Ärzte Zeitung online, 27.12.2011

Werbetrommel für J1 viel zu selten gerührt

WIESBADEN (jvb). Nur etwa ein Drittel der Jugendlichen nutzt die Jugenduntersuchung J1. Dabei bringt die neue Lebensphase auch viele Fragen mit sich, zum Beispiel: Wie gewöhne ich mir das Rauchen ab? Wer hilft mir, wenn ich erpresst werde? Warum ist man beim Sex laut? Fragen, die sie bei der J1 stellen könnten.

Doch sie "wissen oft nicht, an wen sie sich wenden können", sagte Simone Linden, Geschäftsführerin des Vereins "Mehr Zeit für Kinder", auf der Podiumsdiskussion "Vorhang auf für Deutschlands Jugendgesundheit: Bühne frei für die Jugendgesundheitsuntersuchung J1" von Sanofi Pasteur MSD (SPMSD) in Wiesbaden. Der Verein setzt sich für den Zusammenhalt zwischen Jung und Alt in Familien ein.

Um die J1 bekannt zu machen, hat Linden mithilfe des Impfstoffherstellers die Initiative "J1 - damit du Bescheid weißt" gegründet. Seit Anfang des Jahres haben die vier Mitarbeiter der Initiative rund 2200 Schüler der sechsten und siebten Klassen hessischer Schulen besucht.

Dort klären sie nicht nur über die J1 auf, sondern sprechen mit den Heranwachsenden auch über Sexualität, Drogen oder Ernährung.

Vorab werden die Ärzte im Umkreis der Schule informiert und erhalten auf Wunsch Plakate für ihre Praxis. Ärzte seien jedoch als Respektpersonen häufig zu weit weg von den 12- bis 14-Jährigen, so Linden.

Besondere Vorsorge

Daher "müssen Ärzte das Vertrauen schon vorher aufbauen", erklärte Dr. Bernhard Stier vom hessischen Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Zudem sei die J1 eine besondere Vorsorgeuntersuchung, weil sie dem Arzt Einblick in körperliche und seelische Ressourcen der Jugendlichen gewähre.

"Der Satzergänzungstest liefert meistens fantastische Ergebnisse und zeigt häufig schon direkt die Probleme der Heranwachsenden", sagte Stier.

Um die Bereitschaft zur J1 zu erhöhen, brauche es aber eine bessere Koordinierung einzelner Projekte, so die Auffasung aller Podiumsteilnehmer aus Politik, Krankenkassen, Ärzteschaft und der Initiative.

Unterschiedlicher Meinung waren sie darüber, wie die Abstimmung punktueller Projekte verbessert werden kann. Dr. Klaus Schlüter von SPMSD plädierte für eine Jugendgesundheitskonferenz. Mario Döweling, bildungspolitischer Sprecher der hessischen FDP, forderte, auch die Kommunen zu beteiligen.

Hingegen forderte Dr. Ralf Bartelt, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU in Hessen, Ärzte, Arzneimittelhersteller und Krankenkassen dazu auf, mit eigenen Vorleistungen der Politik die Hilfe zu erleichtern.

Beispiel Rheinland-Pfalz

So könne er sich vorstellen, dass Hersteller die Impfstoffe zu einem günstigeren Preis abgeben, wenn ein Jugendlicher aufgrund der J1 geimpft werde.

Im Gegenzug bot Bartelt an, "die Politik könnte beispielsweise Schulen dazu bringen, dass sie auf die J1 aufmerksam machen."

Eine vergleichbare Regelung existiert bereits im Nachbarbundesland. In Rheinland-Pfalz hat man mit der Einladung zur J1 des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung sehr gute Erfahrungen gemacht.

Seit 2008 werden dort Eltern über den Nutzen der J1 informiert, bevor ihr Kind zwölf Jahre alt wird und damit der Untersuchungszeitraum beginnt.

Seitdem ist die Teilnahmequote um knapp 50 Prozent gestiegen. Während die KV Rheinland-Pfalz 2007 noch 15.606 Jugenduntersuchungen verzeichnete, waren es 2010 rund 23.102.

Informationsmaterial und Plakate für die Praxis können Ärzte unter www.j1-info.com kostenlos bestellen.

Literatur: B. Stier, N. Weissenrieder (Hrsg.): Jugendmedizin - Gesundheit und Gesellschaft. Springer Verlag 2006

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