Ärzte Zeitung, 01.03.2011

Hintergrund

Kritische H1N1-Bilanz: Nur ärztlicher Rat hilft gegen Hysterie

Aus der Verunsicherung und dem Informations- chaos während der Schweinegrippe sollten nach Meinung von Experten schnell Konsequenzen für künftige Pandemien gezogen werden.

Von Thomas Trappe

Kritische H1N1-Bilanz: Ein sicherer Weg zur Hysterie ist der fehlende Rat von Ärzten

Leere Wartezimmer: Das Interesse an der H1N1-Impfung war gering.

© dpa

Es sind keine Bestnoten, die der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, Jan Schulze, seinen Kollegen erteilt. Mindestens "kritisch hinterfragt" werden müsse, was alles schief ging, als im Frühjahr 2009 die sogenannte Schweinegrippe Sachsen erreichte.

Schulze spricht von einem "Informationschaos" und von Ärzten, die ihre Patienten geradezu fahrlässig über vermeintliche Impf-Gefahren aufklärten. Sein Resümee ist klar: Die H1N1-Pandemie verlief "Gott sei Dank unerwartet mild", für das nächste Mal sei das aber nicht garantiert.

Der Freistaat und mit ihm die sächsischen Ärzte müssen nun dringend überlegen, wie eine Pandemie besser gemanagt werden kann. Schulze ist sich da einig mit dem Staatsministerium für Soziales, das zusammen mit der Kammer und der Kassenärztlichen Vereinigung jetzt bei einer Tagung in Dresden die Bewältigung der Pandemie auswertete.

Die Schweinegrippe kam 2009 aus Mexiko und den USA nach Deutschland. Ende Mai wurde in Sachsen der erste Fall festgestellt, ein Flugbegleiter aus Amerika war infiziert. Die Ausbreitung war rasant und lang anhaltend.

Bis Juli 2010 wurden laut Robert-Koch-Institut 10.600 Erkrankungen in Sachsen gemeldet. Die acht Todesfälle, die daraus resultierten, müssen als gering bezeichnet werden, zumindest gemessen an den Erwartungen.

Manche Schätzungen zu Beginn der Pandemie gingen von zigtausenden Toten aus. Bundesweit erkrankten 226.000 Menschen, es starben 257.

Gesundheitsämter setzten Vorgaben zu langsam um

Heidrun Böhm vom sächsischen Sozialministerium zeigte sich im Rückblick erleichtert, dass die Pandemie glimpflich ablief. Sie machte gegenüber den Ärztevertretern jedoch auch klar: Man geht im Ministerium nicht davon aus, dass das beim nächsten Mal ähnlich sein muss.

Deswegen müssten die Ärzte ihre Informationspolitik ändern. "Unser Ministerium hat sehr viele Informationen zur Pandemie zusammengetragen, und zwar sehr zeitig", sagte sie. Diese seien durch Ärzte aber oft nicht abgerufen worden.

"Es gibt nicht nur eine Bringschuld beim Ministerium, sondern auch eine Holschuld bei den Ärzten." Allerdings räumte Heidrun Böhm auch ein, dass bei vielen kommunalen Gesundheitsämtern Vorgaben aus dem Ministerium zu langsam umgesetzt worden seien.

14,2 Millionen Euro hatte der Freistaat laut Böhme 2009 und 2010 für H1N1-Impfstoffe ausgegeben, das reichte für knapp 930.000 Impfdosen. Die anfängliche Panik in weiten Teilen der sächsischen Bevölkerung, keine Impfung zu erhalten, wich dann aber offenbar schnell einem großen Desinteresse.

Nur jede dritte bestellte Impfung wurde gebraucht, nur sieben Prozent der Sachsen ließen sich impfen. Aus Sicht aller Experten bei der Veranstaltung eine fatal geringe Quote, exemplarisch für die bundesweite Situation.

Kammerpräsident Schulze machte dafür zunächst eine seiner Meinung nach verwirrende Berichterstattung in den Medien verantwortlich, sparte aber nicht mit Kritik am eigenen Berufsstand.

Die damals oft gehörte Meinung, eine Impfung gegen H1N1 berge Gefahren, sei auch von Ärzten verbreitet worden, nicht selten mit der Empfehlung, sich nicht impfen zu lassen. "Ich muss da die kritischen Ärzte deutlich auf ihre Sorgfaltspflicht hinweisen", so Schulze.

Allerdings seien die Ärzte selbst in einer schwierigen Lage gewesen. "Sie fühlten sich ebenfalls verunsichert und schlecht informiert durch widersprüchliche Aussagen." Gerade Mediziner, die sich als Impf-Experten ausgaben, hätten die Unsicherheit unter den Kollegen erhöht.

Gefäßchirurgen als Meinungsführer in Kliniken

Thomas Grünwald ist Impf-Experte am Klinikum St. Georg in Leipzig und konnte den Eindruck Schulzes nur bestätigen. In seiner Klinik seien es vor allem die Gefäßchirurgen gewesen, die unter den Kollegen verbreitet hätten, eine Impfung gegen Schweinegrippe berge mehr Gefahr als Nutzen. "Viele Ärzte haben da einfach abstruse Ideen", die sie dann an Patienten weitergeben würden.

Dazu passte die Zahl, die der in Hoyerswerda niedergelassene Arzt Thilo Wirth anführte. So seien nach offiziellen Statistiken nur 16 Prozent des medizinischen Personals gegen H1N1 geimpft gewesen. "Wir als Ärzte machen uns damit unglaubwürdig", kritisierte Thomas Grünwald.

Die Ziele von Ärzten und Regierung scheinen nach den durchwachsenen Erfahrungen bei der jüngsten Pandemie also klar formuliert. Bei der nächsten Pandemie soll die Strategie vorher feststehen, um zuverlässigere und vor allem einheitliche Informationen geben zu können.

Heike Bojunga, Dresdner Beraterin für Kommunikationsstrategien, erklärte, dass dafür vor allem die Vernetzung mit und unter den Ärzten verbessert werden müsse. Fänden die Patienten bei denen keinen Rat, würden sie sich in Internet-Blogs und Boulevard-Medien informieren -  der sicherste Weg zur nächsten Grippe-Hysterie.

[04.03.2011, 20:14:11]
Uwe Schneider 
Doppelte Übertreibung
Die Gefahren der Schweinegrippe-Impfung wurden wohl tatsächlich übertrieben, allerdings - wie meine Vorkommentatoren festgestellt haben - auch die Gefahren der Schweinegrippe selbst. Mehr Sachlichkeit in beiden Punkten wäre wohl angebracht gewesen. Dass die Politik ein Impfprogramm startete, kann man ihr aus Gründen der Risikovorsorgen angesichts der unübersichtlichen Datenlagen im Hinblick auf eine wohl unstreitig neuartige Bedrohung in der 1. Jahreshälfte 2009 nicht übel nehmen. Allerdings hätten die Verträge mit den Impfstoffherstellern doch etwas flexibler ausgestaltet werden sollen, damit die tatsächlich zu bezahlende (Abnahme-)Menge zumindest zum Teil der Fortentwicklung der Bedrohungslage hätte angepasst werden können. zum Beitrag »
[02.03.2011, 08:54:06]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Wollten Politiker ärztlichen Rat hören?
Es gab zahlreiche Versuche, die Diskussionen auf eine rationale Basis zu stellen. Einerseits war der Entschluss zu einer Impfstoffherstellung korrekt angesichts der unübersichtlichen Datenlage im Frühjahr 2009. Bedauerlicherweise zeigte sich dann noch im Spätherbst, dass selbst die WHO aufgrund von Verquickungen mit industriellen Interessen nicht mehr neutral beraten und entscheiden konnte und den harmlosen Verlauf zur Kenntnis nehmen konnte.
Tasächlich waren es auch in Deutschland einige industrienahe "Impfexperten", die auch dann noch Panik mit "über 35.000 Toten" schürten, als ein harmloser Verlauf der Epidemie längst absehbar war.
Dass jetzt ausgerechnet die Sachsen den Versuch der Geschichtsklitterung vorantreiben, ist wahrscheinlich auch kein Zufall: immerhin sitzen die Hauptgewinner der "Schweinegrippe" in Dresden: die Impfstofffabrik von GSK.
Die Überschrift des Artikels ist korrekt - ärztlicher Rat hilft gegen Hysterie - aber wollten und wollen Politiker und offizielle "Impfexperten" wirklich die Evidenzlage sehen?  zum Beitrag »
[01.03.2011, 18:35:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Der "Schweinegrippen-Blues" - Eine Realsatire
Bedauerlicherweise hat sich auch in Expertenkreisen immer noch nicht der korrekte Umgang mit der "Schweinegrippe"/Influenza A/H1N1 herumgesprochen. Ziel einer jeden "Pandemie"-bekämpfung ist es, eine optimale Antikörperbildung in der Bevölkerung möglichst schnell zu induzieren.

Die nationale Impfkampagne hatte uns den wichtigen Effekt der Diversifizierung aufgezeigt: Durch den Einsatz möglichst vieler verschiedener Impfstoffe bzw. Adjuvanzien und die Entwicklung ständig wechselnder Hauptzielgruppen bzw. Impfstrategien wurde in der Bevölkerung ein gesunder Wettbewerb geweckt, in kürzester Zeit den richtigen Impfstoff zu ergattern. Da Impfleistungen sich wieder lohnen sollten, war es völlig unnötig, einen allgemein zugänglichen Antikörpertest zur Kontrolle von Impferfolg und Immunität zu entwickeln. Dies hätte die pharmazeutische Industrie lästig behindert und internationale Absatzmärkte einbrechen lassen.

Schwangere und Babys mit ihren besorgten Eltern wurden besonders besänftigt, da der für sie mögliche Adjuvans-freie Impfstoff zunächst ausschließlich Bundespolitikern, -Beamten und der Bundeswehr zur Verfügung gestellt wurde. Letztere bedauernswerte Bevölkerungsgruppe war seit dem Ende des Kalten Krieges z. T. stark dezimiert, so dass ihr Fortpflanzungs- und Überlebenswunsch nicht nur unterstützt, sondern geradezu verfassungsrechtlich geboten erschien. Auch die ökologische Komponente durfte nicht vergessen werden. Der Impfstoff konnte in Berlin zentral gelagert und verspritzt werden, ohne lange Transportwege mit Diesel–Transportern ohne Feinstaubfilter. Die bei der Impfstoffherstellung anfallende CO2 Menge wurde so kyotoweise, äh, kiloweise, reduziert. Die Kühlkette für den Impfstoff wurde nicht unterbrochen, da die Verantwortlichen bei dieser Pandemie ständig einen kühlen Kopf behielten.

Jetzt soll allerdings nicht nur über verschiedene Impfstoffe, Adjuvanzien, Impfkampagnen und Zielgruppenverwirrungen bei der Priorisierung von Pandemieabwehrmaßnahmen lamentiert werden. Wo bleibst schließlich das Positive? In Deutschland gibt es, unterstützt durch die Behörden, eine jahrhundertelange Tradition, mit der wir mit Pest, Pocken, Cholera, Typhus, TBC, Polio und saisonaler Influenza fertig geworden sind. Bereits zur Adventszeit im Jahr 2009 begannen in der Hochzeit der Influenza A/H1N1-Pandemie die originellen Weihnachtsmärkte mit kleinen Holzbuden und Riesentannen. Die Menschen standen zusammen und trotzten der Pandemie mit Glühwein trinken aus so flott gespülten Bechern, dass der Lippenstift der Vorgängerin noch erkennbar blieb. Wie positiv, wenn vorher distanziert gehemmte Leute miteinander Brüderschaft tranken. Da teilte man solidarisch die Last von H1N1. Aber auch Enteroviren machten die Runde und Campylobacter bzw. Yersinien feierten mit. Meningokokken trafen sich verschämt mit beta- hämolysierenden Streptokokken. Massenweise Kolibakterien fanden ihr persönliches stilles Örtchen, die bei solchen Events immer am falschen Platz und in zu geringer Anzahl stehen (Prinz Ernst August von Hannover lässt grüßen!). Damit leisteten Wir, das Volk, einen entscheidenden Beitrag zur Abhärtung, zur schnelleren Umsetzung der Pandemiepläne und zur Arbeitsplatzsicherung von Ärztinnen und Ärzten in diesem unserem Lande.

Davor wurde die Bevölkerung behördlich aufgefordert, vor der Adventszeit noch Erntedankfeste, Herbst- und Handwerkermärkte zu besuchen. Das Münchner Oktoberfest im September 2009 und die Cranger Kirmes im Ruhrgebiet vom August 2009 wurden gut angenommen. Die Abstände zwischen den Ständen sollten mit aufgeklapptem Vordach unter Notarzt- und Rettungswagenbreite liegen, um das historische Verständnis für die Breite von alten Leiterwagen in der bäuerlichen Kulturlandschaft zu wecken. Die Übertragungswege für Erreger aller Art sollten keine großen Lücken zeigen und bei Hochbetrieb nicht den Ein-druck gähnender Leere entstehen lassen. Sicherheitshalber wurde das Ganze 2010 wiederholt und ist natürlich auch für 2011 geplant, Pandemie und Epidemie sei Dank!

Zum Schluss darf der Beitrag der Kinder nicht vergessen werden. In den ersten Lebensmonaten sind ein Schnullertausch und das Nuckeln an vielen Gegenständen sinnvoll. So wird Immunkompetenz erworben und Atopien bzw. Asthma bronchiale vorgebeugt. In Kindergärten wird dies weitergeführt, wenn fiebernde, mit symptomatischen Medikamenten bzw. Antibiotika versorgte Kinder den Kontakt zu ihrer Bezugsgruppe nicht verlieren. In Pandemiezeiten ist der Schwimmunterricht in den Schulen extrem wichtig. Kinder, die eine Pandemie überstanden haben, sollen doch nicht später durch Ertrinken zu Schaden kommen. Das gemeinsame Duschen fördert über Aerosole ausgetauschte Immunisierungen. Die aggressive Fußdesinfektion öffnet ungeahnte Hautspalten für das Eindringen von Mikroorganismen. Das Schwimmen im chlorierten Hallenbadwasser gewährt dann Abkühlung bei körperlicher Verausgabung. Beim abschließenden Haare föhnen können selbst die armseligsten Viren aufgepäppelt und zu voller Infektiosität reanimiert werden, um bei der Busheimfahrt neue Wirte zu finden. Im späteren Leben der Jugendlichen finden sich in Schulaulen, bei Sportfesten, in Diskos, Konzerten, überfüllten Hörsälen und stickigen Ausbildungszentren noch genügend weitere Gelegenheiten, in das Pandemiegeschehen positiv einzugreifen.

So findet sich traditionelles Brauchtum, überlieferte Verhaltensweisen, wissenschaftliche Analysen, Forschung, Diagnostik, Therapie und Prävention vereint, so wächst zusammen, was zusammengehört.

Freundliche, kollegiale Grüße, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM DO
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