Ärzte Zeitung, 01.05.2011

Interview

"Das Bild des Landarztes, wie wir es kennen, wird sich wandeln"

Empörung unter Ärzten hat die Gesundheitsministerin von Brandenburg, Anita Tack (Linke) hervorgerufen, weil sie mit der Aussage zitiert wurde, niedergelassene Ärzte seien ein Auslaufmodell. Die "Ärzte Zeitung" wollte es genauer wissen.

"Das Bild des Landarztes, wie wir es kennen, wird sich wandeln"

Anita Tack: "Die Sicherstellung ohne niedergelassene Ärzte ist nicht denkbar."

© Die Linke Brandenburg

Ärzte Zeitung: Frau Ministerin Tack, halten Sie niedergelassene Ärzte wirklich für ein Auslaufmodell?

Anita Tack: Natürlich nicht. Die Sicherung der gesundheitlichen Versorgung in Brandenburg ist ohne niedergelassene Ärztinnen und Ärzte überhaupt nicht denkbar. Allerdings - und das ist meine Überzeugung - das Bild eines Landarztes, wie wir es noch kennen, wird sich wandeln.

Warum sollte ein niedergelassener Arzt nicht an unterschiedlichen Wochentagen an verschiedenen Standorten in seiner Region Sprechstunden anbieten. Und wir werden uns auch daran gewöhnen müssen, dass der eine oder andere Arzt seine Praxis auf dem Land hat - aber mit der Familie in der Stadt lebt.

Ärzte Zeitung: Wie soll denn die ländliche medizinische Versorgung Ihrer Meinung nach künftig gesichert werden?

Tack: Wir haben dazu in Brandenburg ein ganzes Maßnahmebündel geschnürt: Land, Kassenärztliche Vereinigung, Ärztekammer, Krankenhausgesellschaft, Kommunen und Kassen unterstützen eine stärkere Einbindung Medizinstudierender der Charité in unsere Gesundheitsversorgung und bieten Top-Weiterbildungsangebote für angehende Fachärztinnen und Fachärzte.

Weitere Elemente sind der Ausbau Arzt entlastender Dienste wie durch die Gemeindeschwester und "Agnes zwei", stärkere Nutzung der Telemedizin und finanzielle Anreize für Studierende aber auch für Mediziner, die eine Praxis übernehmen wollen - um nur einige zu nennen. Und wir müssen endlich eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung hinbekommen.

Ärzte Zeitung: Bieten die Eckpunkte zum Versorgungsgesetz dafür genug Spielraum?

Tack: Sie sind ein erster Schritt, aber ich sehe noch erheblichen Nachbesserungsbedarf. Es ist dringend notwendig, dass Überversorgung zugunsten der schlechter ausgestatteten Regionen abgebaut wird. Hierfür hat der Bund noch kein schlüssiges Konzept auf den Tisch gelegt.

Fakt ist doch: Es gibt bundesweit nicht zu wenig Ärzte, sie sind nur ungerecht verteilt. Und es hilft auch nicht weiter, lediglich mehr Ärztinnen und Ärzte auszubilden, ohne den Fokus auf gut ausgebildete Hausärzte zu legen, und deren Tätigkeit im ländlichen Raum zu steuern.

Steigende Arztzahlen führen zwangsläufig zu steigenden Kosten des Gesundheitssystems, die dann auch von Brandenburger Versicherten zu tragen sind - unabhängig davon, in welchem Bundesland die neu ausgebildeten Mediziner zum Einsatz kommen.

Die Fragen stellte Angela Mißlbeck.

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[02.05.2011, 21:15:15]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Liebe "Linke", das Leben eines Landarztes låuft anders
"Es kommt nicht darauf an, Landårzte zu interpretieren, man muss sie veråndern"— das kønnte das Motto der Landesgesundheitsministerin von Brandenburg, Anita Tack, sein. Warum sind denn wohl die schwindenden Land- und Hausårzte/-innen noch in ihren Praxen? Weil sie "Idealisten" sind und damit "natürliche Klassenfeinde"?

Nein, verehrte Frau Ministerin, haus- und landårztliche Tåtigkeiten sind keine der zahlreichen medizinischen Fachspezialitåten, sondern eine besondere Sichtweise auf die gesamte Medizin und alle Patientinnen und Patienten. Da kann man keine Stådter oder Universitåtsmediziner alle paar Tage auf's Land einfliegen lassen, vielleicht noch an wechselnden Wochentagen und an verschiedenen Orten, um dort reine Lehrbuchmedizin abspulen zu lassen. Da gibt es keine geregelte Arbeitszeit von 8-17 Uhr mit 1 Stunde geregelter Mittagspause. Da richten sich die akuten und chronischen Krankheiten mit dringlicher Zuspitzung nicht nach dem "Fahrplan" des "wandernden" Landarztes. Und da gibt es keine Auszeit, wenn Patienten Trost, Zuspruch, Palliation und psychosoziale Kompetenz statt einer "Pille" brauchen, wåhrend das Wartezimmer mit den Füßen scharrt.

Haus- und Landårzte brauchen durchaus Hilfe, einige Antworten und Handlungsanleitungen hat z. B. der Deutsche Hausårztverband. Aber was gewiss nicht weiterhilft ist ein ministeriellen "Wie geht's Uns denn heute?" — Und das gilt im Grunde für alle politischen Parteien in der Bundesrepublik.

Mf+kG Dr. med. Thomas G. Schåtzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Bergen am See, NL - mit Tastaturproblemen)  zum Beitrag »

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