Ärzte Zeitung, 16.12.2011

Chirurgen - Job super, Privatleben lau

Operieren ist ihnen das liebste, aber die Bedingungen, unter denen Deutschlands Chirurgen arbeiten müssen, empfinden viele mittlerweile als unzumutbar.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Chirurgen - Job super, Privatleben lau

Die hohe Arbeitsbelastung bringt viele Chirurgen an den Rand ihrer Kräfte.

© Falk / fotolia.com

BERLIN. Chirurgen in Deutschland haben im Vergleich zu Ärzten anderer Fachrichtungen eine deutlich schlechtere Lebensqualität. Ein Grund könnte sein, dass sie mehr arbeiten und weniger Zeit für Privates haben.

Das legt zumindest eine große Befragung nahe, die von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) initiiert worden ist.

In den Jahren 2008 und 2009 wurden knapp 3000 Chirurgen und, als Vergleichsgruppe, über 500 Ärzte aus nicht-chirurgischen Fachrichtungen befragt. Ausgegeben wurden die Fragebögen auf diversen Kongressen.

Die nichtrepräsentative Umfrage zeigt, dass Chirurgen ihren Beruf lieben: 96 Prozent sagen, operieren sei ihre liebste Tätigkeit. Und 77 Prozent würden den Job im nächsten Leben wieder wählen.

Beim Privatleben allerdings macht der Chirurg oft Abstriche, die über jene in anderen ärztlichen Fachrichtungen deutlich hinauszugehen scheinen.

Ungünstige Arbeitsbedingungen

So wurden in der DGCH-Studie - wie bei Patientenstudien üblich - unterschiedliche Dimensionen der Lebensqualität analysiert.

Dabei zeigte sich, dass Chirurgen in den sechs untersuchten Dimensionen Leistungsvermögen, Genuss- und Entspannungsfähigkeit, positive beziehungsweise negative Stimmung, Kontaktvermögen und Zugehörigkeitsgefühl jeweils signifikant schlechter abschnitten als nicht chirurgisch tätige Ärzte.

Die Werte waren dabei teilweise schlechter als in - natürlich nicht direkt vergleichbaren - Patientenstudien.

Die Gründe für die schlechtere Lebensqualität könnten in den ungünstigeren Arbeitsbedingungen liegen. Zumindest zeigt die DGCH-Umfrage hier deutliche Unterschiede zwischen Chirurgen und Nicht-Chirurgen.

So gaben 17 Prozent der Chirurgen an, im Durchschnitt länger als achtzig Stunden pro Woche zu arbeiten. Und 51 Prozent gaben an, sechzig bis 79 Stunden pro Woche zu arbeiten.

Imbalance des Wertegefüges

In nicht chirurgischen Fächern ist das anders. Nur sieben Prozent gaben hier an, über achtzig Stunden zu arbeiten. Und knapp jeder dritte landet zwischen sechzig und 79 Stunden.

Passend dazu beklagen sich drei von vier Chirurgen über viel zu wenig oder gar kein Privatleben. Bei Nicht-Chirurgen sind es signifikant weniger, nämlich "nur" drei von fünf.

Auch das Arbeitsklima empfinden Chirurgen als schlechter: 17 Prozent der Chirurgen in Deutschland sind damit "überhaupt nicht zufrieden". Bei den Ärzten anderer Fachrichtungen sagten das nur acht Prozent.

Hierarchische Organisationsstrukturen beklagen 23 Prozent der Chirurgen aber nur neun Prozent der nicht-chirurgischen Ärzte.

DGCH-Generalsekretär Professor Hartwig Bauer appellierte an die Kliniken, diese Ergebnisse ernst zu nehmen und Verbesserungsmöglichkeiten zu eruieren: "Die hohe Arbeitsbelastung in der Chirurgie führt nicht nur zu einer Imbalance des Wertegefüges. Ein Chirurg mit Burn-out kann auch zum Risiko für den Patienten werden."

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