Ärzte Zeitung online, 30.12.2010

Bei der Schmerztherapie liegt noch ein großes Optimierungspotenzial brach

AACHEN (acg). Die Versorgung von Schmerzpatienten ist in Deutschland zwar schon gut. In vielen Bereichen herrscht aber noch Handlungsbedarf.

Bei der Schmerztherapie liegt noch ein großes Optimierungspotenzial brach

Egal ob Migräne, Tumorschmerzen, Phantomschmerzen oder andere: Es gibt gute Therapien, sie müssen nur genutzt werden.

© Kzenon / fotolia.de

Darin waren sich die Teilnehmer des 6. Aachener Workshops "Zukunft der Schmerztherapie" des Arzneimittelherstellers Grünenthal einig. "Es gibt ausreichend pharmazeutische Therapiemöglichkeiten, qualifizierte Ärzte und Einrichtungen zur Behandlung der Patienten", sagte Dr. Christopher Hermann, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg. "Im ambulanten und stationären Bereich ist die Behandlung organspezifischer und kausal klarer Schmerzzustände erfolgreich verankert."

Sorge bereitet den Fachleuten hingegen, dass sich trotzdem ein großer Teil der Betroffenen nicht ausreichend versorgt sieht. "30 Prozent der Schmerzpatienten empfinden ihre Beschwerden als nicht ausreichend kontrolliert", sagt Professor Jürgen Fritze, leitender Arzt beim Verband der privaten Krankenversicherung. Das kann für die Betroffenen schlimme Folgen haben.

"Gerade Patienten mit unspezifischen Schmerzen haben lange Schmerzkarrieren hinter sich, ohne dass ihnen wirklich geholfen werden kann", sagt Hermann. Hier sieht er noch erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten.

Dabei stehen die Verantwortlichen vor dem Problem, dass sie kaum auf verlässliche Daten und Informationen zu Struktur, Qualität und Kosten der Schmerzversorgung zurückgreifen können. Erste Abhilfe sollte das Projekt "Versorgungsatlas Schmerz" schaffen, eine Kooperation von der DAK, der AOK Niedersachsen, dem Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) in Berlin und Grünenthal, das 2008 gestartet ist. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor.

Anhand von Krankenkassen-Routinedaten haben die Kooperationsteilnehmer neun Schmerztypen definiert und anschließend drei besonders häufig auftretende Typen von Rückenschmerzen herausgefiltert: spezifische Rückenschmerzen, Schmerzen bei Bandscheibenerkrankungen und unspezifische Rückenschmerzen.

"Indem wir untersuchten, welche Menge an Opioiden dem Patienten innerhalb eines bestimmten Zeitraums verschrieben worden war, und wie oft sich der Betroffene arbeitsunfähig gemeldet hatte, konnten wir Hinweise auf eine möglicherweise drohende Chronifizierung des Schmerzes in die Untersuchung einbeziehen", sagte Sveja Eberhard von der Stabstelle Politik und Versorgungsforschung bei der AOK Niedersachsen.

Mit diesen Informationen suchten sich die Kooperationsteilnehmer geeignete Patienten aus der Datensammlung heraus und nahmen sie in das multimodale integrierte Versorgungsprojekt "Rückenschmerz" der AOK Niedersachsen und der DAK auf. Testregion war Hannover. "Wir wollten untersuchen, inwieweit eine multimodale Schmerztherapie dabei hilft zu verhindern, dass Risikopatienten in einen dauerhaft schweren Krankheitsverlauf hineinrutschen", sagte Eberhard.

Ziel des Projekts war es, Arbeitsunfähigkeitszeiten zu verkürzen, unnötige Operationen und vorzeitige Berentungen zu vermeiden sowie die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Die teilnehmenden Patienten erhielten neben der Überprüfung ihrer Medikamentenversorgung jeden zweiten Tag Psycho- und Physiotherapie und nahmen an Kraft- und Ausdauertrainingseinheiten teil.

Die Erfolge zeigten sich jedoch nicht im erhofften Ausmaß. "Wir hatten erwartet, dass etwa 280 Versicherte mitmachen würden, von denen etwa 90 Prozent eine Verbesserung ihrer Situation bemerken", sagt Eberhard. Letztendlich nahmen aber nur 43 Patienten teil. 40 Betroffene konnten nach der Therapie wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, allerdings liegt die Behandlung erst bei 17 von ihnen lange genug zurück, um sie als erfolgreich abgeschlossen zu bezeichnen. Das ist zu wenig, um belastbare Aussagen machen zu können.

Die Gründe für die geringe Teilnahme sind vielfältig. "Einige Patienten waren nicht bereit, für die Therapie nach Hannover zu fahren. Andere, die arbeitsunfähig geschrieben waren, wollten gar nicht zurück in ihren Job, weil sie dort Probleme hatten." Manche hätten kein deutsch gesprochen, so Eberhard. "Sicherlich haben wir Erfolge erzielt, die intersektorale Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Ärzten und Therapeuten war sehr gut - man darf dennoch nicht zu hohe Erwartungen haben."

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