Ärzte Zeitung, 20.04.2010

Psychiatrische Tagesklinik legt Fokus auf Probleme der Migranten -  und hat Erfolg

In der Hamburger Praxisklinik Mümmelmannsberg wird türkisch, persisch, russisch und polnisch gesprochen.

HAMBURG (di). Migranten werden in der psychiatrischen Tagesklinik der Praxisklinik Mümmelmannsberg in ihrer Muttersprache begrüßt. Nach einem Jahr zieht die Einrichtung ein positives Zwischenfazit ihrer Arbeit.

Hamburg-Billstedt: ein Stadtteil am östlichen Rand, in dem nichts an die sonst so vornehme Hansestadt erinnert. Viele Bewohner hier sprechen kaum, manche gar kein Deutsch. Von den 255 000 Migranten aus 43 Nationen in Hamburg haben viele eine Adresse in Billstedt.

Ihre spezifischen Probleme hängen oft mit der Migration zusammen - außer der Sprachbarriere können dies etwa seelische Folgen traumatischer Erlebnisse, die kulturelle Entwurzelung oder besondere soziale und wirtschaftliche Probleme sein.

Auf diese Herausforderungen hat sich die vor einem Jahr eröffnete psychiatrische Tagesklinik der Praxisklinik Mümmelmannsberg gezielt mit einem transkulturellen Ansatz eingestellt. Die Mitarbeiter hier sprechen türkisch, persisch, polnisch und russisch. Sie arbeiten mit komplementären Diensten und Beratungsstellen genauso eng zusammen wie mit niedergelassenen Haus- und Fachärzten, die über interkulturelle Kompetenz verfügen. Das passgenaue Angebot hat sich schnell herumgesprochen im Viertel. Fast die Hälfte der Patienten in der neuen Tagesklinik hat einen Migrationshintergrund, inzwischen gibt es für die 20 Plätze eine lange Warteliste.

"Wie viel allein das Angebot bewirkt, Patienten in ihrer Heimatsprache anzusprechen und Mitarbeiter zu haben, die als kulturelle Vermittler wirken, wird oft unterschätzt", meint Dr. Holger Schümann, leitender Arzt in der Einrichtung. Während die psychischen Probleme von Migranten bislang kaum ins Blickfeld gelangen, wird die Zunahme der Erkrankungen seit einigen Jahren aufmerksam verfolgt. In Mümmelmannsberg beobachtet man mehrere Ursachen. Außer allgemeinen Zukunftsängsten sind dies der steigende Leistungsdruck und zerbrechende Familienstrukturen. Schümann: "Die Gesellschaft steht dem zumeist hilflos gegenüber, aber der Aufbau tragfähiger sozialer Kontakte könnte viel verbessern."

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Beginnt die MS im Dünndarm?

Im Dünndarm werden wohl "Schläfer-T-Zellen" aktiviert, die eine MS triggern. Jetzt sind Forscher auf der Suche nach dem Auslöser – und haben Keime im Verdacht. mehr »

Wie die Neurologie von der Flüchtlingskrise profitiert

Migranten sind für Europa eine Herausforderung, doch sie bringen auch neue Erkenntnisse: Mediziner können durch Zuwanderer erforschen, wie Gene und Umwelt mit neurologischen Krankheiten zusammenhängen. mehr »

Hausbesuche bringen wohl mehr Honorar

Beim GKV-Spitzenverband gilt als ausgemacht, dass die Ärzte für eine Ausweitung der Mindestsprechzeiten nur sparsam honoriert werden sollen. Das Honorarsystem soll keine Gelddruckmaschine für Ärzte sein. Eine Ausnahme könnte es geben: Hausbesuche. mehr »