht an einem Tag eine 180-Grad-Drehung schaffen kann", sagt er. Schrittweise Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre korrigieren, das sei sein Ziel, "und das will auch meine Partei."

Die FDP im Wahlkampf-Endspurt, ein edles Hotel in Hannovers Innenstadt. Die Stadtverbandsvorsitzende Dr. Claudia Winterstein stellt stolz den Hauptredner des Abends vor. "Ich darf Sie darauf hinweisen, dass Herr Bahr Master of Business Administration mit dem Schwerpunkt International Health Care ist", sagt sie, und wird von einem Zwischenrufer überrascht. "Den Titel hat auch Karl Lauterbach", behauptet ein kritischer Besucher aus den hinteren Reihen. Bahr reagiert wie von der Tarantel gestochen. "Nein, den hat er nicht", ruft er und klärt auf, dass SPD-Mann Lauterbach zwar auch einen Master besitze, aber der Abschluss ein völlig anderer sei. Was der FDP-Vertreter nicht sagt, aber jeder der etwa 50 Besucher im Saal sofort kapiert: Mit Karl Lauterbach im Allgemeinen und seinem gesundheitspolitischen Weltbild im Konkreten hat Bahr nichts, aber auch gar nichts am Hut.

FDP-kritische Menschen - und die gibt es in Deutschland trotz guter Umfragewerte für die Partei zuhauf - stoßen sich oft am aalglatt und zuweilen arg besserwisserisch daherkommenden Parteivorsitzenden Guido Westerwelle. Aalglatt, besserwisserisch? Das sind Negativ-Attribute, die für den Chef gelten mögen, aber nicht für Bahr, der mittlerweile sieben Jahre im Bundestag sitzt. Locker kommt er daher, eloquent, einer, der liberale politische Inhalte bis ins Mark verinnerlicht hat und dabei verbindlich und berechenbar bleibt.

War einst der berühmte Auftritt von Westerwelle im Big-Brother-Fernseh-Container von RTL anbiedernd und unerträglich peinlich, so setzt Bahr auf dem schlüpfrigen Parkett der TV-Unterhaltung souverän eigene Akzente. In Stefan Raabs Klamauk-Schau "TV-Total" bei Pro 7 plaudert er schlagfertig aus dem politischen Nähkästchen und gibt dem verblüfften Entertainer Nachhilfe mit Blick auf demographische Herausforderungen ("die Mädchen, die vor 20 Jahren nicht geboren wurden, können heute auch nicht Mütter werden". Raab: "Ach so").

Und so rast Bahr von einem Wahlkampfauftritt zum anderen, ärgert sich, dass es vor einigen Tagen bei Frank Plasbergs "Hart aber fair" in der ARD nicht zum Zusammentreffen mit Ulla Schmidt gekommen ist. "Die Debatte hätte ich zu gerne geführt", sagt er bei der Veranstaltung in Hannover. Dort sind neben Parteifreunden auch viele Ärzte gekommen, und bei denen hat Bahr gute Karten. Weg mit dem Gesundheitsfonds, Kostenerstattung statt Sachleistungsprinzip, eine sichere Zukunft für die PKV - das sind Botschaften, die bei Medizinern gut ankommen. Allein: Diese Ziele nach der Wahl umzusetzen, dürfte mehr als problematisch sein.

Könnte die große Wertschätzung der Ärzte dem Kandidaten am Ende schaden? Plasberg hat von Bahr wissen wollen, ob man denn zugleich ein enger Freund der Ärzte und Freund der Patienten sein könne. Er habe sich über diese Frage sehr geärgert, sagt Bahr. "Wir machen Politik in der Sache, dass es dabei viele Punkte gibt, die auch Ärzteverbände fordern, freut mich", sagt er. Aber: "Ich kann als Bundestagsabgeordneter der FDP im Gesundheitsausschuss niemals Lobbyist der Ärzteverbände sein."

Fast scheint es, als sei Bahr froh darüber, dass es auch mit Ärzten Ärger gegeben hat. Etwa mit dem Hausärzteverband Bayern. Grund: die Sorge des Verbands, dass die FDP an den Regelungen in Paragraf 73b SGB V zur hausarztzentrierten Versorgung rütteln könnte.

Bahr hatte klargestellt, dass die FDP auf Vielfalt und Wettbewerb setzt: "Niemand kann da erwarten, dass wir es gut finden, wenn das alte Monopol der KVen nun durch das Monopol des Hausärzteverbandes ersetzt wird." Darüber hatte sich nicht nur Bayerns Hausärzteverbandschef Dr. Wolfgang Hoppenthaller sehr geärgert. In Bayerns Hausarztpraxen läuft derzeit eine Plakataktion gegen die FDP.

"Gesundheitsminister - ist das ein Job für Sie oder sind Sie da noch eine Nummer zu klein?", wollte Stefan Raab in seiner schnoddrig-direkten Art bei "TV total" wissen. Bahr hütet sich, vor der Wahl eine konkrete Antwort zu geben. "Ich kenne meine Stärken und Schwächen, die Ministervergabe hängt von sehr vielen Zufällen ab", sagt er, und macht deutlich, dass die Bundestagswahl mit Blick auf seine eigene Parteikarriere nicht zwingend von Bedeutung sein muss. "Ich bin noch jung", stellt er klar, "ich habe noch viel Zeit."

Daniel Bahr (FDP)

Daniel Bahr (32) ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 2005 ist er gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Von 1999 bis 2004 war er Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen. Nach dem Abitur 1996 absolvierte Bahr zunächst eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Danach studierte er Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster.

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