Ärzte Zeitung, 25.05.2011

Köhler bietet "friedliche Koexistenz" an

Neue Töne von KBV-Chef Dr. Andreas Köhler: Statt harter Konfrontation zwischen Kollektiv- und Selektiv- verträgen scheint ihm nun ein Nebeneinander von Kollektiv-Verträgen möglich. Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt bleibt skeptisch.

Von Ilse Schlingensiepen

Köhler bietet "friedliche Koexistenz" an

Das Lachen täuscht: Die letzten Jahre waren von einer tiefen Kluft zwischen KBV-Chef Dr. Andreas Köhler und Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt geprägt. Gehen beide nun Schritte aufeinander zu?

© Schulten

KÖLN. Der KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Köhler hat den Deutschen Hausärzteverband aufgefordert, die friedliche Koexistenz zwischen Kollektivvertrag und Selektivverträgen zu ermöglichen. "Die Konfrontation macht keinen Sinn mehr", sagte Köhler auf dem 10. Nordrheinischen Hausärztetag in Köln.

Zurzeit werde über den Paragrafen 73b zur hausarztzentrierten Versorgung nur als Ersatz für eine flächendeckende Versorgung diskutiert. Es gebe aber auch 73b-Verträge neben dem Kollektivvertrag. "Ich fordere vom Hausärzteverband ein, auch darüber zu reden", sagte Köhler.

Nach wie vor gehe es um die Sicherstellung der Versorgung. Sie sei allein mit Selektivverträgen nicht zu gewährleisten. Krankenkassen machten Versicherten in Regionen, in denen sie nur schwach vertreten sind, keine Angebote.

Ein weiteres Risiko, so Köhler: "Selektivverträge sind kündbar, der Kollektivvertrag ist nicht kündbar." Genau deshalb brauche man das Nebeneinander beider Formen.

Anerkennung für das Modell Baden-Württemberg

Die Bereinigung der Gesamtvergütung beim Abschluss von Selektivverträgen sieht der KBV-Chef nicht als Problem. Sie funktioniere umstandslos. "Die Grundsatzfrage ist eine andere: Will ich kassenspezifische Versorgungsverträge, oder will ich kassenübergreifende?"

Die ersten Erfahrungen aus dem Hausarztvertrag von AOK, Hausärzteverband und Medi in Baden-Württemberg haben Köhler die Sorge genommen, dass die Verträge zu Risikoselektion führen. "Ich habe gesehen, dass im Selektivvertrag tatsächlich kranke Menschen behandelt werden."

Weigeldt: Hausärzten geht es um eine Alternative

Für eine leichte Sache hält der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt die friedliche Koexistenz mit der KBV nicht. "Ich kann mir vorstellen, dass es einfacher ist als zwischen Palästinensern und Israelis, wenn auch nicht viel einfacher", sagte er.

Die Hausärzte wollten keine Fundamentalopposition gegen den Kollektivvertrag. Sie müssten ihn wie "schlechtes Wetter" hinnehmen. "Es geht nicht um die Abschaffung des Kollektivvertrags, sondern darum, uns zeigen zu lassen, dass es auch anders geht."

Letztendlich hätten die Patienten das letzte Wort, welche Form sich durchsetzt. "Ob Versicherte das Angebot eines Selektivvertrags annehmen oder nicht, entscheiden sie selbst."

Ungeklärt sei, ob die Versorgung wirklich über Körperschaften geregelt und geplant werden müsse, sagte der Verbandsvorsitzende. "Wir brauchen den Mut und die Chance, es freiwillig zu regeln." Auch der Hausärzteverband habe Interesse an kassenartenübergreifenden Lösungen.

Die Staatssekretärin im NRW-Gesundheitsministerium Marlis Bredehorst bezeichnete die Sicherstellung einer flächendeckenden hausärztlichen Versorgung als "eines unserer größten Probleme". "Wir wollen eine flächendeckende Grundversorgung für alle Patienten, egal in welcher Krankenkasse sie sind."

Bredehorst bezweifelte, dass sich der hausärztliche Nachwuchsmangel allein durch eine bessere Vergütung in Hausarztverträgen beheben lässt. Das Hausarztaktionsprogramm der alten Landesregierung mit seinen finanziellen Anreizen sei nicht auf große Resonanz gestoßen.

Gerade einmal 45 Hausärzte hätten die Unterstützung in Anspruch genommen. "Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein." Für wichtig hält sie andere Zugangskriterien für das Medizinstudium und eine höhere Wertschätzung der Allgemeinmedizin an den Universitäten.

Hausarzt- und andere Selektivverträge machen nach Bredehorsts Einschätzung Sinn, wenn sie zu einer besseren Versorgungsqualität führen, nicht jedoch um unzureichendes Honorar zu verbessern.

Das ärgerte Weigeldt. Für Entwicklungen wie Solarenergie oder Elektroautos gebe es problemlos Geld. "Wenn wir die hausärztliche Versorgung fördern wollen, dann heißt es: Wir brauchen erst einmal Qualität."

"Sich selbst verwaltende Zentral-Bürokratie"

Wenige Tage vor der ersten öffentlichen KBV-Vertreterversammlung und vor dem Hintergrund eines unglücklichen Verlaufs der jüngsten VV hat Hausärztechef Ulrich Weigeldt die KBV erneut hart attackiert: "Die Selbstverwaltung der Ärzte ist mit der KBV zu einer sich selbst verwaltenden zentralen Bürokratie verkommen." Die KBV wende sich mit den Kassen gegen die Arztpraxen, wie etwa "bei der geplanten handstreichartigen Einführung der ambulanten Kodierrichtlinien". Dagegen schaffe die KBV keine Versorgungsinnovationen, Honorarreformen scheiterten in kurzer Folge, die Sicherstellung der Versorgung sei eine für die KBV "nicht mehr lösbare Aufgabe". (HL)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Friedliche Koexistenz

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