Ärzte Zeitung, 31.08.2011
 

Vom Elfenbeinturm in die Praxis

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will die Versorgungsforschung aus dem Elfenbeinturm holen: Das Portal www.versorgungsatlas.de setzt auf die aktive Beteiligung der Nutzer. Hier kann sich jeder informieren und diskutieren.

Von Sunna Gieseke

Vom Elfenbeinturm in die Praxis

Bisher sind die Daten zur Versorgungsforschung verstreut - auf dem Portal der KBV sollen sie jetzt gebündelt werden

© www.versorgungsatlas.de

BERLIN. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat sich zum Ziel gesetzt, Licht ins Dunkel der Versorgungsforschung zu bringen: "Im Hinblick auf die Frage, wie gut die Bevölkerung einer Region insgesamt versorgt ist, tappen wir nach wie vor weitgehend im Dunklen", sagte KBV-Chef Dr. Andreas Köhler in Berlin.

Das interaktive Internetportal www.versorgungsatlas.de, das die KBV gemeinsam mit dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) betreibt, soll nun Fragen zu regionalen Versorgungsstrukturen beantworten.

Regionale Unterschiede feststellen und handeln

"Regionale Besonderheiten sind nicht per se Zeichen von Defiziten in der Versorgung", so Köhler. Es sei eine Sache, regionale Unterschiede beispielsweise bei der Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen festzustellen. Eine andere sei es, die Gründe dafür zu erkennen und daraus einen Handlungsbedarf sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Ein Ziel des Portals ist es daher, zum Handeln anzuregen. Daher sei es "wünschenswert", dass das Portal den Krankenkassen und ihren Vertragspartnern künftig als Referenz für die Weiterentwicklung der Versorgung dient und "dass dies von Patienten und Ärzten per Mausklick nachvollzogen werden kann", sagt Köhler.

Versorgungsforschung für Entscheider und Interssierte

"Wir wollen die Versorgungsforschung aus dem Elfenbeinturm befreien und ihren Ergebnissen ein Forum bei Entscheidungsträgern und der interessierten Öffentlichkeit geben", betont Köhler.

Die Homepage solle zudem nicht auf die vertragsärztliche Versorgung begrenzt werden: Denn auf der öffentlichen Website sollen auch andere Versorgungsforscher, zum Beispiel aus Universitäten, Krankenkassen und weiteren Einrichtungen Auswertungen veröffentlichen können. Diese können jederzeit von jedem Nutzer der Plattform kommentiert werden.

ZI übernimmt Betreuung des Portals

"Dadurch wollen wir das KV-System enger mit der wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Fachwelt zusammenbringen", ergänzt ZI-Geschäftsführer Dominik Graf von Stillfried. Beschimpfungen würden selbstverständlich nicht veröffentlicht. Das ZI übernimmt künftig die Betreuung des Portals: Dafür erstelle das Institut regelmäßig eigene Beiträge, so von Stillfried.

"Zudem werden wir die an versorgungsatlas.de übermittelten Beiträge und Kommentare in das Redaktionssystem der Seite einstellen." Eine redaktionelle Bearbeitung eingesandter Beiträge werde das ZI allerdings nicht vornehmen. Deren methodische Bewertung erfolge durch ein Gremium unabhängiger Wissenschaftler, wie es auch bei Fachzeitschriften üblich sei.

Regelmäßig neue Themen

Bisher stehen online überwiegend Influenza-Impfraten zur Verfügung. "Wir werden aber regelmäßig neue Themen online einstellen", sagte von Stillfried.

Andere Gesundheitssysteme saugen längst Honig aus den ihnen vorliegenden Daten, veröffentlichen diese auf vergleichbaren Portalen und stoßen damit gesundheitspolitische Diskurse an. Vorreiter sind die USA: Hier geschieht dies bereits seit 20 Jahren. Auch Großbritannien und Spanien haben den Nutzen erkannt. In Deutschland fehle bisher eine solches Portal, so Köhler. Die KBV will mit dem Versorgungsatlas diese Lücke schließen.

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KBV startet den Überblick

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Die Politik reizt, die KBV reagiert

[31.08.2011, 11:30:48]
Dr. Jürgen Schmidt 
Ein mutiger Schritt
Bevor man die neue Offenheit der KBV würdigt, sollte man sich daran erinnern, welche Geheimhaltung ZI und KBV noch vor wenigen Jahren mit den Leistungsstatistiken AIS ( Häufigkeit, Zunahme, Verteilung etc von Einzelleistungsziffern nach Fachgruppen) betrieben haben.
Ich erinnere mich an Zeiten, als KV-Fürsten sogar deren Existenz leugneten.
Tatsächlich war das Material äußerst brisant, gab es doch Aufschluss über Honorarverschiebungen zwischen den Fachgruppen von Jahr zu Jahr.

Insofern wird der offene Umgang mit Leistungsdaten im Rahmen der Versorgungsforschung nicht nur erwünschte Effekte zeitigen.
Man wird sich auch einer Rationalisierungsdebatte stellen müssen, die für manche Bereiche schmerzhaft sein wird. Man kommt aber nicht daran vorbei, diese offene Flanke zu schließen und Begründungszwänge zu akzeptieren, wenn man in einem ausdifferenzierten Verteilungsstaat Ressourcen einfordert.
Letztendlich dürfte der mutige Schritt auch der richtige sein. zum Beitrag »

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