Ärzte Zeitung online, 16.09.2010

Hausärzte fordern Rücktritt von KBV-Chef Köhler

BERLIN (dpa). Der Streit um die Honorare der Hausärzte hat eine neue Eskalationsstufe erreicht: Die Delegierten des Hausärztetages forderten den Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Köhler, am Donnerstag in Berlin zum Rücktritt auf.

Hausärzte fordern Rücktritt von KBV-Chef Köhler

KBV-Chef Köhler unter Beschuss - hier bei der Vorstellung der Honorarzahlen im August.

© dpa

Die Delegierten folgten einstimmig einem Antrag der Landesverbände Bayern und Westfalen-Lippe, wie der Verband am Abend mitteilte. Grund für den Entschluss seien irreführende Veröffentlichungen der KBV, die mit "unseriösen Statistik-Tricks" den Eindruck erweckten, Haus- und Fachärzte würden in Geld schwimmen, und Honorarsteigerungen seien deshalb nicht erforderlich.

Die KBV hatte im August mitgeteilt, das jährliche Honorar der Hausärzte vor Steuern und Abzügen sei im vergangenen Jahr um vier Prozent auf 200 164 Euro gestiegen, das der Fachärzte um sechs Prozent auf 202 725 Euro.

Ihre Proteste und Praxisschließungen vom Vortag werteten die Hausärzte als Erfolg. Verbandschef Ulrich Weigeldt sagte: "Sie sind eine notwendige und wirkungsvolle Form der Reaktion auf die politische Absicht, die hausärztliche Versorgung der Patienten zu bedrohen."

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Andreas Köhler (1253)
[17.09.2010, 16:01:15]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Dr. med. Dipl. oec. Andreas Köhler und der Niedergang der KBV
Ganz große Klasse! Dem kann ich mich nur anschließen. Chapeau! zum Beitrag »
[17.09.2010, 08:59:23]
Dr. jens wasserberg 
Köhler wirft alle Ärzte der Medienmeute zum Fraß vor
Die von Herrn Köhler vorgetragenen Zahlen bestätigen die Gewissheit, dass dieser Mann als Vertreter der Ärzteschaft völlig ungeeignet ist. Ihm dürfte klar sein, dass diese Zahlen öffentlich wohl eher als Vedienst und nicht als Umsatz von der geneigten politisch motivierten Presse aufgenommen werden würde. Er befeuert somit bewusst eine Neiddebatte, die allen Ärzten schaden wird, nur um seine eigene Haut zu retten.

Doch einmal der Reihe nach :

Die erste Frage bei diesen intransparenten, da nicht nachzuprüfenden Zahlen dürfte sein, ob dabei die nichtärztlichen Psychotherapeuten nun den Fachärzten zugeschlagen wurden und somit ihr relativ geringer Umsatz den dortigen Durchschnittswert herabsetzen sollte. Bezüglich der Ausbildung ist diese Gruppe aber eben nicht den Fachärzten zuzuschlagen, womit somit auch eine durchschnittliche Umsatzzahl beider Gruppen keine gemeinsame Basis hätte.

Wie kommt er obendrein darauf, die Honorarzugewinne der HzV als Umsatzplus für die KV-Ärzte zu verbuchen, hat er dieses Umsatzplus doch selbst heftigst bekämpft. Hat er auch andere nicht KV-Einnahmen in seiner tendenziösen Rechnung bemüht, die sich in den beiden Vergleichsgruppen massiv unterscheiden dürften ?

Aber den eigenen Todesstoss hat er sich mit diesen Zahlen selber versetzt :

Wieso ist er denn als Leiter der KBV nicht in der Lage, dieses Honorar korrekt unter den Ärzten zu verteilen oder anders gefragt, wie kann es kommen, dass dann bei diesem Durchschnitt bei vielen Kollegen deutlich weniger ankommt ? Hätten die hausärztlichen Kolllegen diesen Umsatz auch real in der Masse, dann dürften die Bestrebungen, aus dem KV-System auszubrechen, wohl eher weniger ausgeprägt sein.

In Nordrhein beträgt die durchschnittliche Fallzahl einer allgemeinmedizinischen Praxis rund 800. Um damit an den durchschnittlichen Umsatz von 200.000 € im Jahr oder auf 50.000 € im Quartal zu kommen, müsste der durchschnittliche Fallwert 62.50 € betragen. Da er aber laut KVNO bei unter 50 € liegt - und zwar mit absolut allem an Zusatzhonorar, was dort möglich ist - sind die durchschnittlichen Umsätze in der KVNO pro Hausarzt um mindestens 40.000 € pro Jahr unter den offiziellen KBV-Zahlen ! Sollte es also Herr Köhler tatsächlich durch die von ihm hauptamtlich zu verantwortende Honorarreform geschafft haben, jedem Hausarzt in Nordrhein 40.000 € pro Jahr wegzunehmen, um sie anderswo statistisch anzulegen ? Diese Rechnung lässt sich übrigens für viele - nicht alle - KVen so aufmachen, so dass es bei Anwendung von Mathematik anstatt von Ideologie nur 2 Lösungen geben kann:

Entweder Köhler muss sofort vom BMG enfernt werden, weil unter ihm die Honorare in abenteuerlich grotesker Form ungerecht verteilt werden und er damit die Versorgung in vielen Regionen zerstört oder weil die hier genannten Zahlen schlicht falsch sind, was dann wegen schädlichem Verhalten für die Niedergelassenen eine ebenso sofortige Demissionierung zur Folge haben müsste. Eine dritte Möglichkeit gibt es schlicht nicht !

Nur um seine eigene Haut zu retten, wofür er ja sogar eine feudale Amtsverlängerung ohne Mandat missbraucht hätte, wirft er mit diesen Zahlen die gesamte deutsche Ärzteschaft obendrein der Pressemeute zu Fraß vor. Das ist nicht nur unsäglich dumm, sondern geradezu böswillig. Er springt damit einem Minister und den Kassen zur Seite, die aktuell eine sehr durchschaubare Kampagne gegen die Hausärzteschaft starten mit dem einzigen Ziel, jedwede Fluchtmöglichkeit aus dem KV-System zu unterbinden. Das sollte auch denen zu denken geben, die sich aktuell über das absehbare Scheitern der HzVs freuen. Herr Köhler hat jedenfalls damit abermalig eindeutig klargestellt, auf wessen Seite er steht.

Dr. med. Jens Wasserberg
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