Ärzte Zeitung, 20.08.2010

Prävention vor Ort - besser als Paragrafenlyrik

Die schwarz-gelbe Koalition hat ein nationales Präventionsgesetz zu den Akten gelegt. In Baden-Württemberg hält sich das Bedauern darüber in Grenzen. Mit der Gesundheitsstrategie setzt man dort auf regionale und lokale Gesundheitsförderungs- und Präventionspolitik.

Von Florian Staeck

Prävention vor Ort - besser als Paragrafenlyrik

Gesundheitsförderung in jeder Lebenslage - auch mit Kinderwagen.

© Rudel / imago

STUTTGART. Die im vergangenen Jahr von der Landesregierung formulierte Gesundheitsstrategie Baden-Württemberg hat das Ziel, chronische Erkrankungen bei Menschen effektiver als bisher zu vermeiden oder ihr Auftreten in eine spätere Lebensphase zu verschieben. Prävention und Gesundheitsförderung - so das Ziel - sollen gleichwertig neben den Säulen Behandlung, Rehabilitation und Pflege etabliert werden.

Daher soll die Gesundheitsstrategie auch eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik beschreiben - und nicht nur das Landesgesundheitsministerium einbeziehen. Entsprechend weit spannt Ressort-Chefin Dr. Monika Stolz (CDU) den Bogen und sieht Gesundheit als Grundlage für Lebensqualität und - wirtschaftliche - Prosperität: "In unserem Verständnis hat Gesundheit als Standortfaktor den gleichen Stellenwert wie Bildung", sagt Stolz der "Ärzte Zeitung". Die Gesundheitsstrategie versteht sich dabei als Integrationsplattform für regionale und lokale Programme und Projekte aus allen Politikfeldern. "Wir brauchen für die Umsetzung der Gesundheitsstrategie unbedingt die Kommunen", stellt Stolz klar. Städte und Gemeinden sollen eine Kommunikationsplattform sein, in der Ärzte aus Klinik und Praxis, andere Heilberufe oder Unternehmen der Gesundheitswirtschaft sich leichter vernetzen können als andernorts im sonst streng sektoralen Gesundheitswesen. Wichtig ist für Ministerin Stolz, dass "wir den Kommunen aber keine Vorgaben machen".

Vernetzung heißt auch: Das Rad wird nicht neu erfunden

Der Schlüsselbegriff für das Vorgehen lautet: Vernetzung. Für die Krankenkassen hat Frank Winkler, stellvertretender Leiter der Landesvertretung des Ersatzkassenverbands vdek in Baden-Württemberg, auch die Kosten im Blick: "Sehr häufig gibt es in der Prävention und Gesundheitsförderung Projekte, bei denen der eine Akteur nichts vom anderen weiß. Wenn wir Parallelstrukturen intelligent verknüpfen, können wir auch das knappe Geld der Kassen möglichst effizient einsetzen." Orte der Vernetzung sollen kommunale Gesundheitskonferenzen sein. Darunter versteht man einen Verbund von Akteuren aus den Bereichen Gesundheit, Soziales, Bildung und Wirtschaft im Stadt- oder Landkreis, der sich das Ziel gesetzt hat, Gesundheit in allen Lebensphasen und -welten zu fördern. "Wir hoffen mithilfe der Gesundheitskonferenzen besonders die Menschen ansprechen zu können, die sonst für Gesundheitsförderung nur schwer erreichbar sind", sagte Stolz.

Dabei gehe man vom so genannten Setting-Ansatz aus: "Wir fragen nach gesundheitsförderlichen Lebenswelten beispielsweise in Kindertagesstätten, Schulen oder Betrieben", erläutert sie.

Oder aber in der Volkshochschule, wo die Gesundheitsförderung beispielsweise in Reutlingen fest verankert ist. Geschäftsführer Dr. Ulrich Bausch misst der VHS gar eine "Schlüsselrolle" in der Gesundheitsförderung zu. Leitend sei dabei das Konzept der "Selbstfürsorge" - jeder kann aktiv seinen Gesundheitszustand beeinflussen. Die Volkshochschule böten dafür das "einzige flächendeckende Netz mit Qualitätsstandards", zeigt sich Bausch überzeugt. Kurse von Wirbelsäulengymnastik bis hin zu "Slow-motion-Fitness" für Menschen mit Übergewicht gewännen stetig an Zulauf. Besuchten im Jahr 2005 noch 8000 Bürger die Kurse, so waren es im vergangenen Jahr über 10 200 - bei 120 000 Einwohnern.

