Ärzte Zeitung, 15.02.2012

Kabinett billigt neue Drogen- und Suchtstrategie

Die Bundesregierung setzt auf bessere Aufklärung und Beratung - und auf die Kompetenz von Ärzten.

Von Sunna Gieseke

BERLIN. Die Bundesregierung will die Rolle der Ärzte in der Suchtprävention stärken. Sie seien häufig der erste Ansprechpartner für suchtgefährdete Menschen, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP) in Berlin. Mit Aufklärung und Beratung will die Bundesregierung Suchterkrankungen den Kampf ansagen.

Das Bundeskabinett hat dazu am Mittwoch eine "Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik" beschlossen. Diese soll einen Aktionsplan aus dem Jahr 2003 ersetzen. Eltern und Ärzte sollen effizienter unterstützt werden, um Risiken frühzeitig zu erkennen und Suchtentwicklung vorzubeugen, sagte Dyckmans. In Deutschland stünden für Suchtkranke viele Hilfsangebote zur Verfügung. Jedoch beanspruchten zu wenige Menschen diese Angebote, so Dyckmans. Daher müsse die Frühintervention, vor allem in Praxis und Klinik, ausgebaut werden. Wie dies genau aussehen soll, ließ die Drogenbeauftragte offen.

"Unser Ziel ist, dass Suchterkrankungen erst gar nicht entstehen", sagte Dyckmans. Daher sei es wichtig, vor allem Kinder und Jugendliche frühzeitig mit präventiven Maßnahmen zu erreichen, insbesondere in der Schule und in Ausbildungsstätten. Es käme aber auch darauf an, Erwachsene mit Suchtprävention zu erreichen, zum Beispiel in Betrieben und im Krankenhaus. Dabei soll die Qualität der Behandlung an den Bedürfnissen des Einzelnen ausgerichtet werden. Mit anderen Worten: Ein älterer alkoholkranker Mensch braucht eine andere Behandlung als ein junger Mensch, der internetsüchtig ist. Es dürfe niemand mehr an den vielfältigen und komplexen Schnittstellen zwischen Beratungsstellen, ambulanten und stationären Suchthilfeeinrichtungen, Rehabilitation, Arbeitsvermittlung oder der Jugendhilfe verloren gehen, so Dyckmans.

In den letzten Jahren hätten sich die Verhaltensmuster beim Suchtmittelkonsum verschoben. Riskante Konsumformen, wie das sogenannte Komasaufen bei Jugendlichen, aber auch neue synthetische Substanzen machten neue Ansätze in der Drogen- und Suchtpolitik notwendig, betonte die Drogenbeauftragte. Dem letzten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung vom Mai 2011 zufolge greifen Jugendliche seltener zur Zigarette oder Joint. Allerdings wurde häufiger Alkoholmissbrauch festgestellt. Die Grünen kritisierten die neue Suchtstrategie der Bundesregierung als "kümmerlich". Dyckmans habe eine "Stilllegungsprämie" verdient, sagte Grünen-Politiker Harald Terpe. Die Drogenbeauftragte lege vor allem die Hände in den Schoß.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

"Mehr Geld für Kranke, weniger für Gesunde"

15:47Die Verteilungsregeln für den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen sollen deutlich verändert werden. Das hat ein Expertenkreis beim Bundesversicherungsamt jetzt vorgeschlagen. Die Meinung der Kassen ist geteilt. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »