Ärzte Zeitung, 12.05.2010

Marketing für 73b-Verträge - Hausärzte als Schäfer

Hausärzte in Bremen und Kiel werben für Hausarztverträge. Motto: Hausärzte als Schäfer der Patienten.

Von Christian Beneker und Dirk Schnack

KIEL/BREMEN. Der Bremer Hausärzteverband hat am Mittwoch mit einer ungewöhnlichen Aktion auf die hausarztzentrierte Versorgung aufmerksam gemacht. Mit einer Koppel Schafe haben sich Hausärzte und Vertreter der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft vor dem Bremer Hauptbahnhof postiert. Aus Lautsprechern erklingt Schafsgeblöke.

Marketing für 73b-Verträge - Hausärzte als Schäfer

Werben für Hausarztverträge: Günther Egidi (Hausarzt in Bremen, re) und Stefan Lummer (Deutscher Hausärzteverband, Berlin). © cben

"Wir wollen die Kassen stressen, damit sie ihre Mitglieder besser über den Hausärztevertrag informieren", sagte Stefan Lummer vom Deutschen Hausärzteverband in Berlin der "Ärzte Zeitung". Lummers Aufruf ist vor allem an die Adresse der AOK Bremen/Bremerhaven gerichtet. Sie musste Ende 2009 einen Schiedsspruch hinnehmen, der sie zum Hausarztvertrag mit dem Hausärzteverband verpflichtet. "Schade, dass die AOK die Chance nicht nutzt", sagte Bremens Hausärzteverbands-Chef Hans-Michael Mühlenfeld.

In der Tat wehrt sich die Kasse nach Kräften. Die Ärzte wollten mit ihrer Aktion offenbar zeigen, "dass sie ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollen", erklärte Jörn Hons, Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven, "denn tatsächlich sind aus unserer Sicht keine Vorteile der Hausarztverträge für die Versicherten erkennbar - es gibt allein finanzielle Vorteile für die Hausärzte."

Unterdessen laufen die Einschreibungen in den Vertrag mit der AOK gut, berichtete Günther Egidi vom Hausärzteverband Bremen. "Inzwischen sind rund 170 KoIlegen eingeschrieben und etliche tausend Patienten", sagte Egidi. Angesichts von 200 hausärztlichen Vollversorgerpraxen in Bremen "haben wir einen Stand von 85 Prozent Einschreibungen". Zwar zählt man an der Weser rund 400 Hauärzte, "aber viele sind Nischenpraxen, die etwa viel akupunktieren. Für sie lohnt sich der Vertrag nicht."

Inzwischen ist in Bremen auch ein Hausarztvertrag mit der hkk unterschrieben. Mühenfeld: "Damit können rund 70 Prozent der Bremer Patienten die verbesserte Versorgung wählen."Unterdessen ist in Kiel Promotion auf der Straße ein schwieriges Geschäft. Hausarzt Michael Sturm versucht sich in dieser Tätigkeit. Bekleidet mit weißer Weste (Aufschrift: Erste Klasse in der Kasse?) wirbt er für die hausarztzentrierte Versorgung.

Obwohl Wind und Nieselregen nicht zum Verweilen einladen, gelingt es Sturm und seinen Kollegen, etliche Passanten für das Thema zu interessieren. Die meisten müssen angesprochen werden, andere kommen von selbst auf das Zelt neben dem Gatter mit den Schafen zu. Kaum jemand fragt nach dem Sinn dieser Marketingaktion.

Der Hausarzt als Schäfer, der für seine Herde, die Patienten sorgt - dieses Bild gebraucht Schleswig-Holsteins Hausärztechef Dr. Thomas Maurer, wenn er den ungewöhnlichen Blickfang erklären soll. Die meisten Passanten reagieren positiv und berichten von eigenen Erfahrungen. "Ich musste meinem Kardiologen alles noch einmal erklären. Viele Fachärzte haben kein Interesse an Informationen von den Hausärzten. Es wäre gut, wenn alles zusammengeführt wird." Mit diesen Worten entscheidet sich eine Frau mittleren Alters für die Unterschrift in einer Liste, mit der die Hausärzte das Interesse der Bürger an Hausarztverträgen dokumentieren wollen.

Maurer hofft, damit auch Kassen wie die AOK Schleswig-Holstein, die eine Abwehrhaltung gegen Hausarztverträge zeigten, überzeugen zu können. Seine Erfahrungen in der Kieler Innenstadt bestärken ihn: "Acht von zehn Menschen reagieren positiv."

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