Ärzte Zeitung, 27.08.2010

Hintergrund

Hausärzteprotest: Medialer Wirbel in Bayern - aber welche politische Wirkung in Berlin?

Dank straffer Organisation der Hausärzte war der Praxisstreik ein medialer Erfolg. Seitenweise berichteten die Zeitungen über Ärzte, die um ihre Zukunft und die der Versorgung fürchten. Doch wo bleibt der politische Effekt?

Von Jürgen Stoschek

Hausärzteprotest: Medialer Wirbel in Bayern - aber welche politische Wirkung in Berlin?

Viele Patienten standen auch am Freitag vor verschlossen Praxistüren.

© dpa

Auch am Freitag hatten in Bayern mehr als 5000 Hausärzte ihre Praxen aus Protest gegen die Sparpläne bei den Hausarztverträgen geschlossen. Das Echo in den Medien war groß. Bayernweit berichteten regionale und lokale Zeitungen in ihren gedruckten Ausgaben und online ausführlich über die Praxisschließungen. Das Bayerische Fernsehen sendete in seinen Nachrichtensendungen mehrere Beiträge, in denen Hausärzte zu Wort kamen.

"Nur zwei Tage lang dauert die Protestaktion der Hausärzte, und doch lösen die Praxisschließungen in ganz Deutschland einen riesigen Medienwirbel aus", schrieb die "Süddeutsche Zeitung", die dem "Arbeitskampf der Hausärzte", so das Blatt, am Freitag gleich eine ganze Zeitungsseite in ihrer Regionalausgabe widmete. Dazu Dr. Wolfgang Hoppenthaller, Hausärzte-Chef in Bayern: "Es reichte ein Rundfax mit dem Vorschlag, die Praxen für zwei Tage zu schließen", zitiert die Süddeutsche.

Der "Münchner Merkur" berichtete über die zweitägigen Praxisschließungen unter der Überschrift "Frust bei den Hausärzten". Hausarzt zu sein, sei nicht attraktiv, zitierte das Blatt den Vorstand des Ärztlichen Kreisverbandes Starnberg, Professor Hans Paul Schobel. Verträge würden nach Gutdünken gebrochen, man sei ein Spielball wechselnder Interessen, teilte Schobel den Journalisten mit.

"Den Dauereinsatz macht keiner für 3000 Euro", titelte die "Passauer Neue Presse" einen ausführlichen Bericht zu den Praxisschließungen. Und die "Nürnberger Nachrichten" kamen in einer Reportage zu dem Ergebnisse, dass Versorgungszentren den Landarzt kaum ersetzen können. In Gegenden, in denen ein Linienbus nur selten fährt, seien ein paar Kilometer für Patienten, die über kein Auto verfügen, ein unüberbrückbares Hindernis.

Aus Ingolstadt berichtete der "Donau-Kurier", nur die Notaufnahme des Klinikums habe den Streik der Hausärzte gespürt. In der Stadt seien nur sechs Hausarztpraxen geöffnet gewesen, teilte der Sprecher der Hausärzte, Dr. Anton Böhm, der Reporterin mit.

Es sei zwar bedauerlich, dass Patienten von den Praxisschließungen betroffen seien, räumte der Hausarzt Dr. Maximilian Herz aus Inningen gegenüber der "Augsburger Allgemeinen" ein. "Aber es geht darum, dass man einmal spürt, wie es ist, wenn es keine Hausärzte mehr gibt", sagte Herz der Zeitung. Die Bezahlung drohe so schlecht zu werden, dass kein junger Arzt die Aufgabe mehr übernehmen will.

"Wir schließen die Praxen an diesen beiden Tagen aus Protest, damit die Hausärzte bleiben", teilte Dr. Jürgen Arnhardt aus Höchstädt der "Wertinger Zeitung" mit. Das vom Bundesgesundheitsministerium angestrebte deutlich niedrigere Vergütungsniveau bedeutet eine Bestrafung großer Landarztpraxen, so Arnhardt.

Unter den künftigen Rahmenbedingungen werde es zunehmend schwierig, Nachfolger für Hausarztpraxen zu finden, erklärte Dr. Martin Rawer aus Amerdingen im Donau-Ries-Kreis der "Donauwörther Zeitung". "Weil die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht klar sind, finden sich oftmals keine Ärzte, die eine Praxis von einem älteren Kollegen übernehmen", sagte Rawer.

Unter der Überschrift "Die Hausärzte setzen einen Notruf ab", berichteten die Zeitungen in Oberfranken über die zweitägigen Praxisschließungen. In Zeil sprachen die Reporter mit zwei Männern, die auf einer Bank vor der Hausarztpraxis von Gerhard Binder auf ihre Frauen warteten und die Verständnis für den Ärger der Ärzte zeigten.

"Seit Jahren wird am Gesundheitssystem herumgepfuscht", sagte der eine. "Das Ergebnis ist immer das Gleiche: Der Patient zahlt mehr, und er bekommt weniger Leistung". Eigentlich sollten Patienten streiken.

Söder schlägt sich auf die Seite des Protests

Der Protest der Hausärzte in Bayern, die am Donnerstag und Freitag ihre Praxen geschlossen hatten, wird die politische Diskussion um die Gesundheitsreform befeuern. Davon ist der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes (BHÄV), Dr. Wolfgang Hoppenthaller, überzeugt.

Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder schlug sich gleich auf die Seite der Protestler - und tat, was populär ist: Er kritisierte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler. Sein Konzept weise Schwachstellen auf. Dazu gehöre auch die Neuordnung der ärztlichen Honorare und der hausärztlichen Vergütung. Berlin arbeite bewusst daran, die hausärztliche Versorgung auszuhöhlen, sagt Söder im Bayerischen Rundfunk. Die Bayerische Staatsregierung stehe auf Seiten der Hausärzte.

In anderen Regionen der Republik werden Seehofers und Söders Querschläger nur noch als ziellose populistische Fundamentalopposition gewertet. Die politische Wirkung auf Gesetzgebungsvorhaben ist fragwürdig.

In allen anderen Ländern sind die Hausärzte wesentlich zurückhaltender mit ihrem Protest - mitunter sogar charmant. In Hessen beispielsweise bestreiken die Ärzte ihre Patienten nicht, sondern werben mit "Tagen der offenen Praxis". Per Unterschriftenaktion in Praxen oder im Internet können Patienten dann Richtung Berlin protestieren. (sto/HL)

Lesen Sie dazu auch:
Kritik an Rösler: Söder facht erneut Gesundheitsstreit an

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