Ärzte Zeitung, 16.12.2010

Für ihre eigene Gesundheit interessieren sich Ärzte kaum

Mediziner fühlen sich durch ihren Beruf stark belastet und sind häufig unzufrieden mit ihrem Verdienst. Ihre Arbeit macht den meisten dennoch Spaß. Das geht aus einer aktuellen Studie zur Ärztegesundheit hervor.

Von Thomas Trappe

Für ihre eigene Gesundheit interessieren sich Ärzte kaum

DRESDEN. Die Sächsische Landesärztekammer hat zu einer Veranstaltung eingeladen, in der es um die Gesundheit von Ärzten geht. Die Zahl der Teilnehmer ist überschaubar. Kein Zufall, sondern fast zu erwarten, sagt Professor Klaus Scheuch. "Ärzte reden meistens nur über die Gesundheit der anderen", weiß Scheuch, der den Ausschuss Arbeitsmedizin der Sächsischen Landesärztekammer leitet. Für ihre eigene Gesundheit interessierten sich Ärzte dagegen kaum.

Mit der Studie "Berufliche Belastung, Gesundheitszustand und Berufszufriedenheit sächsischer Ärzte" hat Scheuch die erste umfassende Analyse vorgelegt: Der Tenor ist positiv, aber die Studie zeigt auch, dass es Nachholbedarf gibt, wenn es um gesundheitsbewusstes Verhalten geht.

2500 Ärzte in Sachsen wurden 2008 zu ihrem Arbeitsalltag und gesundheitlichen Themen befragt. Laut Scheuch sind die Ergebnisse auf die ganze Republik übertragbar: Ärzte in Deutschland empfinden in der Regel eine hohe Arbeitsbelastung, leisten Überstunden ab, verdienen für ihr eigenes Empfinden zu wenig - und sind trotzdem sehr glücklich mit ihrem Beruf. Deshalb denken sie fast nie daran, ihn zu wechseln.

"Kaum ein Beruf greift so sehr ins soziale Gefüge des Ausübenden ein wie der Arztberuf", sagt Scheuch. Sichtbar werde das an der Arbeitsbelastung, die offenbar nicht nur aus Sicht der Betroffenen außergewöhnlich hoch ist. So arbeiten Ärztinnen laut Studie wöchentlich im Schnitt 50 Stunden, bei den Kollegen sind es sogar 55 Stunden.

Noch deutlicher sind die Zahlen, geht es um den Anteil der Ärzte, die auch in ihrer Freizeit arbeiten - bei Männern und Frauen sind das knapp 95 Prozent, durch sämtliche Altersklassen hinweg. Die Hälfte aller befragten Ärzte gab zudem an, dass sie auch Arbeit mit in den Urlaub nehmen.

Die Antworten auf die subjektiv wahrgenommene Arbeitsbelastung können da kaum überraschen. 71 Prozent der männlichen und 66 Prozent der weiblichen Ärzte beschreiben ihre berufliche Belastung als sehr hoch oder hoch, keiner der Befragten ordnete sie als sehr gering ein. Dabei spielte eine große Rolle, so Scheuchs Analyse, dass die Ärzte eine gravierende Diskrepanz zwischen Aufwand ihrer Arbeit und Nutzen sehen, vor allem bei Klinikärzten sei dieser Trend zu beobachten.

Bei der Folge von Stress gab es wenig Auffälligkeiten im Vergleich zur übrigen Bevölkerung, die Beschwerden lagen nur leicht über dem Gesamtschnitt. Unterschiede zeigen sich eher zwischen den Geschlechtern und den Altersgruppen der Ärzte, weniger in den Fachgruppen oder zwischen Praxis und Klinik. So ist bei Medizinerinnen der Anteil jener mit Gliederschmerzen auffällig. Erkrankungen des Bewegungsapparats liegen bei Männern und Frauen zu 40 Prozent vor, zwölf Prozent fühlen sich dadurch beeinträchtigt im Beruf.

Psychische Belastungen erkennen zwar die meisten Mediziner in ihrem Beruf, zum Burn-Out kommt es dennoch ziemlich selten. So leiden zwar 40 Prozent der Befragten unter Burn-Out-Symptomen. "Dazu gehört aber auch, wenn ich nach der Arbeit müde bin", so Scheuch. Wichtig sei die Zahl der Mediziner, die wirklich ein Burn Out erleiden, und die ist "erfreulich" gering, nämlich bei knapp vier Prozent. Bei der Erholung spielen Alkohol, illegale Drogen und Tabak offenbar keine herausragende Rolle: Der Anteil des Konsums liegt im allgemeinen Bevölkerungsschnitt.

Trotz aller Belastungen scheinen Ärzte zufrieden mit ihrem Job. In fast allen Aspekten gaben die Befragten ihrem eigenen Beruf Bestnoten. Mit einer Ausnahme: Bei Männern und Frauen, in Praxen und Kliniken - mit dem Lohn ist kaum einer zufrieden.

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