Ärzte Zeitung online, 16.07.2010

GBA-Beschluss: Bedarfsplanung soll kleinräumiger werden

Die Bedarfsplanung erhält einen Demografiefaktor. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) in seiner Sitzung am Donnerstag beschlossen. Damit soll dem regional auftretenden Mangel an Hausärzten, Augenärzten und Urologen begegnet werden.

Von Anno Fricke

GBA-Beschluss: Bedarfsplanung soll kleinräumiger werden

Willkommen beim Gemeinsamen Bundesausschuss: mit einem Demografiefaktor in der Bedarfsplanung will das Gremium dem Ärztemangel entgegentreten.

© GBA

BERLIN. Der Demografiefaktor soll die auf dem Stand von 1990 verharrende Bedarfsplanung korrigieren helfen, zum Beispiel dann, wenn eine KV äußerst hohe Fallzahlen in den Praxen einer Region feststellt. Der Wechsel von einer rein quantitativen Betrachtung des Arzt-Einwohner-Verhältnisses hin zu einer qualitativen sei der erste Baustein einer kleinräumigeren Bedarfsplanung, stellte Dr. Carl-Heinz Müller vom Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) am Donnerstag in Berlin fest.

Für Allgemein- und Fachärzte mit Zusatzqualifikationen im Fach Geriatrie eröffnet die neue Regelung Chancen auf eine beschleunigte Zulassung. Mit der Entscheidung des GBA werden nämlich nicht mehr nur die Anzahl von Ärzten bezogen auf die Anzahl der Einwohner einer Region berücksichtigt. Auch die Altersstruktur fällt nun ins Gewicht. Ärzte mit gerontologischen Weiterbildungen erhalten in als nach den neuen Regeln unterversorgt identifizierten Regionen bei der Zulassung Vorfahrt vor anderweitig qualifizierten Kollegen.

Der Beschluss war umstritten. Die Vertreter der Kassen hätten sich lieber eine Regelung gewünscht, Zulassungen in überversorgten Gebieten zu streichen. Die Patientenvertreterin im Ausschuss glaubt, dass sich die Zielgenauigkeit der Planung nur geringfügig verbessert.

Der Unparteiische Vorsitzende Dr. Rainer Hess erwartet von dem jetzt getroffenen Beschluss keinen künstliche Ärzte-Mehrbedarf in Ballungszentren. Vertreter der Kassen warnten dagegen davor, dass der Beschluss den Ärztemangel in unterversorgten Gebieten noch verschärfen könne. Er könne auch dazu führen, dass sich mehr Ärzte als notwendig in den Speckgürteln der überversorgten Metropolen niederließen.

Insgesamt gebe es 25 000 Niedergelassene mehr als für eine Vollversorgung notwendig, sagt Dr. Bernhard Egger vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen. Er hätte sich eine Regelung gewünscht, in überversorgten Gebieten Zulassungen streichen zu dürfen. Ob die in der neuen Regelung enthaltenen Anreize ausreichten, überhaupt Ärzte in unterversorgte ländliche Regionen zu bringen, zweifelte die Patientenvertreterin Ilona Köster-Steinebach, Patientenvertreterin im Bundesausschuss, an.

Bis 2020 gehen laut Erhebungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 24 000 Haus- und 28 000 Fachärzte der heute insgesamt 120 000 Vertragsärzte in den Ruhestand. Die sektorenübergreifende Versorgung wird die entstehenden Lücken in den ländlichen Regionen in Ost und West nur teilweise ersetzen können. Denn auch in den Krankenhäusern stehen rund 20 000 Chef- und Oberärzte vor der Rente.

Gleichzeitig entscheiden sich immer mehr Medizinstudenten gegen den Dienst am Patienten. Von den gegenwärtig 76 000 Medizinstudenten werden Umfragen zufolge nur drei Viertel in einer Praxis oder einem Krankenhaus arbeiten. Die Ländergesundheitsminister fordern daher längst, Jungmediziner mit sanftem Druck und finanziellen Anreizen für den Dienst auf dem Land zumindest zeitweise zu verpflichten. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hatte zuletzt angekündigt, dem Ärztemangel durch verschiedene Reformen entgegenwirken zu wollen.

Trotz allem herrscht auf dem Papier kein Ärztemangel. Ärzte lassen sich einer Studie der Gesellschaft für Gesundheitsmarktanalyse aber lieber in der Nähe kaufkräftiger Patienten nieder als auf dem Land. Die Fehlallokation koste die Steuerzahler im Jahr fünf Milliarden Euro, rechnet die KBV vor. Sie würde mehr Zulassungen vergeben, wenn sie dürfte.

Aus dem Stand könnten derzeit etwa 3000 niedergelassene Ärzte zugelassen werden, berichtet die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf Zahlen der KBV. Unter den 395 Bezirken für Niedergelassene gebe es viele, die rechnerisch genügend Ärzte hätten. Tatsächlich aber müssten die Patienten von einzelnen Orten aus Kilometer weit zur nächsten Arztpraxis anreisen.

Lesen Sie dazu auch:
Häufiger Notdienst vergrätzt jungen Ärzten die Arbeit auf dem Land
"Das Wort Hausärztemangel mag ich nicht"
Ärzte-Genossen fordern mehr Freiheit statt genauerer Bedarfsplanung

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »