Ärzte Zeitung, 09.03.2011

Kommentar

Erst einmal auf die Warteliste

Von Sunna Gieseke

Psychisch kranke Menschen brauchen Hilfe - und zwar sofort. Statt dessen landen sie auf einem Abstellgleis. Viele Psychotherapeuten haben lange Wartelisten. Und das macht es schwierig, schnell einen geeigneten Therapieplatz zu finden. Das ist jedoch heikel: Nicht nur für den Betroffenen bedeutet die psychische Erkrankung eine Belastung. Auch Freunde, Familie und der Beruf leiden darunter.

Auf dem Land stellt sich die Situation noch dramatischer dar als in Großstädten. Nicht selten müssen psychisch Kranke dort zusätzlich lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. Das ist gerade für ältere Patienten, die nicht mehr so flexibel und mobil sind, problematisch.

Grund für die Misere sind vor allem die veralteten Bedarfszahlen für Psychotherapeuten. Diese spiegeln nicht den tatsächlichen Bedarf wider und bedürfen dringend einer Überarbeitung. Noch steht die psychotherapeutische Versorgung aber nicht ganz oben auf der politischen Agenda.

Ein Fehler - denn der Bedarf wird künftig steigen. Noch haben sowohl Ältere als auch Menschen aus schwächeren sozialen Schichten Hemmungen, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Sollte sich dies ändern, werden die Wartelisten noch länger.

Lesen Sie dazu auch den Hintergrund:
Odyssee bei der Suche nach einer Psychotherapie

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[10.03.2011, 15:21:40]
Rüdiger Saßmannshausen 
Folgen der Yarvis-Versorgung
"Young, attractive, rich, verbalizing, intelligent, sophisticated" Solche "Klienten" werden bevorzugt. Für die anderen, die "Patienten" gibt's ja noch die anderen Psychos, die Psychiater und Nervenärzte, die sowieso nur Pillen aufschreiben. Frei nach dem Motto: Ich red' mir die Welt, so wie sie mir gefällt.
Tatsache: 1/4 der psychisch Kranken werden mit 3/4 der Ressourcen versorgt, die restlichen, aber immerhin 3/4 mit dem, was übrig bleibt. Nicht alle psychisch Kranken bedürfen der Richtlinienpsychotherapie, aber alle einer psychotherapeutischen Zugangsweise, so wie sie eben nicht nur von (Psychologischen) Psychotherapeuten, sondern genauso von Psychiatern und Nervenärzten wie auch von fitten Hausärzten geleistet wird, aber dann zum Billigtarif.
Psychotherapeuten sind Spezialisten, also sollten sie sich zuerst auf diejenigen Patienten beschränken, die ihrer Hilfe am dringendsten bedürfen. Für die "Behandlung" von Befindlichkeitsstörungen ist da kein Platz. Ebenso wenig machen Langzeittherapien häufig keinen Sinn (außer die genehmigten Sitzungen auszureizen), sinnvoller sind oft Kurzzeittherapien mit behandlungsfreien Kontrollintervallen.
Ein Gutteil schwerer psychischer Erkrankungen erfahren keinerlei Behandlung durch (Psychologische) Psychotherapeuten: Demenzen und deren Verhaltensstörungen, Suchterkrankungen, schizophrene und schwere manisch-depressive Erkrankungen, schwere Persönlichkeitsstörungen, Minderbegabungen mit Verhaltensstörungen etc.
Deren Nicht-Behandlung erzeugt für diese weitere Stigmatisierung!
Ergo: Super Verkaufsstrategie der DPtV, aber zu großen Teilen am tatsächlichen Versorgungsbedarf vorbei!

Rüdiger Saßmannshausen, Psychiater (Irrenarzt) zum Beitrag »
[10.03.2011, 09:26:27]
Walter Schenk 
PT-Bedarf ist unbegrenzt
Da noch nie Bedarfszahlen für Psychotherapie ermittelt wurden, kann es auch keine veralteten Zahlen geben. Die heutige Bedarfsplanung mit den sogenannten Verhältniszahlen (=IST-Bestand an PT im Jahr 2000) dient lediglich der Zuwachsbegrenzung. Gründe für Wartezeiten sind erstens die bereits geplanten Therapietermine und zweitens die stark gestiegene Nachfrage. Ob der Bedarf steigen wird, weiß ich nicht - laut den Marktgesetzen ist er unbegrenzt - aber die Anzahl der abgerechneten Therapiestunden hat sich laut Kassenangaben verdoppelt. Mit der Forderung nach sofortigen Terminen befördert sich der Kommentar vollends in die Traumwelt ... zum Beitrag »

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