Prävention vor Ort - besser als Paragrafenlyrik

"Gesundheit hat den gleichen Stellenwert wie Bildung." (Dr. Monika Stolz, Landesgesundheitsministerin in Baden-Württemberg)

© dpa

Trotz bescheidener Förderung durch das Land fördere man konsequent die Teilnahme von Bürgern mit geringem Einkommen. Beziehern von Arbeitslosengeld II werden 75 Prozent der Kurskosten erlassen. Doch wie können erfolgreiche lokale Strukturen der Gesundheitsförderung vernetzt werden?

Am leichtesten können Kommunen vom konkreten Modell lernen, ein Beispiel ist der Schwarzwald-Baar-Kreis. Dort, erläutert Frank Winkler vom Ersatzkassenverband vdek, "gibt es bereits regionale Strukturen, die dem bereits sehr nahe kommen, was wir mit der Gesundheitsstrategie wollen". Die Entstehung des dortigen Gesundheitsnetzes geht auf das Jahr 2004 zurück, berichtet der Netzwerk-Vorsitzende Thomas Bank, der zugleich Geschäftsführer der Kur und Bäder GmbH Bad Dürrheim ist. Das Netz will lokale Gesundheitsangebote bündeln und für Bürger, Patienten und Leistungsanbieter transparent machen. Der Kreis ist ein Gesundheitsstandort par excellence und verfügt über 7,3 Prozent der Reha-Betten in ganz Baden-Württemberg, hat 17 Reha- und Fachkliniken, 220 Fach- und 140 Hausärzte. Beschäftigt sind dort im Gesundheitssektor insgesamt 8200 Menschen. "Wir wollen Lotse für Gesundheitsangebote sein", erläutert Bank.

Chancen auf Kooperation werden nicht genug genutzt

Dabei versteht sich das Netz, in dessen Management auch Kreisärzteschaft, Kliniken, Kassen, Apotheken, Pflege- und Bildungseinrichtungen vertreten sind, nicht nur als Informationsplattform. Große Chancen für das Netz sieht Geschäftsführer Bank auch in der Kooperation zwischen den Anbietern, diese würden bisher "nicht ausreichend genutzt".

Frank Winkler vom vdek, einer der Leiter der Projektgruppe "Gesundheitskonferenzen", hofft, dass Landkreise wie Schwarzwald-Baar, die Gesundheitskonferenzen aktiv angehen, "auf andere Kreise und Regionen ausstrahlen". Im September soll dem Gesundheitsministerium ein Zwischenbericht vorgelegt werden. Dieser "soll Kommunen und Kreisen konkrete Handlungsempfehlungen an die Hand geben, wie sie diese Konferenzen initiieren und fördern können". Dann können Kommunen lokale Gesundheitsförderung starten, die an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort orientiert ist - und werden ein nationales Präventionsgesetz nicht vermissen.

Gesundheitsforum Baden-Württemberg

Das Gesundheitsforum geht auf eine Initiative der Landesregierung im Jahr 2000 zurück. Anlass für die Gründung war nach eigenen Angaben eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Darin wurde die These vertreten, Netze von Akteuren könnten wirtschaftliches Wachstum und Synergiepotenziale freisetzen. Hauptziel des Forums ist daher die Vernetzung der verschiedenen Akteure in der Gesundheitsbranche. Die historisch gewachsenen Gräben zwischen niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten, Apotheken, Krankenhäusern, Reha- und Kureinrichtungen oder Medizintechnik- und Pharmaherstellern sollen so überwunden werden. Unter anderem loben Landesregierung und die im Forum beteiligten Institutionen seit 2002 jährlich den Qualitätsförderpreis Baden-Württemberg aus.
Informationen zum Gesundheitsforum: www.gesundheitsforum-bw.de
Die Gesundheitsstrategie ist abrufbar unter: www.sozialministerium-bw.de/fm7/1442/Gesundheitsstrategie-Konzeption.pdf

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Gesundheit soll Bürgersache sein

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